50 bekannte Wissenschaftler über Gott, Religion und religiösen Glauben
29. Juli 2011 16 Kommentare
Leiter Reports macht auf dieses Video hier aufmerksam:
Alles Größen ihres Faches, z.T. Nobelpreisträger, und nahezu alle Urteile über Religion sind vernichtend. Am coolsten ist Simon Blackburns Kommentar zu religiösem Glauben: “I think it’s a subject for comedy. It’s part of the human comedy.”

Lächerlich, die Frage nach Gott und Religion ausgerechnet von Wissenschaftlern beantworten zu lassen. Da hat man wieder den Bock zum Gärtner gemacht.
So sind sie halt, die Götter des ” ich glaub nur an das, was ich sehen, messen, wiegen kann”.
Es handelt sich dabei nicht um eine repräsentative Umfrage, die irgendetwas beweisen oder “beantworten” will. Es ist nur ein Indikator dafür, was offensichtlich intelligente Leute so von Religion halten. Die kommen natürlich nahezu alle aus bestimmten Forschungsgebieten, kar. Ich vermute auch, dass andere Ergebnisse herauskommen, wenn man z.B. Literaturwissenschaftler oder Musikwissenschaftler befragt (das wäre mal interessant).
Allerdings muss man auch sagen, dass Religionen und insbesondere religiöse Hardcore-Leute, die intelligent design und sonstigen Quark vertreten, Behauptungen aufstellen, die definitiv in das Forschungsgebiet dieser Leute fallen. Daher haben sie alles Recht, sich dagegen auszusprechen und sie haben die guten Gründe auf ihrer Seite, während Religiöse nur unbelegbare Zaubersprüche anzubieten haben, für die nichts spricht außer die Vehemenz und Emphase, mit der sie vorgetragen werden.
Natürlich ist es das gute Recht eines jeden Wissenschaftlers seine atheistische Überzeugung zu vertreten. Trotzdem hat es für mich ein Geschmäckle. Wer seinen wissenschaftlichen Glauben hat oder den Glauben an seine Mission oder einfach an sich selber und seine Familie, dem kann dieser Glauben nicht so einfach vergällt werden. Er ist in einer starken Position. Ein Glaube wie der christliche Glaube jedoch steht auch denen zur Verfügung, die sonst nichts haben, woran sie glauben können. Der christliche Glaube ist im Kern der Glaube daran, dass alle Menschen etwas verbindet, egal wie ihre gesellschaftliche Stellung ist oder wie schlimm ihre Verfehlungen sind. Der aufgeklärte, starke, atheistische Wissenschaftler stellt sich darüber und versucht diesen Glauben an die Verbindung – oder nennen wir es „Liebe“ – zu erschüttern.
Selbstverständlich haben die Religionen erhebliche Kollateralschäden verursacht, die ich nicht versuche zu relativieren. Das untergräbt jedoch nicht die Daseinsberechtigung einer Spiritualität, die augenscheinlich für viele Menschen eine Bedeutung hat (sofern sie nicht versucht, die vergangen Fehler zu wiederholen).
Ich sehe das anders, ich halte das Christentum für eine menschenverachtende Unterdrückerreligion, die den Menschen ausschließlich erniedrigt und niemandem hilft. Aber vielleicht sollten wir dieses Fass hier lieber nicht aufmachen. Was ich aber zu Ihrem Kommentar sagen möchte:
1. Ich glaube nicht, dass diese Wissenschaftler Spiritualität grundsätzlich erschüttern wollen (einige wollen das sicher, aber nicht alle). Die wenigsten würden wohl behaupten, dass niemand einen privaten Glauben haben dürfe, weil dieser irrational und nicht wissenschaftlich zu stützen ist.
2. Es ist nicht die Wissenschaft, die hier versucht, irgendwas zu erschüttern – Wissenschaft geht es schlicht um Wahrheit, nicht um Erschütterungen von privaten Überzeugungen, auch wenn das natürlich ein Nebeneffekt der Wahrheitsfindung sein kann (und vielleicht sogar sein sollte). Vielmehr drängen die Religionen selbst darauf, wissenschaftliche Erkenntnis durch dogmatische Glaubenssätze zu ersetzen, die irrationaler oft nicht sein können – man denke an “intelligent design” und ähnlichen Unsinn.
3. Diese 50 Leute kritisieren auch nicht vergangene oder aktuelle Vergehen oder “Fehler” der Kirchen, sondern eben solche (wenn man so will) theoretischen Annahmen und Behauptungen von Religiösen, die schlicht nicht haltbar sind. Und “kritisieren” ist vielleicht schon zu viel gesagt, es handelt sich ja schlicht um ein paar kurze Interviewausschnitte.
Wenn Religion sich aufdrängt (was ich natürlich aus der Weltgeschichte kenne, jedoch nicht aus persönlicher Erfahrung) dann ist das selbstverständlich anmaßend. Ebenso anmaßend ist es, Religiosität zu unterdrücken (was in totalitären Herrschaftsformen regelmäßig) und es ist auch anmaßend, wenn Atheismus versucht sich aufzudrängen. So sehe ich zum Beispiel Dawkins Abwertung des Theismus (durch seine Behauptung, dass Religion sozial schädlich wäre) als Anmaßung. Abgesehen davon, dass ich jeden Wissenschaftler, der sich ernsthaft damit auseinandersetzt etwas zu widerlegen, was nicht widerlegbar ist (ansonsten ginge es ja auch nicht um Glaubensfragen) für einen Deppen halte. Die konkrete Form der Ausübung des Glaubens ist natürlich jederzeit diskutabel. Auch ist es das gute Recht jedes Atheisten, seinen Glauben zu verteidigen. Ob die Menschen mit oder ohne Religionen insgesamt besser dran gewesen wären und sind – wer kann das schon seriös beurteilen.
Solang jemand seine Auffassungen gut begründet (Dawkins versucht das in der Regel, auch wenn man das oft sicher besser machen kann als er), sehe ich kein Problem darin, auch Dinge zu konstatieren, bei denen sich viele Leute auf den Schlipps getreten fühlen. Ich selbst denke ebenfalls, dass Religion sozial schädlich ist, jedenfalls für Demokratien, die auf kritische, selbstdenkende Bürger wert legen (für Staaten, die das nicht wollen, kann Religion statt dessen ganz hilfreich sein).
Dann: Die Existenz eines Gottes ist natürlich nicht empirisch-naturwissenschaftlich zu widerlegen. Hat auch nie jemand versucht, glaube ich. Aber es gibt gute philosophische Gründe gegen die Existenz eines Gottes, v.a. gegen die Existenz eines Gottes nach christlichem oder islamischem Strickmuster.
Und dazu: „Ob die Menschen mit oder ohne Religionen insgesamt besser dran gewesen wären und sind – wer kann das schon seriös beurteilen.“ … möchte ich sagen: Jeder, der sich um ein ernsthaftes Urteil bemüht. Warum sollte diese Frage nicht seriös zu beantworten sein?
Hm, ich denke schon, daß hanneswursts Position nicht ganz unplausibel ist – und das sage ich durchaus als militanter Atheist. Religion in den Händen der Herrschenden wurde und wird natürlich als Herrschaftsinstrument genutzt, und die Beherrschten nehmen sie in ihrer Verzweiflung gerne als Vorwand, um ihre Passivität zu legitimieren oder ihre Aggressionen abzureagieren, indem sie sie gegen “Ungläubige” richten. Insofern würde ich Dir recht geben, daß Religion eine Geißel der Menschheit ist.
Aber es gibt auch die religiöse Ketzergeschichte, die aus der Religion die Ermächtigung abgeleitet hat, sich gegen die Obrigkeit zu erheben (Ernst Bloch hat versucht, in seiner Philosophie diese Tradition fruchtbar zu machen; von ihm ist auch der Ausspruch überliefert: “Ich bin Atheist, um Gottes Willen”).
Die rein szientifische Ablehnung der Herrgotts, wie sie sich im Video dokumentiert (soweit ich das bislang gesehen habe), greift deshalb zu kurz. Natürlich widerspricht jede Vorstellung von Gott einer wissenschaftlich-positivistischen Weltsicht, aber in einer solchen positivistischen Weltsicht haben auch die menschlichen Träume von einer besseren, gerechteren Welt keinen Platz. Und diese Träume hatten einmal ihren Ort in der Religion. Aus dieser Verklammerung gilt es einerseits sie zu befreien, doch andererseits müssen sie auch gegen den Positivismus verteidigt werden, wie er in diesen Interviewschnipseln zum Ausdruck kommt.
Wäre die Menschheit denn mit oder ohne Sarkasmus besser dran? Haben Sie da eine seriöse Antwort drauf?
Sicher mag es manchmal der Fall sein, dass Religion dazu beigetragen hat, irgendwo gesellschaftliche Zustände zu verbessern. (Luthers Wirken kann man bei aller nötigen und berechtigten Kritik an Luther, unter diesem Aspekt sehen; man kann auch an die “Befreiungstheologie” oder sowas denken; Bloch hat’s in seinem Buch Atheismus im Christentum versucht) Es fragt sich aber, ob das jeweils auf richtigen Interpretationen des Christentums beruht. Letzteres glaube ich aus verschiedenen Gründen nicht. Z.B. gibt es in der Bibel kein Gebot, gegen ungerechte gesellschaftliche Zustände anzukämpfen, im Gegenteil. Und noch wichtiger: Im Zentrum des Christentums steht der Gehorsam gegenüber Gott und göttlichen Geboten; nicht freies, ergebnisoffenes kritisches Denken. Selbst wenn das Christentum in einigen Fällen positive Effekte hatte, im Wesentlichen steht die christliche Lehre jeder aufklärerischen Bemühung entgegen. Es darf ja nicht mal an der Existenz Gottes gezweifelt werden, ohne dass es himmlische Sanktionen gibt. Als ich sagte, dass ich Religion für “sozial schädlich” halte, meinte ich vor allem das.
In den Videos, das hab ich ja schon gesagt, wird aber so gut wie nicht argumentiert, das stimmt natürlich. Ich hab’s auch nur gepostet, weil es ein interessantes Stimmungsbarometer ist, mehr nicht. Außerdem recht unterhaltsam. Wer sich für Argumente gegen den Theismus interessiert, muss sich dann doch an Bücher und nicht an youtube wenden. Z.B. an ein hübsches Buch von John Mackie oder den jüngsten Suhrkamp-Band zu Gottesbeweisen.
“Z.B. gibt es in der Bibel kein Gebot, gegen ungerechte gesellschaftliche Zustände anzukämpfen”
??? Das neue Testament handelt vor allem genau davon, “der werfe den ersten Stein”, “eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr” usw. Gegen Jesus war Che Guevara ein Sofafurzer.
Die Stories mit dem Kamel (Mk 10,25) und mit dem ersten Stein (Joh 8, 7) haben nichts mit dem Thema zu tun. Dafür aber Folgendes:
Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt. (Röm 13, 1-7)
Mir sind zwar die Evangelien lieber als z.B. die Paulusbriefe, trotzdem sehe ich nicht was an dieser Bibelstelle, die das Gewaltmonopol und den Primat des Staats (nach Gott) beschreibt, schädlich sein soll. Die revolutionäre Abwertung der Güter und die Abkehr von der moralischen Strenge des AT dagegen sehen sie als nicht relevant an. Das kann ich nicht nachvollziehen, aber jeder liest da wohl so rein was er braucht.
Ich möchte noch etwas Kritisches zum Atheismus schreiben. Es gibt zu viele religiöse Eiferer. Es gibt jedoch auch atheistische Eiferer. In meinem privaten Umfeld sind letztere ganz klar in der Überzahl. Diese Stichprobe ist zugegebenermaßen sehr klein. Was ich jedoch mehrfach erlebt habe, ist, wie Agnostiker zu Atheisten wurden. Dies vollzog sich typischerweise mit dem Kirchenaustritt, der wiederum in erster Linie finanziell motiviert war.
Ich persönlich glaube an Gott und ich kann die Zeremonien der Kirche ertragen. Da ist Idealist bin (oder sagen wir mal ich stehe agnostisch zur Materie) ist für mich Gott ganz einfach die Summe aller Wahrnehmung und zu glauben bedeutet für mich, zu respektieren, dass ich als Subjekt so etwas wie ein Blatt an einem Baum bin. Im übertragenen Sinne natürlich, denn ich bin ja Idealist. Der Baum wäre dann Gott, ich als Blatt bin Teil davon, also bin ich Gott. Also glauben Sie gefälligst an mich, verdammt!
neulich (vermutlich die Wissenschaftssendung im dlf) kam die Meldung, dass pure Atheisten und Menschen mit festem Glauben insgesamt glücklicher sind, als das Mittelfeld, Unentschiedene, Zweifler, Verzweifelte, Gottsucher (ich weiß jetzt nicht mehr, ob die auch noch länger leben und gesünder sind).
Das sind allerdings, würde ich vermuten, nicht solche, die verbissen an irgendwelchen festgeschriebenen Glaubensgehalten festhalten. Angenommen, ich ließe mich von Pascals Wette überzeugen, also: ich könnte mich entscheiden, dann hälfe es bestimmt nicht, immer sonntags brav in die Kirche zu gehen, denn Religionen sind das Gift für Religiösität. Religiösität wird oft zu schnell mit Glauben gleichgesetzt, und letzterer muss ja schließlich irgendeinen Gehalt haben, dann hast du es gleich wieder mit Dogmen zu tun, wenn du anfängst, da irgendetwas festes haben zu wollen.
Keine Religion, aber Religiösität, dann bist´e die Zweifel los; diese einzige wirklich universelle “Religion” würde insbesondere das Christentum beeinhalten und ich wäre auf der sicheren Seite. Ansonsten: anything goes!
Warum sollte man überhaupt an etwas glauben, das entweder definitiv falsch ist oder wenigstens alle guten Argumente gegen sich hat.
das wäre ja irrational. ich wollte bloß sagen, dass diese ganze Diskussion um intelligent oder stupid design und Atheismus das Thema völlig verfehlen und das Klima für Religiösität verderben. Aber andererseits auch für rationale vernünftige Argumentation. Verbissenheit, Dogmatismus, Besserwisserei und Eitelkeit an allen Enden. Der Fehler liegt m.E. schon darin, dass es Gehalte sind, an die es gilt zu glauben oder nicht zu glauben. Die können nur wahr oder falsch sein. Schon ist einer in der Dogmatismusfalle, wenn es da eigentlich nichts zu wissen gibt. Der liebe Gott (oder die Schöpfung, der Kosmos, die “Existenz”, …) hat uns mit diesen Geistesgaben ausgestattet, es wäre gotteslästerlich die verkümmern zu lassen, oder durch irrationales Sich-selber-überreden-Wollen zu untergraben. Sie also gebrauchen, selbst wenn es eine herkömmliche Gottesvorstellung zerstört. Systematische Theologie etwa sehe ich als legitime Art Gehirnjogging an.
Ach, vielleicht doch nicht “anything goes”. Zum Ausgleich jetzt mal eine Buchempfehlung:
Das “Schwarzbuch Esoterik” von Ursula Caberta. Hier das Interview heute im dlf
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/08/05/dlf_20110805_0941_0d328e74.mp3