Zum Offenen Brief von Bernard-Henri Lévy

So unsympathisch mir der unendlich eitle Bernard-Henri Lévy ist (laut taz hat “BHL” aus seinem erfolgreichen Engagement bei seinem Kumpel Sarkozy für eine Intervention in Libyen sogar gleich einen Film gemacht, der Titel war vermutlich “Wie ich Libyen befreite!” – Dank an das zum Glück wiederauferstandende philolink für den link), aber sein Offener Brief an François Hollande zeigt vielleicht irgendwo Wirkung. Und wenn es nur die ist, dass Hollande etwas schärfer nachdenkt und die französische Öffentlichkeit ihren Blick stärker Richtung Syrien lenkt. Wenn Lévy es erneut schaffen sollte, maßgeblich daran mitzuwirken, dass ein brutaler Diktator von weiteren Morden am eigenen Volk abgehalten werden kann, dann kann er meinetwegen 20 Filme über sich selbst drehen und mit stolzgeschwellter offener Brust durch Frankreich schreiten – er hat dann jedenfalls Respekt verdient.

Ist Peter Singer Papst Johannes Paul II?

Im PracticalEthics-Blog wird Peter Singer von Charlie Camosy eine überraschende Nähe zu christlichen Positionen attestiert, etwa im Hinblick auf die moralischen Aspekte von Schwangerschaftsabbrüchen, im Hinblick auf die Ablehnung eines Speziesismus oder im Hinblick auf die moralische Verpflichtung gegenüber den Armen:

Klingt von Anfang an nicht überzeugend: Dass unterschiedliche ethische Konzeptionen dann doch in vielen Punkten übereinstimmen, ist nicht sonderlich überraschend – aber in vielen ihrer ganz knallharten praktischen Konsequenzen sind Singers Utilitarismus und die christliche Morallehre einfach fundamental verschieden – siehe etwa deren Positionen zu Euthanasie-Fragen. Aber man kann’s ja trotzdem mal versuchen. Zudem wirken die Parallelen etwas zu bemüht herbeikonstruiert.

Lichtwolf

Philosophie im deutschsprachigen Netz ist ja spärlich gesät. Glücklicherweise gibt es ein paar wenige Blogs und mittlerweile auch ein paar Zeitschriften mit “online content”, wie wir Netzmeister ungeschnörkelt zu sagen wissen. Eine dieser Zeitschriften ist der Lichtwolf, eine Zeitschrift von (soweit ich sehe) Machern aus (dem Umfeld) der Uni Freiburg, mit geradezu FDP-haftem “Potential nach oben”, was die Übersichtlichkeit der Webseite angeht:

Sehr empfehlenswert z.B. die “Links der Woche”, und zwar nicht nur dann, wenn mein Blog verlinkt wird. (Aber natürlich vor allem dann.)

John M. Ellis und die Definition von Literatur

In The Philosophy of Literature (2009), einem exzellenten Buch über philosophische Probleme im Zusammenhang mit Literatur, diskutiert Peter Lamarque im zweiten Kapitel eine Reihe von Versuchen, den Begriff “Literatur” zu definieren. Grob gesagt unterscheidet er drei Ansätze:

(1) Nach dem ersten wird versucht, Literatur über formale (sprachliche) Eigenschaften von Texten zu definieren. Literarische Text sind demzufolge auf eine ganz besondere Weise sprachlich gestaltet, verfügen über eine besondere “Dichte” oder ähnliches.

(2) Nach einem zweiten Ansatz wird Literatur durch das Merkmal der Fiktionalität definiert. Demgemäß sind alle fiktionalen Texte Literatur.

(3) Dem dritten Definitionsansatz zufolge sind es nicht spezielle Eigenschaften des Textes, die diesen zu einem literarischen machen. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie ein Text behandelt wird (welche Rolle er also in der gesellschaftlichen Praxis und im Rahmen gesellschaftlicher Institutionen wie etwa dem Kunstbetrieb spielt), die bestimmt, ob er als Literatur gilt oder nicht. Solche Ansätze kann man als “institutionale Ansätze” bezeichnen. (Zu institutionellen Definitionen von Kunst im allgemeinen vgl. auch hier.)

Alle diese Ansätze haben ihre jeweiligen Vor- und Nachteile und Lamarque stellt diese und ihre jeweiligen Vertreter vor und diskutiert sie fair und in zumeist sehr nachvollziehbarer Weise. Auf S.56f. diskutiert und kritisiert er einen Definitionsversuch von John M. Ellis, den er als Vorläufer institutioneller Ansätze charakterisiert. Ich hatte allerdings Probleme, Ellis’ Definition und Lamarques Kritik daran zu verstehen. Ellis definiert Literatur wie folgt:

“Literary texts are defined as those that are used by the society in such a way that the text is not taken as specifically relevant to the immediate context of its origin.” (zitiert nach Lamarque 2009, S.56)

[Literarische Texte werden als solche Texte definiert, die durch die Gesellschaft in einer solchen Art und Weise behandelt werden, dass der Text nicht als besonders relevant für seinen unmittelbaren Entstehungskontext angesehen wird. - (meine Übersetzung)]

Meine Übersetzung ist nicht besonders elegant. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar. Am schwierigsten zu verstehen ist die Formulierung “not taken as specifically relevant to the immediate context of its origin”. Ellis scheint damit zu meinen: Wenn wir einen Text als literarischen Text behandeln, dann behandeln wir ihn so, als wäre es verhältnismäßig egal, in welchen konkreten Kontexten er ursprünglich stand. Ein antikes Drama hatte vielleicht eine spezielle Funktion innerhalb religiöser Rituale. Diese ursprüngliche Funktion kann heute völlig egal sein, wenn wir das Drama als literarisches Werk rezipieren.

Lamarque deutet die Definition noch etwas anders. Er gibt das Beispiel von Shakespeares Sonett Nr. 18, Shall I compare thee to a summer’s day? Lamarque kommentiert: Wenn wir Shakespeares Sonett lesen, dann denken wir nicht, dass die Frage des ersten Verses eine wirkliche Antwort verlangt. Diese Frage ist abgelöst vom normalen, konkreten Kommunikationskontext. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit des Lesers auf sozusagen kontextunabhängige, allgemeine Aspekte – etwa die Schönheit der Sprache, die Melodik, das übergeordnete Thema des Gedichts usw.

Ich bin mir nicht sicher, wie die Definition richtig zu verstehen ist. Wie auch immer, Lamarque kritisiert jedenfalls die Definition in verschiedenen Hinsichten. In einem Kritikpunkt bezieht er sich auf Ellis’ Behauptung (die wohl als Erläuterung seiner Definition zu verstehen ist), dass wir das, was in literarischen Texten gesagt wird, nicht als konkrete Handlungsaufforderungen verstehen (“we no longer accept any information offered as something to act upon, nor do we act on its exhortations and imperatives.” – zitiert nach Lamarque 2009, S.57).

Man kann sich das so klar machen: Wenn wir ein Mahnschreiben im Briefkasten finden, dann verstehen wir das als Aufforderung, endlich unsere Schulden zu bezahlen. Der Text (das Mahnschreiben) hat dann eine ganz konkrete Funktion in unserem Leben und der Entstehungskontext des Texts ist extrem relevant, um dessen Sinn zu verstehen. Wenn wir dagegen ein Mahnschreiben als literarischen Text lesen (z.B. in einem Roman: sagen wir mal, der Held darin erhält ein Mahnschreiben, das wörtlich wiedergegeben wird), dann versteht dies natürlich niemand als Handlungsaufforderung dazu, die eigenen Schulden zu bezahlen. (Ein noch besseres Beispiel wäre vielleicht Peter Handkes berühmtes Gedicht Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968. – “Taken as” Zeitungsartikel ist das natürlich keine Literatur; “taken as” ein Bestandteil eines Handke’schen Gedichtbandes ist es Literatur – nicht die Eigenschaften des Textes, sondern der Umgang mit ihm machen ihn zu Literatur.)

Lamarques Haupteinwand lautet:

Some literary works do seem to offer “exhortations and imperatives” to be acted on. Dickens might be dismayed to think that Hard Times no longer possessed its moral function in rousing awareness of harsh social conditions. Admittedly the conditions to which he was referring obtained in Victorian England but that fact should not be lost or sidelined in appreciating the novel as literature. (S.57)

Mir ist nicht klar, ob das wirklich ein Einwand gegen Ellis’ Definition ist. Denn Ellis sagt ja (nach meinem Verständnis) genau das: Wenn man Dickens’ Hard Times als Literatur behandelt, dann scheint der “context of origin” nicht mehr von besonders hervorstechender Bedeutung zu sein. Selbstverständlich aber ist Hard Times auch heute noch Literatur, vollkommen unabhängig davon, ob heute noch Viktorianische Zustände herrschen oder nicht. Ellis’ Definition scheint das durchaus zuzulassen.

Falls jemand Kommentare dazu hat, freue ich mich.

Timothy Williamson in Hamburg

Die PhloxGroup lädt für den September zu einer Summer School mit Timothy Williamson ein:

Thema wird sein “Quantification and Modality”, eine begrenzte Zahl von externen Teilnehmern ist zugelassen, für ein bisschen Knete für Kaffee und Kuchen. Diskutiert werden die ersten drei Kapitel aus Williamsons demnächst erscheinenden neuen Buch.

Happy Todestag, Heidegger!

Zum Todestag des alten Schwarzwaldphilosophen ein alter Klassiker von Pigor und Benedikt Eichhorn:

Dasselbe gibt’s übrigens auch von echten Philosophen gesungen: http://ontology.buffalo.edu/smith/heidegger/ (Gesang: Marcus Rossberg, Richard Westerhaus, Gitarre: Daniel Cohnitz, Keyboards und Xylophon: Richard Westerhaus) Und als Rausschmeißer noch ein schönes Bernhard-Zitat.

Der kürzeste philosophische Text aller Zeiten?

In einem SEP-Eintrag bin ich über folgende Bemerkung gestoßen:

Anscombe’s comment on Bennett’s criticism comprises one of the briefest philosophical essays, which I quote in its entirety here:

The nerve of Mr. Bennett’s argument is that if A results from your not doing B, then A results from whatever you do instead of doing B. While there may be much to be said for this view, still it does not seem right on the face of it. (Anscombe, 1966)

Nachforschungen haben ergeben, dass das nicht ganz stimmt. Anscombes Artikel, der 1966 in Analysis (Vol. 26, No. 6, S.208) erschien, lautet vollständig (vgl. hier):

A NOTE ON MR. BENNETT
By G. E. M. ANSCOMBE

THE nerve of Mr. Bennett’s argument is that if A results from your not doing B, then A results from whatever you do instead of doing B.[1] While there may be much to be said for this view, still it does not seem right on the face of it.

[1] “Whatever the Consequences”‘, ANALYSIS, January 1966,p . 96.

Somerville College, Oxford

Das dürfte allerdings wohl immer noch einer der kürzesten, vielleicht sogar der kürzeste philosophische Text aller Zeiten sein. (Blenden wir mal die Fragmente der Vorsokratiker ["Alles ist aus Pistazieneis!"] aus.)

Debora Weber-Wulff über Plagen mit Plagiaten

Deutschlands Anti-Plagiats-Kämpferin Nr. 1 (Titel von mir selbst ausgedacht) Debora Weber-Wulff schreibt in ihrem Blog über die Schwierigkeiten, an deutschen Unis vernünftige Plagiatsprüfungssoftware einzurichten. Und außerdem über einen merkwürdigen Fall, bei der ein Professor von einer Promovendin verlangt, ihre Dissertation selbständig durch Plagiatssoftware prüfen zu lassen:

Animal Studies verwurstet

Die Volkswagenstiftung ruft 33 Stipendien für eine Summer School aus, bei der man ungestört den Animal Studies nachgehen kann:

Damit man mir nicht vorwerfen könnte, ich hätte einen Animal-Studies-Fimmel, kein Kommentar dazu. Statt dessen habe ich mal geschaut, ob sich auf Grundlage der Ausschreibung auch zwanglos die „Wurst Studies“ als neue literatur- und kulturwissenschaftliche Richtung etablieren lassen. Hier die Ausschreibung, bei der Tiere durch Würste ersetzt wurden. Ich präsentiere feierlich die Wurst Studies:

Mit den Cultural and Literary Wurst Studies hat sich in den letzten Jahren ein neuer Forschungsbereich zu etablieren begonnen. Die Wurst Studies versammeln dabei so unterschiedliche Forschungsdisziplinen wie Philosophie, Kunstgeschichte, Filmwissenschaft, Literaturwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte, Kulturwissenschaft, Biologie, Psychologie, Anthropologie, Geographie, Soziologie und Rechtswissenschaften. Die „Summer School for Cultural and Literary Wurst Studies“ will der Frage nach der historischen und systematischen Position der Wurst in unserer Kultur in drei aufeinander aufbauenden, dabei aber jeweils eigene und eigenständige Schwerpunkte setzenden Jahresthemen nachgehen. Die Jahresthemen sind „Nature, Culture, Wurst und Agency“ (2012), „Politische Wurstologie“ (2013) und „Wurstologische Ästhetik“ (2014). In jedem Jahr wird das Thema durch Keywurst Lectures, Workshops zu Wursttheorien und Wurstthemen, wurstige Podiumsdiskussionen, künstlerische Wurstpräsentationen und offene Formate zur Wurstentwicklung und –vernetzung untersucht.

Wurst in typischer Umgebung als handelnder Agent, eingewoben in kulturelle Praktiken

In der ersten Summer School „Nature, Culture, Wurst und Agency“ stehen generelle Fragen nach einer Epistemologie und Methodologie der Wurst Studies im Vordergrund: Die Wurst erscheint in den derzeit geführten Diskussionen als ein eigentümlicher Gegenstand, dessen epistemologischer Status nicht ohne weiteres zu bestimmen ist und somit zunächst der methodische Zugriff zu klären ist. Zwei einander entgegengesetzte Konzeptionen lassen sich hier unterscheiden, eine naturalistische und eine kulturalistische. Im Problemfeld eines wissenschaftlichen Realismus auf der einen, der anthropozentrisch ausgerichteten Konstruktion der Wurst auf der anderen Seite, hat sich mit den Agency-Theorien ein dritter Weg etabliert: Würste sind aus dieser Perspektive an den kulturellen Tätigkeiten des Menschen aktiv beteiligt, zwar nicht als selbstbewusste Subjekte, aber doch als handelnde Agenten. Denkbar wird damit eine Form der Teilhabe, bei der die Wurst weder ein vorab Gegebenes, Natürliches, gänzlich Unberührtes, noch ausschließlich Konstrukt, Produkt, Projektionsfläche der menschlichen Tätigkeit ist.

Die Summer School 2012 möchte diesen Fragen nach einer Konzeptualisierung der Wurst mit Keynotes nachgehen, die die Frage nach dem „great divide“ zwischen Kulturalismus und Naturalismus und nach einer Kulturtheorie der Wurst stellen. Der Schriftsteller N.N. stellt in einer Lesung und Diskussion mit M.M. eine Reihe von Textwürsten vor und spricht über das Verhältnis von Kultur und Natur in seiner Literatur. Eine Wurstspurensuche führt die TeilnehmerInnen am Exkursionstag an einen prominenten Ort der Wurstforschung. In Theorieworkshops (geleitet durch ausgewählte TeilnehmerInnen) lesen und diskutieren wir grundlegende theoretisch-methodische Wurstpositionen (etwa von Jacques Derrida, Philippe Descola, Bruno Latour und Donna Haraway). In drei parallel laufenden Themen-Workshops soll das Thema exemplarisch vertieft werden: „Natur/Geschichte“ diskutiert die Wirkmächtigkeit der Würste in historischen Prozessen; „Response/Responsibiltity“ fragt nach dem Subjekt- bzw. Objektstatus der Wurst und deren Konsequenzen für eine praktologische Wurstethik, „Experiment/Performance“ untersucht Fälle würstlichen Handelns im Grenzbereich zwischen naturwissenschaftlicher und künstlerischer Versuchsanordnung.

Philosophus dixit #5

I said that deconstruction had found little appeal among professional philosophers. But there are some notable exceptions, much prized by deconstructionists. They tend to be ambiguous allies. One of these characterized Derrida as “the sort of philosopher who gives bullshit a bad name.” We cannot, of course, exclude the possibility that this may be an expression of praise in the deconstructionist vocabulary.

[John Searle: The Word Turned Upside Down [A Review of Jonathan Culler's On Deconstruction], in: New York Review of Books, Volume 30, Number 16 (October 27, 1983).]

Weiß zufällig jemand, wer dieser Philosoph war? Man findet im Netz leider ganz unterschiedliche Angaben.

Videos zu “New Realism”-Konferenz mit Searle, Boghossian, Putnam u.a. im Netz

Die Uni Bonn hat etwas extrem Verdienstvolles getan, nämlich die Vorträge auf der (hier schon erwähnten) New-Realism-Konferenz ins Netz gestellt, die im März in Bonn stattfand:

Zu sehen sind die Vorträge von Hilary Putnam (via Skype), Susan Haack, Markus Gabriel, Paul Boghossian, Lewis Gordon, Maurizio Ferraris, John Searle, Akeel Bilgrami, Werner Gephart und Andrea Kern. Ein Hoch auf die Uni Bonn und die Konferenzveranstalter!

Was heißt es zu schließen? Oder: Sind Deduktion und Induktion verschiedene Schlussweisen?

Gerade habe ich einen ganz frischen Artikel von Paul Boghossian gelesen: What is inference? Der Titel sagt schon, worum es geht. Boghossian fragt danach, was es heißt, zu schließen (zu schlussfolgern, einen logischen Schluss zu ziehen). Der Artikel ist – wie immer bei Boghossian – brilliant geschrieben, sehr schlau, sehr gut aufgebaut, sehr um Einfachheit und Klarheit bemüht, obwohl die verhandelten Themen doch recht schwierig sind.

Ich will den Artikel hier nicht en detail rekonstruieren. Das kann ich auch gar nicht, da ich ihn nur der angenehmen Unterhaltung halber gelesen habe. Ich werde nur ein Detail wiedergeben, das ich interessant fand: Boghossian zeigt sich skeptisch gegenüber der Idee, dass es mehrere voneinander verschiedene Schlussweisen gebe. Normalerweise werden mindestens zwei davon unterschieden: das deduktive Schließen sowie das induktive Schließen. (Beispiele und Erläuterungen bei der Wikipedia.) Boghossians Schluss-Begriff (inference-Begriff) sieht dagegen wie folgt aus:

(Inferring) S’s inferring from p to q is for S to judge q because S takes the (presumed) truth of p to provide support for q.

Der Aufsatz dreht sich dann hauptsächlich um die Frage, was genau es heißen kann, dass ein Sprecher die Prämissen seiner Argument für fähig hält, seine Schlussfolgerung (die Konklusion) zu stützen. Boghossian bezeichnet das als “Taking condition”:

(Taking Condition): Inferring necessarily involves the thinker taking his premises to support his conclusion and drawing his conclusion because of that fact.

Wie auch immer man die “Taking Condition” zu verstehen hat, sei hier egal. Schließen scheint für Boghossian aber immer ein und dieselbe Tätigkeit zu sein: Der Übergang von einzelnen Sätzen (Propositionen, Überzeugungen) zu anderen Sätzen (Propositionen, Überzeugungen). Dabei muss derjenige, der schließt, die Prämissen für wahr halten und diese für ausreichend halten, die Wahrheit der Konklusion zu sichern. Akzeptiert man Boghossians Begriff von „Schließen“, scheint man bei der Konsequenz zu landen, dass es nicht zwei verschiedene Schlussweisen gibt, sondern im Falle von Deduktion und Induktion lediglich unterschiedliche Standards für die jeweiligen logischen Schlüsse angelegt werden:

It is tempting to think that there are two kinds of inference—deductive and inductive. But in what could the difference between these two kinds of inference consist?
Of course, in some inferences the premises logically entail the conclusion and in others they merely make the conclusion more probable than it might otherwise be. That means that there are two sets of standards that we can apply to any given inference. But that only gives us two standards that we can apply to an inference, not two different kinds of inference.

Würde man ähnliches wie bei der Deduktion und Induktion wohl auch von der Abduktion sagen? Manchmal werden abduktive Schlüsse ja auch als eigenständige Schlussweisen behandelt – obwohl sehr unklar ist, weshalb genau hier eigentlich geschlussfolgert wird. Aber wie auch immer: Mit Boghossian könnte man wohl sagen, bei der Abduktion werden einfach andere, „lockerere“ Standards für einen Schluss zugrunde gelegt. Auch die Abduktion wäre ein Schluss, aber der Übergang von einzelnen Sätzen ist sozusagen nicht so „streng geregelt“ wie bei Deduktionen oder Induktionen.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Unsympathisch ist es mir nicht.

Aus der Rubrik: “Neues von den Animal Studies”

Meine germantistisch-kulturwissenschaftliche Lieblingsströmung, die Animal Studies (vgl. hier), bei denen Kühe zu “politischen Akteuren” werden, Krokodile “kulturpoetische Funktionen” in “Rassendiskursen” übernehmen und Hunde verzerrt werden, trieben schon wieder Wissenschaft! Diesmal in Göttingen mit einer Tagung namens “Archetypen, Artefakte. Kulturelle Repräsentationen von Tieren im intermedialen Vergleich”:

Ich zitiere einfach nur mal meine Favoriten unter den Vortragstiteln:

  • “Der Kraken. Ein maritimer Mythos und seine Vorgeschichte in der altnordischen Kryptozoologie”
  • “Das Krokodil und seine kulturpoetische Funktion im US-amerikanischen Rassendiskurs”
  • “Füchse in der japanischen Folklore: Vom Mythos zum Manga”
  • ” ‘the first in the history of india to perform a satyagraha’ – die heilige Kuh als politische Akteurin und weitere Repräsentationen der Kuh in zeitgenössischen indischen Literaturen”
  • ” ‘Das Zerrbild der Hunde’. Der Mops in den skandinavischen Literaturen des 19. Jhs.”
  • “Das Göttliche im Kalbhaften. Die Schlachthöfe von Chicago in religiösen Diskursen des 19. u. 20. Jhs.”

Go, Animal Studies, go! Auch dieses Jahr wieder ein heißer Anwärter auf den Schwafelhannes-of-the-Year-Award.

Wie Philosophen aussehen

Cooles neues Blog, bei dem der interessierte Betrachter sehen kann, wie Philosophen wirklich aussehen:

Erstaunlich: Sie leben nicht in Fässern und nur wenige tragen Bart. Die Macher von Feminist Philosophers, die dieses Projekt ins Leben riefen, schreiben dazu:

Our hope is that this blog will be a small part of the effort to undermine stereotypes about the kinds of people who can be philosophers. And with any luck, it will become a resource to show to students.

But for this to work, we need your help. Send us your photos! We want photos of all ages, genders, races. . .you get the idea. If you’re a philosopher, we’d love to have a photo of you.

http://feministphilosophers.wordpress.com/2012/05/07/what-a-philosopher-looks-like/

Wider die Zusammenrottung von Omas in öffentlichen Verkehrsmitteln!

Immer wieder, wenn ich in edler Einfalt und stiller Größe in Regionalexpressen durch Deutschland dahinschwebe und mich friedlich in ein Buch vertieft habe, entern ungefragt dutzende von pastellfarbenen Omas den Zug, trampeln unaufhaltsam durch die Abteile, setzen sich natürlich in meine Nähe und verhindern mit ihrem unbegremsten Schnattern jeden Anflug von Lesevergnügen. Man hört im allgemeinen Durcheinanderschnattern immer nur einzelne Satzfetzen wie „… es muss in den 70er Jahren gewesen sein…“, „… es kommt immer wieder durch, es kommt immer wieder durch…“, „…kein Tsunami…“, „…also als ich damals…“ usw.

Das Ganze geht natürlich auch nicht leise, sondern ist so wichtig, dass jeder im Abteil es unbedingt hören muss. Wenn eine Oma zur Toilette trampelt, sagt sie vorher jeder anderen Oma persönlich bescheid und fasst sie dabei vertraulich an. Wenn Opas dabei sind, hat mindestens einer davon immer eine Schirmmütze auf.

Jede Leseunternehmung wird sinnlos bei dieser Rudelbildung im Regionalexpress! Omas verhindern den Fortschritt der Wissenschaft, sie zerstören Kunst und Philosophie, indem sie mich vom Lesen abhalten! Hier ist auch die Politik gefragt. Wie lang kann Merkel noch zuschauen? Zu lange wurde das finstere Treiben der Regionalexpressomas geduldet, im Rücken der Öffentlichkeit haben sie sich zu einer mächtigen Bewegung formiert, die in der Lage ist, jeden beliebigen Regionalexpress in kürzester Zeit in eine kultur- und geistlose Zone zu verwandeln. Wir dürfen hier nicht länger tatenlos zusehen! Ich fordere Politik und Medien zum Handeln auf! Frank Schirrmacher, tu etwas, bevor du selbst vollends zum Opa wirst! Schreib einen Leitartikel, der die untragbaren Zustände ins Bewusstsein der Öffentlichkeit hebt! Ihr Piraten, einigt euch in eurer politischen Ahnungslosigkeit wenigstens auf einen einzigen Parteiprogrammpunkt, der Zusammenrottungen von Omas in der Öffentlichkeit verbietet! Günter Grass, schreib doch mal wieder ein beschissenes Gedicht, in dem du die wahren Übeltäter entlarvst und an den Pranger stellst! Sicher planen auch Omas einen atomaren Präventivschlag gegen den Iran, du weiß doch immer alles!

Ich fordere: Nie wieder Omaballungen in Regionalexpressen!

(Die in diesem Blogeintrag beschriebenen Ereignisse sind nicht frei erfunden. Ähnlichkeiten der darin vorkommenden Personen mit lebenden und verstorbenen Omas sind vom Autor gewollt.)

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