Wittgensteins Tractatus auf Twitter

Wer sich seine tägliche Portion früher Wittgenstein online reinzwitschern will, sollte sich diesen Twitteraccount einmal von Nahem besehen:

Soeben kam der erste Tweet. Es gibt bereits Vorläufer dieser Aktion, etwa hat hier jemand aus Wittgensteins Schriften und Tagebucheinträgen das Leben des großen Ludwig dem geneigten Twitteruser nahegebracht: “Wittgenstein’s life accelerated through 600 tweets”.

Wege aus der Arbeitslosigkeit für Philosophen

Hegel

Arbeitslose Philosophen bevölkern Deutschland und sorgen für Terror und Schrecken auf deutschen Straßen. Was im Bachelorstudium als harmloser philosophischer Lesekreis begann, hat sich heute oft zu exklusiven Parallelgesellschaften mit befremdlichen Bräuchen und für den Außenstehenden gänzlich unverständlichen Ritualen ausgewachsen. Ausgewachsene Philosophen, die nach dem Studium in die Arbeitslosigkeit abdriften, schließen sich immer öfter zu Rudeln zusammen, bilden städtische Ghettos aus, ganze Viertel werden mittlerweile von ihnen kontrolliert (es gibt Gegenden in Heidelberg und Tübingen, die kein Nicht-Philosoph je betreten sollte). Merkel hat lange weggeschaut und tut es noch immer, auch Frank Schirrmacher hat noch kein Buch darüber geschrieben und in der FAZ die obligatorische “Passend-zu-meinem-Buch-Debatte” vom Zaun gebrochen. Was sollen wir tun, wenn Politik und Öffentlichkeit dermaßen versagen? Die Antwort ist nicht überraschend: Handpuppen basteln.

In New York zeigen arbeitslose Philosophen, wie man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und verbessern kann. In der Unemployed Philosophers Guild haben sich Philosophen friedlich zusammengefunden, um aus ihrer scheinbar nutzlosen philosophischen Bildung Kapital zu schlagen und den Alltag der Geistesmenschen mit bedenkenswerten Produkten zu verschönern. Z.B. verkaufen sie diese schönen Erderwärmungs-Tassen:

Ihre besondere Spezialität liegt allerdings in der Fertigung von Handpuppen mit Charakteren aus der Geistes- und Geistlosigkeitsgeschichte seit Platon. Schöne Objekte sind beispielsweise Derrida, Kant, Hegel (siehe oben) und – mittlerweile etwas veraltet – die Achse des Bösen. Oder wie wäre es mit diesem T-Shirt mit John Locke Picard? Oder der leckere Nietzsche-Riegel namens Will to Power? Die Reklame verspricht:

When your Wille zur Macht is a-flagging or you’re just a little tired of transvaluating all values, try these! Nietzsche’s Will To Power Bar transcends good and evil, it establishes new ideas, and escapes the constraints of Judeo-Christianity.

Oder für den Freund Albert Camus’ hier eine edle Sisyphos-Uhr. Oder die schönen Jesus-Produkte wie das What-would-Jesus-wear?-Dress-up-set und die Jesus-Rasur-Tasse.

Kurz, da ist für jeden was dabei. Wir lernen daraus: Arbeitslosigkeit unter Philosophen muss nicht sein, wenn man nur eine clevere Idee und schweineviel Glück hat, dass man sich bei sowas nicht maßlos verschuldet und immer genügend Kunden hat. Ansonsten empfiehlt der blinde Hund: Lieber was Anständiges studieren.

Philosophus dixit #7

Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderm, als aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und den realen Objekten, die durch ihn, in irgend einer Beziehung, gedacht worden waren, und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser Inkongruenz. Sie tritt oft dadurch hervor, daß zwei oder mehrere reale Objekte durch einen Begriff gedacht und seine Identität auf sie übertragen wird; darauf aber eine gänzliche Verschiedenheit derselben im Uebrigen es auffallend macht, daß der Begriff nur in einer einseitigen Rücksicht auf sie paßte. Eben so oft jedoch ist es ein einziges reales Objekt, dessen Inkongruenz zu dem Begriff, dem es einerseits mit Recht subsumirt worden, plötzlich fühlbar wird. Je richtiger nun einerseits die Subsumtion solcher Wirklichkeiten unter den Begriff ist, und je größer und greller andererseits ihre Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz entspringende Wirkung des Lächerlichen. Jedes Lachen also entsteht auf Anlaß einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion; gleichviel ob diese durch Worte, oder Thaten sich ausspricht. Dies ist in der Kürze die richtige Erklärung des Lächerlichen.

(Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, Erster Band, Erstes Buch, §13)

Interview mit Peter Singer

Ein Interview mit Peter Singer, in dem er seine Haltung zu verschiedensten Fragen (die richtige Form der Ethik, Tierrechte, Schwangerschaftsabbruch, religiöser Glaube, usw.) sehr kurz und präzise darlegt:

 

Nachtrag zu BHL

Der Film von Bernard-Henri Lévy über sein Libyen-Engagement, den ich hier erwähnte, heißt zwar nicht “Wie ich Libyen befreite!”, sondern “Le Serment de Tobrouk”. Dennoch wäre der von mir erfundene Titel diesem Bericht in der NZZ  zufolge nicht völlig unangemessen. – Was für ein Volltrottel.

Peter Singer über rituelle Schlachtungen

Die gesellschaftliche Rolle der Religionen scheint für Philosophen zur Zeit ein interessantes Thema zu sein. Martha Nussbaum hat grad ein Büchlein über religiöse Intoleranz rausgehauen und hält demnächst auch zwei Vorlesungen in Köln über religiöse Toleranz (Hinweis via Theorieblog). Peter Singer argumentiert in einem Artikel für die Vereinbarkeit von Religionsfreiheit und dem Verzicht auf rituelle Schlachtungen ohne vorhergehende Betäubung:

Sein Argument lautet schlicht: Es gibt in keiner Religion ein Gebot, das Fleischkonsum gebietet. Daher kann man als Religiöser auch einfach völlig darauf verzichten, ohne in seiner Religionsausübung eingeschränkt zu werden:

But prohibiting the ritual slaughter of animals does not stop Jews or Muslims from practicing their religion. During the debate on the Party for the Animals’ proposal, Rabbi Binyomin Jacobs, Chief Rabbi of the Netherlands, told members of parliament: “If we no longer have people who can do ritual slaughter in the Netherlands, we will stop eating meat.” And that, of course, is what one should do, if one adheres to a religion that requires animals to be slaughtered in a manner less humane than can be achieved by modern techniques.

Neither Islam nor Judaism upholds a requirement to eat meat.

Einer der aktuellen Hintergründe zu diesem Artikel ist ein (mittlerweile gescheiterter) Gesetzantrag der Tierrechtspartei im niederländischen Parlament, nach dem rituelle Schlachtungen ohne vorhergehende Betäubung verboten werden sollten.

Dasselbe Argument wendet Singer auch auf vergleichbare Fälle an, etwa auf den Umstand, dass Obamas Krankenversicherung auch empfängnisverhütende Mittel umfasst, was den Katholiken als Betreibern öffentlicher Einrichtungen mal wieder nicht so passt. Aber, so Singer:

Likewise, the Obama administration’s requirement to provide health insurance that covers contraception does not prevent Catholics from practicing their religion. Catholicism does not oblige its adherents to run hospitals and universities. [...]

Of course, the Catholic Church would be understandably reluctant to give up its extensive networks of hospitals and universities. My guess is that, before doing so, they would come to see the provision of health-insurance coverage for contraception as compatible with their religious teachings. But, if the Church made the opposite decision, and handed over its hospitals and universities to bodies that were willing to provide the coverage, Catholics would still be free to worship and follow their religion’s teachings.

Singer beschließt seinen Artikel mit der Feststellung, dass die Berufung der Religionsvertreter auf die Religionsfreiheit in solchen und vergleichbaren Fällen ein Missbrauch des Rechtes auf Religionsfreiheit ist (“the appeal to religious freedom is being misused”), da letztere in den genannten Fällen in keiner Weise angetastet wird.

Das schlechteste Argument der Welt bei “The Philosopher’s Zone”

Ein wunderbarer Podcast:

Sehr empfehlenswert ist die Folge The worst argument in the world. Diskutiert werden von den Philosophen James Franklin und Peter Slezak Searles Argument vom chinesischen Zimmer, Pascals Wette, der ontologische Gottesbeweis, u.a.

Interessant ist z.B. der Austausch über Searles Gedankenexperiment vom chinesischen Zimmer, da ja zeigen soll, dass Computer aus prinzipiellen Gründen nicht intelligent handeln, d.h. das tun können, was Menschen tun können, z.B. etwas “verstehen” (Kurzfassung hier, Langfassung hier). Slezak behautpet, Searles Argument sei miserabel, weil es eine lebende Person im Inneren des Computers (des chinesischen Zimmers) zum Kriterium dafür mache, ob der Computer (das System des chinesischen Zimmers) nun verstehe, was es da macht:

Now, the quickest way I can point to what I think is the flaw in this, is the question is, what the hell is Searle doing in the room and why is the criterion of whether a system understands, whether an intelligent person inside the system has understanding? This is a version of what’s well known in philosophy and elsewhere as the homunculus fallacy.

James Franklin dagegen bestreitet, dass es bei dem Argument darauf ankomme, wer oder was das im chinesischen Zimmer mit den chinesischen Zeichen hantiere. Das müsse kein Mensch, es könne genausogut ein Affe oder ein Zombie sein:

I don’t believe the homunculus being intelligent is an essential part of the argument, that it could be just a monkey or anything that will be able to follow the rules; in fact, a computer. What the argument is supposed to demonstrate, is that there must be something different in the case of thinking. Wouldn’t his argument still be there if there’s a zombie brain or indeed a computer in there following the Chinese rules? He would say from the outside, you can’t see any of that, the room still appears to be intelligently answering in Chinese, but you know, because you’ve set up the experiment, that there is nothing in there thinking or understanding. Therefore thinking or understanding must be something essentially different.

Wer hat Recht? Man weiß es nicht. Allerdings würde es Searles Argument vermutlich auch dann nicht zu einem guten Argument machen, wenn Franklin Recht hätte. Die eigentliche Schwierigkeit beim chinesichen Zimmer scheint zu sein, dass das ganze System (das Zimmer mit seinem kompletten Inventar, inklusive Wörterbüchern und Searle/Affe/Zombie/etc.) tatsächlich Chinesisch zu verstehen scheint. Man gibt chinesische Botschaften herein und es kommen die passenden chinesischen Antworten heraus. Das ganze System scheint also doch intelligent zu operieren und die Sprache zu verstehen. Dieser Einwand, bekannt als System’s Reply, scheint mir schwerer zu wiegen als die Tatsache, dass im ursprünglichen Gedankenexperiment ein Mensch im chinesischen Zimmer hockte.

Absurde philosophische Theorien bei Twitter

Ein neuer Twitter-Account, der absurde philosophische Theorien vorstellt:

Praktische Tipps für Hundefreunde

Mal wieder Empörung wegen Ehrung von Peter Singer

Wie Brian Leiter berichtet, gibt es schon wieder Empörungswellen von christlicher und rechtskonservativer Seite gegen die Ehrung Peter Singers. Vor kurzem wurde bekannt, dass Singer eine der höchsten staatlichen Ehrungen seines Heimatlandes Australien erhalten wird, eine Ernennung zum Companion of the Order of Australia. Die “Murdoch-Presse” berichtet Folgendes:

Senator Joyce contrasted Professor Singer’s appointment as a Companion of the Order of Australia with the uproar surrounding photos of members of the Olympic swimming team with guns. “Political correctness says that is outrageous,” he said, “but on the same day we’re supposed to laud and praise Professor Peter Singer for . . . such wonderful ideas as a child has no rights and can be killed until they are cognisant of their rights”.

(Quelle)

Man kann diesen uninformierten Schreihälsen wirklich nur empfehlen, einfach mal Singers Texte zu lesen.

Der eitle Hund feiert sich selbst

Huch, ich hab’s total verschlafen, aber dieses Blog hat am 27. Mai sein Einjähriges gefeiert. Viel ist in dieser Zeit geschehen: Die Zugriffszahlen konnten von 2 auf 3 Besucher pro Tag gesteigert werden, vollkommen bescheuerte Nonsenseartikel gingen unbemerkt den Internetbach hinunter, ich habe mich selbst bis auf’s Hemd entblößt und mein nach persönlicher Auffassung einzigartiges Seelenleben effekthascherisch vor aller Augen inszeniert, es ist immer noch nicht geklärt, ob das Sein das Bewusstsein bestimmt oder andersrum, aber immerhin, der Aktiengang ist geplant und wird uns alle auf einen Schlag zu Milliardären machen. Vorsicht, ich werde die Nutzungsbedingungen jederzeit meinen Bedürfnissen anpassen, wenn mir danach ist!

Dank an alle, die hier ab und zu mitlesen, kommentieren, Artikel verlinken oder zurecht enttäuscht weiterziehen.

Heitere Beispiele #8

The utterance of any sentence at all [...] can only be understood given a set of Background abilities that are not themselves part of the semantic content of the sentence. [...] Consider, for example, the utterance, “Cut the grass.” Notice that we understand the occurrence of the word “cut” quite differently from the way we understand the occurrence of “cut” in “Cut the cake” (or “Cut the cloth,” “Cut the skin,” and so on) even though the word “cut” appears univocally in both sentences. This point is illustrated if you consider that if I say to somebody, “Cut the cake,” and he runs a lawnmower over it, or if I say, “Cut the grass,” and he runs out and stabs it with a knife, we will, in each case, say that he did not do what he was literally told to do.

(Searle, John 1994: Literary Theory and Its Discontents, in: New Literary History, Vol. 25, No. 3, S.637-667, hier S.640)

Philosophus dixit #6

[I]m Schlafe aber sind der Gute und der Schlechte am wenigsten zu erkennen. Daher auch das Sprichwort: Zwischen den Glücklichen und den Unglücklichen ist ihr halbes Leben lang kein Unterschied.

(Aristoteles: Nikomachische Ethik, Buch I, Kap. 13, 1102b)

PhilosophyBro über Dialethismus

Bei PhilosophyBro wird der Dialethismus erklärt, d.h. diejenige Auffassung, nach der zumindest einige Sätze zugleich wahr und falsch sein können, namentlich bestimmte selbstreferentielle Sätze (vgl. Lügner-Paradox) oder Sätze über sogenannte Übergangszustände (transition states):

Mehr Informationen zum Dialethismus bei der SEP. Und man beachte auch das hier verlinkte Interview mit Graham Priest, dem Hohepriester des Dialethismus.

(Hinweis via Lichtwolf)

Weltmusik

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