Maximilian Probst zeigt in der Zeit, dass Heldenverehrung und Schwafeln oft Hand in Hand gehen:
Der Artikel berichtet anlässlich einer derzeitigen Derrida-Konferenz von einem Besuch des Autors beim Derridaschüler Jean-Luc Nancy. Schon zu Beginn wird “der Philosoph” als Weisheitsorakel eingeführt, das man konsultiert, um sich in finsterer Zeit Licht und Orientierung abzuholen:
Wer einen Philosophen besucht, sucht Rat.
Nachdem dann – sicher zurecht – festgestellt wird, dass Nancy auch keine Ahnung hat und daher kaum Rat erteilen kann, redet man lieber ein bisschen über Derrida:
Gibt es womöglich einen blutroten Faden, der das Gewebe des westlichen Denkens in all seinen Epochen zusammenhält?
Ja, sagt Derrida, nämlich ein Denken, das sich über die Differenz am Grund aller Dinge hinwegsetze; das zu sich selbst zurückkehre, und sich seinen Gegenstand gewaltsam einverleibe, ein Denken, das der binären Logik verhaftet sei, die wie ein Fallbeil mitten durchs Leben fährt: den Kopf vom Körper trennt, das Gute vom Bösen, das Richtige vom Falschen, das Notwendige vom Zufälligen, das Wichtige vom Unnützen, den Menschen vom Tier und das Männliche vom Weiblichen.
Wir erfahren also, dass “am Grund aller Dinge” (?) “die Differenz” (?) herumliegt und dass die binäre Logik das Tier vom Menschen trennt und sogar das Männliche vom Weiblichen. Die Logik! – Dann stellt der Autor, in welchem im Laufe des Gesprächs wohl selbst der Mut zum Philosophieren reifte, folgende brennende Frage:
Dekonstruiert sich nicht heute die Zeit schon selbst?
Darauf möchte ich kurz antworten: Nein, tut sie nicht. Man mag es kaum glauben, aber die Zeit ist kein Akteur, der irgendetwas tun kann, auch nicht “dekonstruieren”. Aber wie auch immer, es wird dann noch kurz mit Nancy festgestellt, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht, und nach paar weiteren paradoxen Bonmots des Großmeisters resümiert der Autor seine Erfahrungen bei selbigen mit seligem Pathos:
Verwirrend, stärkend und erfüllend.
Mal wieder ein schöner Beleg dafür, dass zu viel Dekonstruktion das klare Denken und Schreiben nachhaltig beeinträchtigt.
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