Gesetze der Literaturwissenschaft #10

Dass es sich bei einem Vortrag über ein Phänomen X um einen germanistischen oder kulturwissenschaftlichen Vortrag handelt, erkennt man daran, dass X mit Begriffen oder Theoremen von Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger, Benjamin, Adorno, Levinas, Derrida und Agamben umschrieben wird, wobei keiner dieser Begriffe und keines dieser Theoreme auch nur in einem Satz erläutert wird. Das ganze findet auf einer germanistischen oder kulturwissenschaftlichen Fachtagung statt genau dann, wenn in der anschließenden Diskussionsrunde niemand nachfragt, was diese Begriffe oder Theoreme eigentlich besagen, inwiefern sie miteinander vereinbar sind oder was genau sie mit X zu tun haben.

Gesetze der Literaturwissenschaft #9

Ein sicheres Zeichen für einen schlechten Philosophen ist, dass er fast ausschließlich von Germanisten rezipiert wird.

Gesetze der Literaturwissenschaft #8

Literaturwissenschaftler verwenden den Begriff “epistemologisch” immer falsch.

Gesetze der Literaturwissenschaft #7

“I began with the desire to speak with the dead.” – Wenn ein literaturwissenschaftliches Buch schon so anfängt, gleich wieder zuklappen.

Gesetze der Literaturwissenschaft #6

Ein literaturwissenschaftlicher Vortrag entsteht so, dass man als Vortragender eine Hand voll eigener älterer Aufsätze beliebigen Themas wahllos zerschneidet und dann in zufälliger Reihenfolge die Schnipsel wieder zusammenklebt. Noch ein bombastischer Titel drüber (oder wenigstens der Titelklassiker: “[vollkommen nichtssagendes Zitat eines großen Schriftstellers] + [ein paar feierlich klingende Worte als Kommentar]“), fertig ist der Vortrag.

Gesetze der Literaturwissenschaft #5

Ältere Literaturwissenschaftler kann man schon mal dabei ertappen, dass sie ihre Kollegen mit “Spectabilis” anreden.

Gesetze der Literaturwissenschaft #4

Studenten, die am Montagmorgen ausgeruht und fitt im Seminar erscheinen, sind schlechte Menschen.

(Gestern von einem Literaturwissenschaftsdozenten erfahren. Als kühler Chronist unserer Zeit gebe ich das hier nahezu kommentarlos wieder.)

Gesetze der Literaturwissenschaft #3

Pro Jahr gibt es mindestens zwei Paradigmenwechsel. Ein Paradigmenwechsel vollzieht sich dergestalt, dass ihn eine völlig bedeutungslose Gruppe von Literaturwissenschaftlern einfach ausruft. (Das hat, nebenbei gesagt, zur Folge, dass die große Mehrheit der Literaturwissenschaftler oft gar nicht oder zu spät mitbekommt, dass das Paradigma schon wieder wechselte.) Um den Wechsel voranzutreiben, macht man eine Konferenz und bringt einen Tagungsband heraus. Ein Paradigmenwechsel ist vollzogen, wenn Suhrkamp einen Reader mit schlechter Theorie auf den Markt schmeißt, der ein paar Jahre später als Mängelexemplar auf den Grabbeltischen vor den Unis verscherbelt wird.

Gesetze der Literaturwissenschaft #2

Bei Konferenzen sind spätestens nach der ersten Pause die Ecken des Tagungsraums durch Konferenzteilnehmer mit Laptops besetzt.

Gesetze der Literaturwissenschaft #1

In Anlehnung an die Laws-of-the-Academy-Serie bei Philosophers Anonymous rufe ich kraft dieses performativen Sprechakts die Gesetze-der-Literaturwissenschaft-Serie ins Leben. Wir starten nicht überraschend mit Nr.1:

Gesetze der Literaturwissenschaft #1

Wenn ein Literaturwissenschaftler sagt, ein Forschungsprojekt sei “extrem spannend”, ist das Forschungsprojekt so gut wie immer extrem langweilig.

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