Ist Peter Singer Papst Johannes Paul II?

Im PracticalEthics-Blog wird Peter Singer von Charlie Camosy eine überraschende Nähe zu christlichen Positionen attestiert, etwa im Hinblick auf die moralischen Aspekte von Schwangerschaftsabbrüchen, im Hinblick auf die Ablehnung eines Speziesismus oder im Hinblick auf die moralische Verpflichtung gegenüber den Armen:

Klingt von Anfang an nicht überzeugend: Dass unterschiedliche ethische Konzeptionen dann doch in vielen Punkten übereinstimmen, ist nicht sonderlich überraschend – aber in vielen ihrer ganz knallharten praktischen Konsequenzen sind Singers Utilitarismus und die christliche Morallehre einfach fundamental verschieden – siehe etwa deren Positionen zu Euthanasie-Fragen. Aber man kann’s ja trotzdem mal versuchen. Zudem wirken die Parallelen etwas zu bemüht herbeikonstruiert.

Interview mit Peter Singer

Ein spaßiges Interview mit Peter Singer, in dem es u.a. um seine Ansichten zu Abtreibung, Euthanasie, Tierrechten, dem Verhältnis von Religion und Moral und die Frage nach universalen ethischen Prinzipien geht:

Der offensichtlich gläubige Interviewer scheint ziemlich empört zu sein, dass Singer weder an Gott glaubt noch akzeptiert, dass es, selbst wenn es einen Gott gäbe, irgendwelche Konsequenzen für die Moral hätte.

Gesucht: Moderne Klassiker der Moralphilosophie

Ich möchte für einen kleinen Lesekreis eine Lektüreliste zusammenstellen, und zwar wollen wir wichtige Texte der Moralphilosophie lesen, etwa aus dem Zeitraum von ca. 1950 bis heute. Dabei wäre es ideal, wenn es sich um Aufsätze oder einzeln lesbare Kapitel aus Büchern handelt, so dass pro Treffen ein Text gut diskutiert werden kann.

Die Texte sollten möglichst einschlägig sein, also Texte, “die jeder mal gelesen haben muss”, der sich mit Moralphilosophie beschäftigt. Es wäre auch gut, wenn verschiedene Ethiktypen abgedeckt werden könnten. Um mal ein paar Namen von Autoren zu nennen, die in Frage kommen: Richard M. Hare, Philippa Foot, Bernard Williams, Judith Jarvis Thomson, John L. Mackie, Thomas Scanlon, Peter Singer, Gilbert Harman usw. Um mal ein Beispiel zu geben, Judith Jarvis Thomsons Aufsatz über Schwangerschaftsbrüche von 1971 wäre so ein Kandidat.

Fallen irgendjemandem vielleicht Texte ein (idealerweise in deutscher Übersetzung – muss aber nicht sein), die hier passen könnten? Oder gibt es vielleicht sogar einen empfehlenswerten Reader auf dem Markt?

Das “Nazi-Argument” in den Debatten um PID, Embryonenforschung und Abtreibung

Beim Lesen dieses Blogeintrags fühlte ich mich wieder an altbekannten Unsinn erinnert, daher mal ein paar allgemeinere Gedanken dazu. In den Debatten um PID, Embryonenforschung und Abtreibung liest man – im Netz jedenfalls – häufig die These, die Befürworter würden wie die Nazis zwischen wertem und unwerten Leben unterscheiden. Ich nenne dieses Argument hier das “Nazi-Argument”. Dieses Argument ist falsch, aus sehr vielen Gründen, u.a. weil es hier keine irrationale rassentheoretische Basis gibt, von der aus man argumentieren würde: Die öffentlichen Debatten darüber sind frei von rassentheoretischem Unsinn. Ich möchte hier allerdings einen anderen Aspekt hervorheben. Beim Nazi-Argument werden meiner Meinung nach stets zwei Fragen durcheinandergeworfen:

(1) Handelt es sich bei einem x um einen Menschen?

(2) Darf man Menschen unter bestimmten Umständen das Leben nehmen?

Die in den genannten Debatten strittige Frage ist (1), das Nazi-Argument dagegen fällt – wenn überhaupt – in den Bereich der Frage (2). Dass beide Fragen voneinander unabhängig sind, sieht man daran, dass eine Antwort auf Frage (1) noch völlig offen lässt, wie Frage (2) zu beantworten ist, und andersrum genauso.

Anders als bei der Sterbehilfe-Debatte ist bei Embryonen (oder allgemeiner: bei Zellformationen, aus denen sich potentiell ein Mensch entwickeln könnte) noch gar nicht entschieden, ob wir überhaupt über einen Menschen im moralischen Sinne reden, d.h. über jemanden, der über bestimmte Rechte, Menschenwürde, moralischen Status, Personenstatus usw. verfügt. Darüber wird ja eben gerade erst debattiert. Und das heißt auf der anderen Seite: Es wird nicht darüber entschieden, ob das Leben eines Menschen Wert besitzt oder nicht, vielmehr scheinen alle an der Debatte Beteiligen sich da relativ einig zu sein: Wenn etwas ein Mensch ist, dann besitzt er ein Recht auf Leben und Menschenwürde. (Womit ich überhaupt nichts über den Fall der Sterbehilfe sagen will. M.E. ist es mit der Menschenwürde vereinbar, in bestimmten Situationen und unter sorgfältig geklärten Bedingungen einen Menschen von unerträglichem Leid zu befreien.)

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