Videopodcasts der Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften”

Die Vorträge der in diesem Blog schon schon erwähnten Münchner Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften” sind hier als Videopodcast abrufbar:

Beachten kann man z.B. die Vorstellung des Wissenschaftsblogportals http://de.hypotheses.org durch Mareike König, die das Portal eröffnet und dessen Funktionsweise erläutert:

Bisher sind, wenn ich richtig sehe, nur acht deutschsprachige Blogs eingetragen (hier) und ich finde die Webseite extrem unübersichtlich und unhandlich, doch mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt.

Hans Ulrich Gumbrecht über die Unvermeidlichkeit Heideggers

Hans Ulrich Gumbrecht – literaturwissenschaftlicher Vorzeigeschwafler, der u.a. Knallerthesen wie “Die Gegenwart wird immer breiter” vertritt und dessen Bücher zu 50% aus dem Wort “Präsenz” bestehen (vgl. z.B. sein neustes Werk “Präsenz“) – dieser Hans Ulrich Gumbrecht also behauptet in seinem FAZ-Blog, dass Heidegger “unvermeidlich” sei:

Sein zentrales Argument verbirgt sich (vermute ich jedenfalls) in folgendem Abschnitt:

Doch seit einigen Jahren konvergieren Reaktionen aus ganz verschiedenen Erfahrungsräumen, die vor allem den [...] Konstruktivismus / Pragmatismus als untragbar ansehen – untragbar wegen seiner gravierenden praktischen Konsequenzen. Ich will nur ein Beispiel nennen. Man kann behaupten, dass die seit Jahrzehnten andauernde und zunehmend dramatische Situationen hervorbringende Instabilität der internationalen Wirtschaft und Finanzmärkte auf zwei Schritte einer Pragmatisierung zurückgeht: nämlich auf die Loslösung des Finanzsystems vom Goldstandard [...] und auch auf die fortschreitende Ersetzung des individuellen Expertenurteils bei der Analyse je gegenwärtiger wirtschaftlicher Situationen durch ihre elektronische Hochrechnung. Die heute in dieser Weise doppelt “konstruktivistisch” hergestellte Sicht der Wirtschaft und der Finanzen, ließe sich deshalb sagen, hat den Kontakt zur wirtschaftlichen “Realität” verloren.

Philosophisch entstand so eine Situation, die einerseits durch ein Bedürfnis nach der Rückkehr zu Einsichten mit Wahrheits-Anspruch gekennzeichnet ist und andererseits durch die seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert fortbestehende Blockade gegen die Wiedereinsetzung eines erkenntnismächtigen Subjekts. Man sehnt sich nach substantiellen Wahrheiten und war zugleich nie skeptischer im Hinblick auf die Möglichkeit sie zu erlangen. Dies genau ist die Konstellation, in der ich eine Auseinandersetzung mit Martin Heideggers Spätphilosophie für unvermeidlich ansehe.

Ich verstehe nur absolut nicht, wie er hier zu seiner Schlussfolgerung kommt. Schon allein was er da unter “Konstruktivismus” bzw. “Pragmatismus” versteht, ist m.E. ziemlich merkwürdig. Bei aller Nähe sind diese Theoriepositionen doch alles andere als identisch, und selbst in der wohlwollendsten Lesart hat die “Loslösung des Finanzsystems vom Goldstandard” absolut gar nichts mit den philosophischen Richtungen des Pragmatismus oder Konstruktivismus zu tun, die (wie er im vorhergehenden Abschnitt einigermaßen richtig sagt) eher epistemologische Theorien sind, die uns etwas über die (kurz gesagt) “Gemachtheit” dessen sagen wollen, was wir Realität nennen. Wie man dann von dieser – wie gesagt, m.E. mehr als unklaren – Beobachtung dazu kommt, dass Heideggers Philosophie “unvermeidlich” ist, ist mir völlig schleierhaft.

Falls jemand, dessen Gegenwart breit genug ist, um Gumbrecht folgen zu können, mir das erläutern kann – ewiger Dank ist ihm gewiss.

Die NY Times sucht Argumente für Fleischkonsum

Die New York Times hat einen Wettbewerb ausgerufen, der nach guten Argumenten dafür sucht, dass Fleischessen moralisch legitim ist:

Zu der hochrangigen Jury zählen u.a. Peter Singer und Jonathan Safran Foer (!). Essays von bis zu 600 Worten sind erbeten, der oder die Gewinner-Essays werden in der NYT veröffentlicht. Einsendungen sind bis zum 8. April möglich. (Da steht zwar nur “nationwide”, aber man kann’s ja sicher auch als Nicht-US-Bürger versuchen, falls man Fleischessen tatsächlich für moralisch legitim hält.)

Klage gegen Ausschreibung eines philosophischen Konkordatslehrstuhls

Zur Zeit klagt ein Bewerber auf eine Philosophieprofessorenstelle an der Universität Erlangen-Nürnberg gegen religiöse Diskriminierung, die bei der Ausschreibung sogenannter “Konkordatslehrstühle” mit im Spiel ist:

Faktisch bestimmt bei solchen Konkordatslehrstühlen die Kirche, wer staatlich bezahlte Professuren erhalten darf, darunter auch Philosophieprofessuren. Dies ist eines der vielen Sonderrechte an deutschen Universitäten, die der Kirche aufgrund uralter Verträge aus Urgroßväterchens Zeiten eingeräumt wird – in grobem Gegensatz zu dem, was das Grundgesetz über die Freiheit der Wissenschaft und zur Irrelevanz der konfessionellen Bindung gesagt wird (zur rechtlichen Bewertung der Konkordatslehrstühle vgl. hier). Dennoch gilt bis heute das Konkordatsrecht. Dementsprechend finden sich auf solchen Stellen in der Regel gläubige Katholiken. Neben der zur Zeit vakanten Stelle an der Universität Erlangen-Nürnberg gibt es aktuell folgende Philosophieprofessoren auf Konkordatslehrstühlen:

  • Christian Schröer (Universität Augsburg)
  • Christian Schaefer (Universität Bamberg)
  • Wilhelm Vossenkuhl (Universität München)
  • Michael-Thomas Liske (Universität Passau
  • Rolf Schönberger (Universität Regensburg)
  • Karlfriedrich Herb (Universität Regensburg)
  • Karl Mertens (Universität Würzburg)
  • Mechthild Dreyer (Universität Mainz)
  • Maarten Hoenen (Universität Freiburg)

Ein Liste solcher Lehrstühle und weitere Informationen bei Wikipedia und im Blog konkordatslehrstuhlklage.de. Hier ein Interview mit Alexander von Pechmann, dem Betreiber des letztgenannten Blogs, der vor vier Jahren bereits gegen Konkordatslehrstühle klagte. Diese Klage wurde laut Spiegel aus formalen Gründen abgelehnt .Weitere Klagen folgten, ich konnte darüber auch nichts in Erfahrung bringen, was über die Informationen bei konkordatslehrstuhlklage.de hinausgeht.

Wird jedenfalls Zeit, dass sich an diesen mittelalterlichen Verhältnissen etwas ändert. Der aktuellen Klage ist aller Erfolg zu wünschen.

Heitere Beispiele #6

A thing is a chair only if sentient creatures take it as something to sit upon.

(James E. Bayley 1992: Indroduction, in: Ders. (Hg.), Aspects of Relativism. Moral, Cognitive and Literary, Lanham, S.9.)

Interview mit Ruth Chang

In einem kurzem, aber interessanten und heiteren Interview bei NewAPPS erzählt Ruth Chang etwas über ihren Weg hin zur Philosophieprofessorin, schwärmt von ihrem Lehrer Derek Parfit und hält die analytisch/kontinental-Unterscheidung (wie so viele heute) für eher hinfällig:

Peter Strasser beleidigt Sloterdijk, Žižek, Precht, die verblödete Intelligenz, das verkommene Herrenreiterfeuilleton und die Studenten (also fast alle)

Uiuiui, selten eine so ungebremste Philippika eines Fachphilosophen gelesen. Peter Strasser, Professor für Philosophie an der Universität Graz, schreibt u.a. über Sloterdijk, Žižek und Precht:

Hier mein Best-of. Sloterdijk, den er auf den Namen “Mister Bombastik” tauft, charakterisiert er wie folgt:

… ein übergewichtiger Mensch mit einem pompösen Kopf, aus dem zwei listige Äuglein kynisch hervorlugen, während ihm die Haare strähnig herunterhängen: ein cool verschmuddeltes Restzitat der Neunzehnachtundsechziger.

Zu Žižek fällt ihm Folgendes ein:

Wer, bitte schön, kauft den zum Himmel stinkenden Gedankenmist dieses Begriffsdeliranden des postmodernen Radical Chic? Wer?!

Ach ja, es gibt diese ganze Mischpoche einer beim langen Marsch durch die dekonstruktivistischen Seminare unserer sinnlos gewordenen Geistes- und Kulturwissenschaften total verblödeten Intelligenz, die sich gern selbst Sachen sagen hört, die ihr krass subversiv vorkommen – zum Beispiel, dass Stalin (nach Lacan, Deleuze, Irigaray etc. pp.) ein multischizoider Teddybär war –, während das total verkommene Herrenreiterfeuilleton dem Edelschmierantentum applaudierend die Steigbügel hält.

Abschließend brät Strasser noch dem “Geistesschönling Precht” eins über, …

“…der es einer weiblichen Inkarnation der höheren TV-Dummheit, nämlich Elke Heidenreich, verdankt, als Smartschwätzer die deutsche Nation aus ihrer platonischen Höhle fader Alltäglichkeit heraus und hinauf ans hell strahlende Licht des existenziellen Banalitätenhimmels zu führen.”

(via philolink)

Was tun, wenn es Zeit ist, zu springen?

Hier ein neuer Fund aus der Abteilung “schwachsinnige Tagungen”:

Am 22. Juni 2012 findet in Wuppertal das brink Ereignis zwischen Kunst und Wissenschaft statt. Hierfür suchen wir Vorträge und künstlerische Arbeiten von Studierenden, Wissenschaftler_innen und Kunstschaffenden zum Thema SPRUNG. Ein Sprung kann ein Riss in festem Material, in einer ursprünglich geschlossenen Oberfläche sein:  instabil, durchlässig, gefährlich. Und dann: Ende oder Veränderung? Gibt es eine Bewegung, die keinen Sprung zulässt oder bedarf jede Veränderung des Sprungs, um tatsächlich anders zu sein statt ähnlich? Kann der Sprung ein Bruch mit dem Vorangegangenen, der Gegenwart, dem Gegebenen sein – mit all dem, was nicht springt, sondern bleibt, wartet, stillsteht? Was heißt es dagegen ins Sein zu springen, im Sprung zu sein, auf dem Sprung? Ein Sprung kann ein Ereignis, ein Sprung in die Zeit, in der Zeit, zwischen den Zeiten sein. Welche aber ist die Zeit des Sprungs? Und was tun, wenn es Zeit ist, zu springen?

(Quelle: http://www.dgphil.de/veranstaltungen/)

Vorgemerkt für den Schwafelhannes-Of-The-Year-2012-Award!

Heitere Beispiele #5

Folter oder Bier? Richard Hare illustriert die Bedeutung des Wortes “willkürlich” (“arbitrary”):

One might as well say that my choice between being myself tortured and being given a glass of beer is arbitrary, because no reason can be given for it other than that torture is what it is, and glasses of beer what they are. Yet, in a sense, I choose libero arbitrio between beer and the thumb-screw.

(Richard Hare 1955: Universalisability, in: Proceedings of the Aristotelian Society, New Series, Vol. 55, S.304.)

Philosophus dixit #4

In past ages, these masses had no access to great works of art; music and painting and even books were the pleasures of the wealthy; it could be assumed that the poor and vulgar would enjoy art if they could have it. But now, since everybody can read, visit museums, and hear great music at least over the radio, the judgement of the masses on these things has become a reality, and has made it quite obvious that great art is not a direct sensuous pleasure.

(Susanne K. Langer 1969: Philosophy in a new Key. A Study in the Symbolism of Reason, Rite, and Art, 3. Auflage, Cambridge/MA, S.205.)

 

Graham Priest über sich, wahre Widersprüche, Partygespräche und Gott

Ein sehr interessantes und lustiges Interview mit Graham Priest (der junge Mann da mit der Sonnenbrille), der wohl am bekanntesten für seine These ist, es gäbe Sätze, die zugleich wahr und falsch sind:

Zeitungsartikel zum 90. Geburtstag von Karl-Otto Apel

Zum 90. Geburtstag des Diskursethikers Karl-Otto Apel (philosophisch sozusagen ein Habermas in “interessant” und mit Letztbegründung) sind ein paar ganz interessante Artikel erschienen:

Auch in anderen Zeitungen erschienen Artikel, ein sehr schlechter in der Printausgabe der FAZ vom 12. März, ein recht guter, aber kritischer in der Neuen Zürcher Zeitung (ebenfalls Printausgabe) und ein eher nichtssagender hier.

Dürftiges Denken in der Zeit

Maximilian Probst zeigt in der Zeit, dass Heldenverehrung und Schwafeln oft Hand in Hand gehen:

Der Artikel berichtet anlässlich einer derzeitigen Derrida-Konferenz von einem Besuch des Autors beim Derridaschüler Jean-Luc Nancy. Schon zu Beginn wird “der Philosoph” als Weisheitsorakel eingeführt, das man konsultiert, um sich in finsterer Zeit Licht und Orientierung abzuholen:

Wer einen Philosophen besucht, sucht Rat.

Nachdem dann – sicher zurecht – festgestellt wird, dass Nancy auch keine Ahnung hat und daher kaum Rat erteilen kann, redet man lieber ein bisschen über Derrida:

Gibt es womöglich einen blutroten Faden, der das Gewebe des westlichen Denkens in all seinen Epochen zusammenhält?

Ja, sagt Derrida, nämlich ein Denken, das sich über die Differenz am Grund aller Dinge hinwegsetze; das zu sich selbst zurückkehre, und sich seinen Gegenstand gewaltsam einverleibe, ein Denken, das der binären Logik verhaftet sei, die wie ein Fallbeil mitten durchs Leben fährt: den Kopf vom Körper trennt, das Gute vom Bösen, das Richtige vom Falschen, das Notwendige vom Zufälligen, das Wichtige vom Unnützen, den Menschen vom Tier und das Männliche vom Weiblichen.

Wir erfahren also, dass “am Grund aller Dinge” (?) “die Differenz” (?) herumliegt und dass die binäre Logik das Tier vom Menschen trennt und sogar das Männliche vom Weiblichen. Die Logik! – Dann stellt der Autor, in welchem im Laufe des Gesprächs wohl selbst der Mut zum Philosophieren reifte, folgende brennende Frage:

Dekonstruiert sich nicht heute die Zeit schon selbst?

Darauf möchte ich kurz antworten: Nein, tut sie nicht. Man mag es kaum glauben, aber die Zeit ist kein Akteur, der irgendetwas tun kann, auch nicht “dekonstruieren”. Aber wie auch immer, es wird dann noch kurz mit Nancy festgestellt, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht, und nach paar weiteren paradoxen Bonmots des Großmeisters resümiert der Autor seine Erfahrungen bei selbigen mit seligem Pathos:

Verwirrend, stärkend und erfüllend.

Mal wieder ein schöner Beleg dafür, dass zu viel Dekonstruktion das klare Denken und Schreiben nachhaltig beeinträchtigt.

There’s a new kid in town

Wenn ich richtig sehe, hat hier Ende Februar ein neues Philosophieblog aufgemacht, das kostengünstig hochwertige philosophische Links verschleudert. Ein nobles Ansinnen und des Supportens würdig:

Bananentelefone und Kunstphilosophie

Laut dem sehr empfehlenswerten Blog von Alex Reuneker, das sich recht häufig mit kunsttheoretischen Fragen beschäftigt, kann man in folgendem Ernie-&-Bert-Videoclip eine gute Illustration von Kendall Waltons Mimesis-as-make-believe-Theorie sehen (deutsche Version ebenfalls auf youtube vorhanden, aber die englische ist cooler):

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 88 Followern an