Lärm um Adorno-Preis für Judith Butler

Judith Butler wird von vielen Philosophen nicht für voll genommen, wie auch Brian Leiter in einem jüngeren Blogpost andeutet, z.B. wenn er einen extrem Butler-kritischen Aufsatz von Martha Nussbaum verlinkt. Dennoch zollt er ihr Respekt für ihre jüngste Antwort, die sie auf einen kritischen Artikel der Jerusalem Post gebeben hatte, in dem ihr u.a. Antisemitismus und Unterstützung von Hamas und Hisbollah vorgeworfen wurde. Anlass war die Verleihung des Adorno-Preises an Butler. Alle links inklusive einer hübschen Beleidigung aus der Butler-Fangemeinde bei Leiter:

Und auch in Deutschland gibt’s Kontroversen: “Stadt Frankfurt verteidigt Judith Butler” titelt die ZEIT, “Schlammschlacht um Adorno-Preis” die SZ und in der taz wird auf eine spätere Richtigstellung ihrer Aussage hingewiesen, dass Hamas und Hisbollah “progressive” Bewegungen der Linken seien. Eine klare Distanzierung von solchen Organisationen scheint das allerdings auch nicht zu sein.

Nachtrag: Ein sehr lesenswerter Artikel dazu bei Blogkow.

Rezension zu Terry Eagletons “The Event of Literature” in der FAZ

Martin von Koppenfels, Komparatist an der Uni München, rezensiert in der FAZ Terry Eagletons neustes Büchlein The Event of Literature:

Fazit: Viel Polemik und anscheinend wenig Substantielles. Hinsichtlich der Frage, was Literatur ist, vertritt Eagleton offensichtlich eine Familienähnlichkeitstheorie, nach der Literatur zwar viele verschiedene charakteristische Eigenschaften hat, aber keine davon ist notwendig oder gar hinreichend dafür, dass etwas Literatur ist. Zitat:

“Wenn Leute einen Text als literarisch bezeichnen, haben sie meist eines oder mehrere von fünf Dingen im Sinn: ein fiktionales Werk, oder eines, das grundlegende Einsichten in die menschliche Erfahrung bietet, statt empirische Wahrheiten mitzuteilen, ein Werk, das Sprache auf eine irgendwie gesteigerte, bildhafte oder selbstbezügliche Weise verwendet, eines, das nicht in dem gleichen Sinne praktisch ist wie eine Einkaufsliste, oder schließlich eines, dem als Text ein besonderer Wert zukommt.”

Eine solche Familienähnlichkeitstheorie ist eine ziemlich alte Theorie, die vor allem Morris Weitz populär gemacht hat. Laut Rezension scheint Eagleton aber weder besonders viele solcher Eigenschaften aufzulisten (siehe Zitat), noch scheint er sich mit konkurrierenden Versuchen einer Literaturdefinition auseinanderzusetzen, z.B. mit institutionalistischen Theorien.

Immerhin findet sich eine schöne Bemerkung über die analytischen Literaturphilosophen:

“Ihre Kenntnis literarischer Werke scheint sich auf die Sherlock Holmes-Geschichten und den ersten Satz von Anna Karenina zu beschränken.”

Das dürfte auf einige der Angesprochenen sicher zutreffen. Allerdings ist es nicht besonders wichtig dafür, sich besonders gut in der Literaturgeschichte auszukennen, um abstrakte literaturtheoretische Probleme zu diskutieren. Aber gut, es schadet sicher auch nicht, wenn man mehr kennt als nur Sherlock Holmes.

Sollten Konsequenzialisten nach Oklahoma reisen und morden?

Eduardo Rivera-López hat ein interessantes Gegenbeispiel gegen den Konsequentialismus vorgelegt, das Richard Chappell in seinem Blog diskutiert (dort auch der link auf den Artikel von Rivera-López). Konsequentialistische Ethiken gehen, kurz gesagt, davon aus, dass diejenige Handlung moralisch richtig ist, die alles in allem die besten Folgen für alle hat. Es gibt viele verschiedene Spielarten des Konsequenzialismus, und was “die besten Folgen haben” im Einzelfall heißt, kann sehr unterschiedlich aussehen – aber sei’s drum, hier das Gegenbeispiel von Rivera-López:

Tom is an adult male. He lives in a state of the U. S. where capital punishment is routinely enforced (say, Texas or Oklahoma). There he kills an innocent, white, person (preferably a woman), involving a number of aggravating circumstances. Tom does not make much effort to escape justice. After committing the murder, he does not show remorse. He is poor and, therefore, cannot afford a private lawyer. Public defenders are not especially good. Since his probable execution will deter other murderers and thereby save the lives of other innocent persons, Tom is morally (at least) allowed to kill.

[aus: Eduardo Rivera-López 2012: The Moral Murderer. A (More) Effective Counterexample to Consequentialism, in: Ratio 25 (3), S.307-325.]

Rivera-López geht zudem davon aus, dass jede vollzogene Todesstrafe mindestens 18 potentielle Mörder davon abhält, jemanden umzubringen. Daher sollte, folgert der Autor, jeder Konsequenzialist in einen Staat fahren, in dem es die Todesstrafe gibt, einen Menschen töten und sich selbst zum Tode verurteilen lassen, da dies alles in allem die besten Folgen für alle hätte und jeweils mindestens 18 Leute vor dem Tod bewahrt werden würden. (Die Todesstrafe hat nachweislich kaum abschreckende Wirkung, aber das ist für das Gegenbeispiel egal, denn es ist durchaus möglich, dass sie eine solche abschreckende Wirkung hätte – und das reicht, um das Gegenbeispiel zu einem ernstzunehmenden Fall zu machen.)

Klingt von Anfang an etwas merkwürdig und die Einwände von Richard Chappell, die man in seinem Blog nachlesen kann, scheinen mir treffend zu sein. Dennoch nicht uninteressant.

Und weil ich grad beim Konsequenzialismus bin: Im WDR quatscht Jürgen Wiebicke mit dem Mannheimer Ethikprofessor Bernward Gesang, Vertreter des Utilitarismus, über Utilitarismus und Klimaethik.

Der Ethikrat hat versagt

Der Ethikrat war eine gute Idee, aber spätestens mit der gestrigen Debatte zur Beschneidung ist klar, dass dieses Gremium als moralische Instanz versagt hat und das Steuergeld nicht wert ist. Der Ethikrat hat genau das getan, was der Bundestag bei seiner Debatte auch getan hat: Er hat eine von vornherein feststehende Position durchgedrückt. Und wozu braucht man einen Ethikrat, der anders als der Bundestag vom Druck unmittelbarer Konsequenzen einigermaßen befreit ist, wenn der einfach nur Bundestagsdebatten spiegelt? Worauf es ankäme, nämlich das bessere Argument gelten oder wenigstens zur Anhörung bringen zu lassen, scheint weder im Bundestag noch im Ethikrat besonders beliebt zu sein.

Die Zusammensetzung des Ethikrats ist ohnehin indiskutabel: Solang er von Theisten dominiert wird, die ihre Moral autoritätsgläubig von oben empfangen und nicht bereit sind, von göttlich festgelegten Vorschriften abzuweichen, wird es dort keine rationalen und moralischen Entscheidungen geben. Im Gegenteil: Durch den Ethikrat wird Religionsvertretern vielmehr die Möglichkeit gegeben, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Die Trennung von Staat und Kirche ist ohnehin in Deutschland noch nicht vollständig vollzogen (man denke allein an den staatlich organisierten und finanzierten Einzug der Kirchensteuer, die staatliche Bezahlung von kirchlichen Einrichtungen und Personal etc.), und der Ethikrat in seiner momentanen Form trägt allenfalls zur Verflechtung von Kirche und Staat bei.

Zeit, den Ethikrat abzuschaffen oder mit Leuten zu besetzen, die über Fragen der Moral noch wirklich rational diskutieren wollen. Es bietet sich z.B. eine Gruppe an, die der Staat extra dafür bezahlt, um über moralische Fragen rational nachzudenken, ohne sich dabei durch göttliche Einflüsterer leiten zu lassen: Moralphilosophen. Es mag irrwitzig klingen, aber warum sollte man einen nennenswerten Teil des Ethikrats nicht mal zur Abwechslung mit Leuten besetzen, die sich professionell mit Ethik auseinandersetzen und die nicht alle Mitglieder in religiösen Clubs wie Donum Vitae, Cusanuswerk etc. sind?

(Mehr zum Beschneidungsurteil hier.)

Noch mehr Metaethik

Ergänzend zu diesem Blogpost möchte ich auf eine hübsche Grafik von David Faraci hinweisen, der für einen seiner Unikurse mögliche metaethische Positionen in einem komplexen Baumdiagramm zusammengestellt hat:

Überhaupt sollte es in der Philosophie mehr Baumdiagramme geben.

Philosophen schämen sich

Und zwar hier:

(via Leiter und all die unbekannten Internetkanäle)

Philospher’s Song

Huch, wie konnte das hier fehlen?

 

Schlussplädoyers von Pussy Riot

Die beeindruckenden Schlussplädoyers der drei Mitglieder von Pussy Riot, die heute verurteilt wurden:

Schachspielen gegen den Solipsismus!

Gegen den Solipsismus gibt es zwar wahrlich genug Argumente, aber eins mehr schadet sicher nicht, wenn es originell ist. Eric Schwitzgebel präsentiert in seinem Blog ein solches Argument. “Radikaler Solipsismus” wird dort verstanden als die These, dass keine Außenwelt existiert bzw. dass es ausschließlich mein eigenes Bewusstsein gibt. Um diese These zu prüfen, spielt Eric gegen seinen Schachpartner “seeming-Alan” (der scheinbare Alan) 20 Partien Schnellschach. “Seeming-Alan” gewinnt 17 von 20 Schachpartien gegen Eric. Das Argument gegen den Solipsismus lautet nun wie folgt (meine Rekonstruktion):

(P1) Wenn der Radikale Solipsismus wahr ist, kann nichts existieren, das besser als ich im Schach ist.
(P2) Mein Schachpartner ist besser als ich im Schach.
(K) Daher ist der Radikale Solipsimus falsch. [modus tollens aus P1 und P2]

Drei Anmerkungen dazu:

(i) P2 ist neutral hinsichtlich der Frage, ob der Schachpartner nur von mir imaginiert oder tatsächlich existent ist. In P2 wird also nicht illegitimerweise schon vorausgesetzt, was erst bewiesen soll, nämlich dass etwas außerhalb meines eigenen Bewusstseins existiert.

(ii) Das Prädikat “ist besser als ich im Schach” wird von Schwitzgebel so verstanden, dass es meinem Schachpartner nur dann zukommen kann, wenn er mich so oft im Schach geschlagen hat, dass Zufallsergebnisse ausgeschlossen werden. Schwitzgebel sagt zu Beginn: “In fact, I will take the general standards of science for granted, insofar as those general standards are compatible with solipsism.” P2 setzt also die Geltung der statistischen Gesetze voraus.

(iii) Ein paar naheliegende Einwände (dass Eric unbewusst wünschte zu verlieren, dass er die Schachpartien nur geträumt hätte) versucht Schwitzgebel anschließend selbst auszuräumen. Auf den naheliegendsten Einwand, dass “seeming-Alan” und dessen Schachsiege selbst nur Teil von Erics Bewusstseinsinhalten sein könnten, präzisiert Schwitzgebel sein Argument:

The thought is that although the sensory experiences I associate with seeming-Alan may only be part of my conscious experience, the chess skill that organizes them must be rooted in something that extends beyond my conscious experience.

Kurz gesagt setzt Schwitzgebel also voraus, dass ich mich selbst (gemäß der These des Radikalen Solipsismus) nicht im Schach schlagen könnte, ohne dass mir eben dies bewusst wäre.

Texte über Ayn Rand

Im Philoblog werden einige hilfreiche Texte über Ayn Rand verlinkt, die nun größere Aufmerksamkeit durch Paul Ryan bekommt, den Mitt Romney vor kurzem zum Kanditaten für die Vizepräsidentschaft kürte:

Nachträge:

Was ist Metaethik?

Eine kurze, klare, übersichtliche und daher gelungene Einführung in prinzipielle Fragen und Positionen der Metaethik:

Darüber hinaus kann man sich wie immer recht gut bei der SEP und der IEP informieren, im Blog von Sabine Döring gibt es Zusammenfassungen und Folien einer Vorlesung zur Metaethik, und die Universität Hannover hat ein schönes Heftchen (PDF) mit Interviews und Texten u.a. von Döring, Andrea Marlen Esser, Christoph Halbig, Volker Gerhardt und Hans-Jörg Ehni im Angebot.

Wie leitet man ein Philosophieseminar?

Im Blog von Brian Leiter werden Tipps gesammelt, wie man ein Philosophieseminar gut gestalten kann:

Die Diskussion ist zwar speziell auf “graduate-level seminars” ausgerichtet, dürfte aber von generellem Interesse für die philosophische Lehre auch bei niedrigstufigeren Seminartypen sein.

Gibt es ein notwendig existierendes Wesen?

Auf necessarybeing.net kann man ein paar harmlos wirkende metaphysische Fragen beantworten und das Programm versucht anschließend, aus den gegebenen Antworten ein Argument dafür zu stricken, dass es ein “notwendig existierendes Wesen” gibt:

Wer also wissen will, ob er sich (möglicherweise unbewusst, so wie ich) auf die Existenz so eines Wesens bzw. Dings festgelegt hat, sei dieser kleine Test empfohlen. Und falls Religiöse mitlesen: Nee, das ist kein Gottesbeweis.

Precht über Europa

Richard David Precht macht in der SZ den Habermas und fordert ein demokratischeres Europa mit mehr Bürgerbeteiligung:

Ein paar philosophische Artikel der letzten Zeit

  • Peter Bofinger, Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin sind der FAZ für Europa und machen Sigmar Gabriel – auf dessen Nachfrage bei Habermas (!) – ein paar Vorschläge für ein hübsches SPD-Parteiprogramm. Der Artikel ist im Blog von Nida-Rümelin frei zugänglich.
  • Beim Lichtwolf wurden Artikel zu John Searles 80. Geburtstag gesammelt.
  • Im lange verwaisten Blog Denkstille sind zwei neue Artikel erschienen. In diesem hier wird Kritik an der Philosophie Poppers formuliert, in jenem hier Hegels kurze Schrift Wer denkt abstrakt? vorgestellt. (Bei Hegel kommt übrigens raus: Abstrakt denkt nur das dumme Volk.)
  • Bei Telepolis schreibt Stefanie Voigt über das undankbare Thema “Philosophie und Sex”: Teil 1, Teil 2. (Hinweis über die wöchentliche Linkliste beim Lichtwolf.)
  • Patricia Churchland erzählt mal wieder was zum Verhältnis von Neurowissenschaft und Moral – und dies bei PhilosophyBites.
  • Beim Podcast der University of Chicago diskutiert Catarina Dutilh Novaes, ob es eine “philosophische Methode” gibt. (MP3-Direktlink)
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