Titelanleihen bei der Populärkultur

Ich habe vor kurzem einen Vortrag von Wolfgang Detel gehört, in dem er zu Beginn bemerkte, dass es bei vielen Analytischen Philosophen beliebt ist, für die Titel ihrer Arbeiten Zitate aus der Populärkultur zu verwenden. Vielleicht das bekannteste Beispiel (ich allerdings wusste das nicht) ist Quines Buch From A Logical Point Of View von 1953, das sich einem Harry-Belafonte-Song verdankt (hier in einer Version von Robert Mitchum), der die schönen Verse enthält:

So from a logical point of view,
Marry a woman uglier than you.

In einem neu geschriebenen Vorwort von 1980 schrieb Quine:

Henry Aiken and I were with our wives in a Greenwich Village nightspot when I told him of the plan, and Harry Belafonte had just sung the calypso “From a logical point of view.” Henry noted that this would do nicely as a title for the volume, and so it did.

Als ein zweites Beispiel verwies Detel auf Putnams 1962 veröffentlichen Aufsatz It Ain’t Necessarily So , das sich Gershwins Song aus Porgy and Bess verdankt (hier eine Version mit Aretha Franklin).

Wenn jemandem mehr Beispiele einfallen, bitte hier posten!

Abwesenheitsnotiz

Ich werde vermutlich in der nächsten Zeit kaum zum Bloggen, Blog-Lesen und Blog-Kommentieren kommen. Ich komm aber zurück und nerve wieder mit gewohnt platten Witzchen und hanebüchenen philosophischen Themen.

Grüße an alle, die ich hier gern lese (= alle),

vom blinden Hund

Pro NPD-Verbot

Argumente für ein Verbot der NPD:

Ein wichtiges Argument ist m.E., dass demokratische Bürger momentan mit Millionen von Geldern eine antidemokratische Partei aus Holocaustleugnern, Rassisten, Antisemiten, Verbrechern, Schlägern und Verfassungsfeinden bezahlen, die sich eindeutig gegen das demokratische System wenden, das sie finanziell am Leben hält. Ein Verbot würde die NPD und damit rechte Strukturen überhaupt enorm schwächen. Die üblichen Argumente gegen ein Verbot (es würde ein Märtyrermythos geschaffen, es würde das rechtsextreme Treiben nur in den Untergrund verlagern, eine Demokratie dürfe keine Parteien verbieten etc.) sind entweder falsch oder nur in sehr begrenzter Weise korrekt. Vergangene Parteiverbote oder Verbote von rechtsextremen Organisationen haben gezeigt, dass dieses Mittel des Verbots, das in jeder wehrhaften Demokratie prinzipiell legitim sein muss, durchaus erfolgreich ist.

Körschgen philosophiert – Heute: Die Macht der Gedanken

Gesucht: Moderne Klassiker der Moralphilosophie

Ich möchte für einen kleinen Lesekreis eine Lektüreliste zusammenstellen, und zwar wollen wir wichtige Texte der Moralphilosophie lesen, etwa aus dem Zeitraum von ca. 1950 bis heute. Dabei wäre es ideal, wenn es sich um Aufsätze oder einzeln lesbare Kapitel aus Büchern handelt, so dass pro Treffen ein Text gut diskutiert werden kann.

Die Texte sollten möglichst einschlägig sein, also Texte, “die jeder mal gelesen haben muss”, der sich mit Moralphilosophie beschäftigt. Es wäre auch gut, wenn verschiedene Ethiktypen abgedeckt werden könnten. Um mal ein paar Namen von Autoren zu nennen, die in Frage kommen: Richard M. Hare, Philippa Foot, Bernard Williams, Judith Jarvis Thomson, John L. Mackie, Thomas Scanlon, Peter Singer, Gilbert Harman usw. Um mal ein Beispiel zu geben, Judith Jarvis Thomsons Aufsatz über Schwangerschaftsbrüche von 1971 wäre so ein Kandidat.

Fallen irgendjemandem vielleicht Texte ein (idealerweise in deutscher Übersetzung – muss aber nicht sein), die hier passen könnten? Oder gibt es vielleicht sogar einen empfehlenswerten Reader auf dem Markt?

Rätsel: Professor oder Penner?

Ich hatte 7 von 10 richtig.

Grazer Philosophische Studien ehren Wolfgang Künne

Benjamin Schnieder und Moritz Schulz (siehe phloxgroup-blog) haben ein Heft der Grazer Philosophischen Studien herausgegeben, das Wolfgang Künne gewidmet ist:

Das Heft enthält neben den Artikeln, die im phloxgroup-blog aufgelistet werden, auch eine sehr hilfreiche Künne-Bibliographie.

Ich mache dafür hier Werbung, weil ich Wolfgang Künne für einen der besten deutschen Philosophen halte, auch wenn ich nur sehr weniges von ihm gelesen habe. Der Beschreibung von Schnieder und Schulz im Vorwort kann ich aber nur beipflichten:

His work lives up to the highest standards of clarity, rigour, and respect for the details of philosophical arguments and problems. But he is not only an excellent, precise, and elegant writer and lecturer in English and German, he is also an extremely careful and charitable interpreter of philosophical texts. He is, we may suspect, a reader of the kind that Wittgenstein desired to have, when he famously wrote “I should like to be read slowly. (As I read myself )”. (S. viii)

Mir fällt kein anderer deutscher Philosoph ein, der so genau, klar und sauber argumentiert wie Künne, und das ganze oft mit einer gar nicht mal kleinen Prise Humor. Sein Buch über Wahrheitstheorien kann ich jedem, der sich für Wahrheitstheorien interessiert, nur allerwärmstens ans Herz legen. Künne stellt darin in aller wünschenswerten Explizitheit und so leicht verständlich, wie es das Thema eben hergibt, die wichtigsten Wahrheitstheorien und wahrheitstheoretischen Probleme dar und kritisiert sie messerscharf. Ebenso empfehlenswert ist sein schon etwas älteres, aber vor ein paar Jahren neu verlegtes Buch Abstrakte Gegenstände, in dem – wie der Titel schon sagt – eine Theorie abstrakter Gegenstände entwickelt wird (hier im Blog habe ich schon ab und zu das Thema abstrakter Gegenstände berührt, etwa wenn’s um die Ontologie von Kunstwerken ging).

Komischerweise ist Künne, der heute eher der analytischen Philosophie zuzurechnen ist, ein Gadamer-Schüler, und hat dann auch noch seine Dissertation über Hegel geschrieben. Künne ist also der lebende Beweis dafür, dass Gadamer-Einfluss nicht philosophisch impotent machen muss. Und darüber hinaus deutet das auch seinen Wissens”horizont” an (<– Wortspiel für Insider), der Mann scheint sich so gut wie überall auszukennen und scheint in der kompletten Philosophiegeschichte zu Hause zu sein. (Man gönne sich nur mal die Fußnoten etwa aus Kap. V in Abstrakte Gegenstände, da geht’s von Platon und Quintilian über Thomas von Aquin und Locke bis Spengler, Frege, Tarski, Quine und Kripke).

Kurz: Guter Mann, der Künne.

Nachtrag 21.01.2012: Eine nicht sehr wohlmeinende Rezension erschien gerade hier.

Mal wieder was zur Ontologie von Kunstwerken

Was sind eigentlich die Identitätsbedingungen von Richard Strauss’ Also Sprach Zarathustra?

Habermas habermast in der FAZ über Griechenland

Habermas äußert sich in der FAZ zu Griechenland (in einem Kommentar zu diesem Artikel Frank Schirrmachers):

Es geht mir mit diesem Artikel wie so oft mit Habermas: Stimmt schon, was da er so sagt, auch die stets auf demokratische Prozesse gerichtete Tendenz gefällt mir – aber letztlich wabert alles so halb und trivial im Habermas-Jargon dahin, so dass man nach dem Lesen auch nicht viel schlauer ist als vorher.

Zum Inhalt: Habermas findet Papandreous ursprüngliche Idee, das Volk entscheiden zu lassen, prinzipiell begrüßenswert und sieht in Papandreous Rückzieher etwas, das für Europa symptomatisch ist:

Erst die Peripetie, Papandreous Kehrtwende, enthüllt den zynischen Sinn dieses griechischen Dramas – weniger Demokratie ist besser für die Märkte.

Am Ende plädiert er dann, neben der obligatorischen Forderung nach Regulierung der Banken und des Finanzmarkts, für eine gemeinsame europäische Verfassung, die zunächst in der breiten Öffentlichkeit diskutiert und dann, so wie ich Habermas verstehe, durch die Abstimmung der Bürger legitimiert werden soll:

Es fehlt am politischen Willen zur globalen Einigung, weil die Institutionen fehlen, die eine supranationale Willensbildung und die globale Durchsetzung von Beschlüssen erst ermöglichen würden. Auch aus diesem Grunde müssten die Staaten der Europäischen Währungsgemeinschaft die Krise als Chance begreifen und mit der Absicht, ihre politische Handlungsfähigkeit auf supranationaler Ebene zu verstärken, Ernst machen. [...]

Die überfällige Kontroverse über Notwendigkeit und Nutzen eines solchen Projekts muss in der breiten Öffentlichkeit ausgetragen werden. Das verlangt allerdings von den politischen Eliten nicht nur den üblichen Spagat zwischen Bürgerinteressen und dem Rat der Experten. Die erneute Anbahnung eines verfassungsgebenden Prozesses würde vielmehr ein Engagement verlangen, das von den Routinen des Machtopportunismus abweicht und Risiken eingeht. Dieses Mal müssten die Politiker in der ersten Person sprechen, um die Bürger zu überzeugen.

Welche “Institutionen” genau fehlen, wie er im ersten hier zitierten Satz feststellt, sagt Habermas leider nicht.

Arthur Danto über seinen Wandel vom Künstler zum Philosophen

In einem für meinen Geschmack etwas selbstverliebten, aber trotzdem sehr interessanten Artikel auf der Webseite der American Society for Aesthetics (ASA) berichtet Arthur Danto unter anderem, wie er, der als Künstler anfing, irgendwann zur Philosophie überwechselte und das Künstlerdasein hinter sich ließ:

I remember driving up to Paris in early 1962 to go to the American Library, to check out what was happening in New York by looking at recent issues of Art News. I was stunned to see a painting by Roy Lichtenstein, called The Kiss, which looked like it came straight out of a comic book. I was stunned! It was like seeing a picture of a horse in the newspaper and reading that it had been elected as the new Bishop of St. John the Divine. It just seemed impossible. How could a picture like that be shown in a New York gallery, and reproduced in what was at the time the defining art publication in America? But I thought of The Kiss the rest of my time in France. I thought that if it was possible as art anything was possible in art. I remember drawing a church in Rome after that, and thinking: it’s okay to be doing this. I can do anything I want! It was then that I think I really lost interest in making art. That was a very philosophical response.

Quelle: http://www.aesthetics-online.org/articles/index.php?articles_id=47

Danto ist heute einer der bekanntesten Kunstkritiker und seine kunstphilosophischen Aufsätze und Bücher spielen in heutigen Ästhetik-Debatten immer noch eine große Rolle (insbesondere Transfiguration of the Commonplace, dt. Die Verklärung des Gewöhnlichen. Eine Philosophie der Kunst). Auf ihn geht z.B. die vor allem von George Dickie ausbuchstabierte institutionelle Definition der Kunst zurück, nach der – sehr verkürzt und platt formuliert – all das Kunst ist, was von der Kunstwelt mit all ihren Kunstkonsumenten, Musemsdirektoren, Kunstkritikern, Künstlern usw. als Kunst betrachtet wird. Diese Erfahrung scheint auch das obige Zitat auszudrücken: Alles kann Kunst sein, wenn es entsprechend behandelt wird.

Beweise für die Existenz von Feen

Eine mir bisher unbekannte Fee namens Tink R. Bell hat im Jahr 2008 einen (wie man wohl zugeben muss: kaum anfechtbaren) Beweis für die Existenz von Feen gebracht:

Tink R. Bell während einer Sprechstunde in ihrem Büro

Bells Argument geht ungefähr so:

  1. Schönheit ist eine nicht-natürliche Eigenschaft. (D.h. Schönheit lässt sich nicht vollständig natürlich erklären bzw. auf physikalische, chemische, biologische oder psychische Sachverhalte reduzieren.)
  2. Der Garten hat neben seinen natürlichen Eigenschaften die nicht-natürliche Eigenschaft der Schönheit.
  3. Den Übergang von natürlichen Eigenschaften eines Gartens zu nicht-natürlichen Eigenschaften kann nur durch die Existenz von Feen gewährleistet werden.
  4. Also existieren im Garten Feen.

Falls jemand Fragen zum Argument hat, kann er/sie sich über Steven D. Hales an Tink R. Bell wenden, wie am Ende des Aufsatzes gesagt wird:

Tink R. Bell is a garden fairy who lives and works in The Royal Botanical Gardens at Kew, London. Tink may be contacted through Steven D. Hales, Professor of Philosophy at Bloomsburg University, Pennsylvania.

Wem das Argument aus irgendwelchen Gründen immer noch zu schwach ist, der kann sich vielleicht mit diesem hier anfreunden:

  1. Es gibt viele youtube-Videos und Webseiten, die die Existenz von Feen bestätigen.
  2. Webseiten und vor allem youtube-Videos zeigen immer die Wahrheit.
  3. Also existieren Feen.

(Quelle)

Das philosophische Lied #1

Heute – Der Immanuel Kant Song, gesungen von Paul L. Fine:

Vollständiger Text und Download hier. – Ich finde das ziemlich gelungen, musikalisch und inhaltlich.

“…a deduction transcendental will shed light upon the mind…” *träller*

IG Nobelpreis für John Perry

Der emeritierte Stanforder Philosoph John Perry hat den IG Nobelpreis für Literatur erhalten, insbeondere für seinen Mini-Aufsatz How to Procrastinate and Still Get Things Done. In der Begründung für die Vergabe wird auf Perrys Theorie der strukturierten Prokrastination verwiesen, welche besagt: “To be a high achiever, always work on something important, using it as a way to avoid doing something that’s even more important.” – Als Vorzeigeprokrastinierer gratuliere ich herzlich.

Sind anachronistische Interpretationen in manchen Fällen zulässig?

Vor kurzem habe ich mit einem Freund gequatscht, der meinte, dass er es gar nicht so klar fände, dass anachronistische Literaturinterpretationen unzulässig sind. Das hat mich ziemlich verwundert. Für mich scheint irgendwie sonnenklar zu sein, dass literarische Werke nicht auf Ereignisse Bezug nehmen können, die nach ihrer Erschaffung geschehen sind. Ich finde das so klar, dass ich dafür nicht mal eine explizite Begründung fordern würde.

Bild, das nichts mit dem Artikel zu tun hat (damit hier nicht nur so viel Text steht)

Das Beispiel meines Freundes war: Nehmen wir mal an, man interpretiert Shakespeares Hamlet so, dass darin der Ödipus-Komplex thematisiert wird. Der Ödipus-Komplex ist aber etwas, das erst Sigmund Freud im 20. Jahrhundert beschrieben oder vielleicht auch entdeckt hat. In diesem Fall – so meinte er – scheint doch eine anachronistische Interpretation legitim sein können.

Ich würde darauf aber antworten, dass die Interpretation “In Hamlet wird der Ödipus-Komplex thematisiert” keinerlei Bezug auf Freuds Handlungen im 20. Jahrhundert hat. Das meinen wir mit so einer Interpretation nicht. Freud hat nur einfach den Begriff für ein so und so definiertes Phänomen geprägt, das es auch unabhängig von Freuds zufälligem bzw. arbiträren Begriff “Ödipus Komplex” gibt (oder geben kann), und zwar selbstverständlich auch schon lange bevor Freud diesen Begriff dafür einführte. Daher kann auch in Hamlet der Ödipus-Komplex thematisiert werden, da das mit dem Begriff “Ödipus-Komplex” Bezeichnete auch schon zu Shakespeares Zeiten thematisiert werden konnte. Es liegt also keine anachronistische Interpretation vor, auch wenn das auf der Sprachoberfläche vielleicht so aussehen mag.

Das Beispiel funktioniert also meiner Meinung nach nicht. Aber vielleicht gibt es andere. Wie seht ihr das, fällt jemandem vielleicht irgendein Fall einer anachronistischen Interpretation ein, die was für sich hat?

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