Carnap als Dramatiker
12. September 2012 Hinterlasse einen Kommentar
Das Carnap-Archiv der Universität Pittsburgh hat ein kurzes Drama des vermutlich 12jährigen Rudi Carnap ins Netz gestellt:
Es trägt den Titel Scipio und soll ein “Dramatisches Schauspiel in 4 Aufzügen” sein. Das Ganze kommt in reimlosen Versen daher mit meist 4- oder 5-hebigen Jamben, aber alles sehr unregelmäßig. Das Stück spielt in Rom, Protagonist ist Scipio Africanus maior, über den ein Gerücht geht, er habe Kriegsgelder in die eigene Tasche gesteckt.
Im 1. Akt diskutieren die Bürger Roms darüber, ob an dem Gerücht etwas dran sein könnte und es werden sehr unterschiedliche Meinungen darüber geäußert, was von Scipio zu halten ist. Auch erfährt man, dass Scipio deswegen angeklagt werden soll.
Im 2. Akt wird Scipio, der von der drohenden Anklage bereits gehört hat, von seinen Freunden eine Fluchtmöglichkeit angeboten. Scipio schlägt diese aus. Anschließend zeigt sich schon etwas der spätere Carnap, als ein Freund Scipios dessen fünf Gründe für das Ausschlagen des Fluchtangebots ordentlich durchnummeriert auflistet.
Im 3. Akt wird das Gerichtsverfahren dargestellt, die Verteidigungsrede Scipios ist der Wendepunkt des Stückes. Scipio hat eine Schriftrolle mitgebracht, in der über Einnahmen und Ausgaben Buch geführt wurde. Interessanterweise zerreißt er diese aber “in 100 Stücke” und (sicher ist sicher) verbrennt sie anschließend, da er sich zu seiner Verteidigung nicht darauf stützen will. Das beeindruckt alle (warum eigentlich?) und Scipio wird freigesprochen.
Im 4. Akt bereuen die Bürger Roms dann ihre schlechten Meinungen über Scipio und rufen fröhlich “Heil Scipio!”
Nunja. Die Sprache ist hier und da zwar noch etwas unfreiwillig komisch (“Ach Herr, verzeiht, das Wort entfloh dem Munde.”), dramaturgisch lässt das Ganze natürlich zu wünschen übrig, aber für einen 12jährigen dennoch unfassbar gut. Wäre interessant zu erfahren, in welchem Zusammenhang dieses Stück entstand und warum Carnap sich gerade dieses Thema, die Ehrlichkeit und die auf seinem reinem Gewissen beruhende Furchtlosigkeit Scipios, vorgeknöpft hat.
(Hinweis via Obscure and Confused Ideas.)

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