Was heißt es zu schließen? Oder: Sind Deduktion und Induktion verschiedene Schlussweisen?

Gerade habe ich einen ganz frischen Artikel von Paul Boghossian gelesen: What is inference? Der Titel sagt schon, worum es geht. Boghossian fragt danach, was es heißt, zu schließen (zu schlussfolgern, einen logischen Schluss zu ziehen). Der Artikel ist – wie immer bei Boghossian – brilliant geschrieben, sehr schlau, sehr gut aufgebaut, sehr um Einfachheit und Klarheit bemüht, obwohl die verhandelten Themen doch recht schwierig sind.

Ich will den Artikel hier nicht en detail rekonstruieren. Das kann ich auch gar nicht, da ich ihn nur der angenehmen Unterhaltung halber gelesen habe. Ich werde nur ein Detail wiedergeben, das ich interessant fand: Boghossian zeigt sich skeptisch gegenüber der Idee, dass es mehrere voneinander verschiedene Schlussweisen gebe. Normalerweise werden mindestens zwei davon unterschieden: das deduktive Schließen sowie das induktive Schließen. (Beispiele und Erläuterungen bei der Wikipedia.) Boghossians Schluss-Begriff (inference-Begriff) sieht dagegen wie folgt aus:

(Inferring) S’s inferring from p to q is for S to judge q because S takes the (presumed) truth of p to provide support for q.

Der Aufsatz dreht sich dann hauptsächlich um die Frage, was genau es heißen kann, dass ein Sprecher die Prämissen seiner Argument für fähig hält, seine Schlussfolgerung (die Konklusion) zu stützen. Boghossian bezeichnet das als “Taking condition”:

(Taking Condition): Inferring necessarily involves the thinker taking his premises to support his conclusion and drawing his conclusion because of that fact.

Wie auch immer man die “Taking Condition” zu verstehen hat, sei hier egal. Schließen scheint für Boghossian aber immer ein und dieselbe Tätigkeit zu sein: Der Übergang von einzelnen Sätzen (Propositionen, Überzeugungen) zu anderen Sätzen (Propositionen, Überzeugungen). Dabei muss derjenige, der schließt, die Prämissen für wahr halten und diese für ausreichend halten, die Wahrheit der Konklusion zu sichern. Akzeptiert man Boghossians Begriff von „Schließen“, scheint man bei der Konsequenz zu landen, dass es nicht zwei verschiedene Schlussweisen gibt, sondern im Falle von Deduktion und Induktion lediglich unterschiedliche Standards für die jeweiligen logischen Schlüsse angelegt werden:

It is tempting to think that there are two kinds of inference—deductive and inductive. But in what could the difference between these two kinds of inference consist?
Of course, in some inferences the premises logically entail the conclusion and in others they merely make the conclusion more probable than it might otherwise be. That means that there are two sets of standards that we can apply to any given inference. But that only gives us two standards that we can apply to an inference, not two different kinds of inference.

Würde man ähnliches wie bei der Deduktion und Induktion wohl auch von der Abduktion sagen? Manchmal werden abduktive Schlüsse ja auch als eigenständige Schlussweisen behandelt – obwohl sehr unklar ist, weshalb genau hier eigentlich geschlussfolgert wird. Aber wie auch immer: Mit Boghossian könnte man wohl sagen, bei der Abduktion werden einfach andere, „lockerere“ Standards für einen Schluss zugrunde gelegt. Auch die Abduktion wäre ein Schluss, aber der Übergang von einzelnen Sätzen ist sozusagen nicht so „streng geregelt“ wie bei Deduktionen oder Induktionen.

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Unsympathisch ist es mir nicht.

Paul Boghossian spricht über seine Arbeitsfelder und anstehende Buchprojekte

Anti-Postmoderne-Tagung in Bonn mit Searle, Putnam, Boghossian

Vom 26. bis 28. März findet in Bonn eine Tagung zum Thema “New Realism” statt, die hochkarätiger kaum besetzt sein könnte. Es sprechen u.a. John Searle, Hilary Putnam (per Videokonferenz) und Paul Boghossian. In der Ankündigung heißt es:

Gegen eine solche Auffassung der „Postmoderne“ und insbesondere gegen die Verabschiedung von Tatsachen, Wahrheit und Objektivität auf der Basis einer vermeintlichen Einsicht in die soziale Konstruktion der Wirklichkeit sind inzwischen viele gewichtige Stimmen laut geworden. Wir fassen diese Stimmen unter dem Namen des ‚Neuen Realismus‘ zusammen, den wir mit der Tagung aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen – der Philosophie, der Soziologie, der Literatur- und Bildwissenschaft, der Naturwissenschaft – angehen und international sichtbar weiter vorantreiben möchten. [...] Es soll darum gehen, die Aussichten für einen neuen Realismus im Hinblick auf die Frage zu untersuchen, inwiefern dieser überzeugendere Modelle für die postmoderne Diagnose einer Pluralität von Wahrheiten, Sprachspielen oder Perspektiven anzubieten hat.

Quelle: http://new-realism.de/

Weitere Infos findet man unter angegebener Quelle. Ich habe keine Zeit, ansonsten würde ich sofort hinfahren und auch jedem Philosophieinteressierten empfehlen, sich diese philosophischen Schwergewichte mal aus der Nähe anzuschauen. Den Veranstaltern viel Erfolg und hoffentlich gibt’s dann recht bald einen Tagungsband!

Juhuu! – Paul Boghossian spricht bei “Philosophy Bites” über moralischen Relativismus

Gib’s den elenden Relativisten, Paul! In den Staub mit ihnen!

In aller Bescheidenheit verweise ich auch auf meinen Blogeintrag hier.

 

Hat die Philosophie irgendeine Relevanz für’s Leben?

Meine Güte, Stanley Fish ist nun wirklich so blöde. Aber eins muss man ihm lassen, er weiß seit gut 50 Jahren, wie man öffentliche Reaktionen provoziert. Gerade diskutiert ein Teil der philosophischen Bloggerwelt seine These, dass die Philosophie schlicht keinen Einfluss auf das alltägliche Leben außerhalb der philosophischen Institute hätte. Und heute hat er nachgelegt:

Für mich steht völlig außer Frage, dass philosophische Gedanken auch das Alltagsleben beeinflussen, wenn auch nicht unbedingt in messbarer Weise und erst recht nicht so, dass man sagen könnte “Joschka Fischer hat Handlung H vollzogen, weil er im Flugzeug Kant gelesen hat”. Nun gut.

PS 1: Paul Boghossian (siehe meinen blog-Eintrag neulich) hat auf Fish geantwortet: hier. Wie Boghossian den Fish zerlegt, ist köstlich.

PS 2: Links zur Fish-Debatte für die Interessierten:

Boghossian in der NYT über moralischen Relativismus

Paul Boghossian in der New York Times über moralischen Relativismus:

Für diejenigen, die seine Arbeiten zum Thema Relativismus schon kennen, steht nicht viel Neues drin – es ist eine essayistische Kurzfassung seines Aufsatzes Three Kinds of Relativism, der dieses Jahr im Blackwell Companion to Relativism, herausgegeben von Steven D. Hales, erschien. Dennoch ist der Artikel – wie alles von ihm – empfehlenswert, da er seine Position kurz, präzise und unterhaltsam zusammenfasst. Er zeigt darin, welche Probleme man sich einhandelt, wenn man die Rede von absoluten Moraltatsachen aufgibt, und statt dessen einen moralischen Relativismus (“Handlung H ist richtig oder falsch nur relativ zu Moralcode M, nicht aber absolut richtig oder falsch.”) oder sogar einen Nihilismus/Eliminativismus (“Sowas wie ‘richtig’ und ‘falsch’ gibt es überhaupt nicht.”) befürwortet.

Weitere Publikationen von Boghossian, z.T. online verfügbar, findet man auf seiner Homepage. Weiterführend zum Thema sind insbesondere die Aufsätze Three Kinds of Relativism (2011) und What is Relativism? (2006), sowie grundsätzlich sein schmales Büchlein Fear of Knowledge (2006), das für mich das beste philosophische Buch ist, das ich seit langem gelesen habe.

Paul Boghossian über den Völkermord an den Armeniern

Ein Interview mit dem nicht gerade überoriginellen Titel Fear of Terminology, das Khatchig Mouradian im Jahr 2007 mit Paul Boghossian führte:

Es ist erschreckend, welche bescheuerten Argumente dagegen vorgebracht wurden, dass der Genozid an den Armeniern 1915 tatsächlich ein Genozid war. Etwa die These, es könne 1915 keinen Genozid gegeben haben, weil das Wort erst um 1940 herum eingeführt und etabliert wurde. Boghossian antwortet darauf in gewohnter Klarheit und wischt das vom Tisch, aber ist schon grotesk, dass man sich überhaupt mit solchem Unsinn konfrontiert sehen muss.

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