Was heißt es zu schließen? Oder: Sind Deduktion und Induktion verschiedene Schlussweisen?
17. Mai 2012 4 Kommentare
Gerade habe ich einen ganz frischen Artikel von Paul Boghossian gelesen: What is inference? Der Titel sagt schon, worum es geht. Boghossian fragt danach, was es heißt, zu schließen (zu schlussfolgern, einen logischen Schluss zu ziehen). Der Artikel ist – wie immer bei Boghossian – brilliant geschrieben, sehr schlau, sehr gut aufgebaut, sehr um Einfachheit und Klarheit bemüht, obwohl die verhandelten Themen doch recht schwierig sind.
Ich will den Artikel hier nicht en detail rekonstruieren. Das kann ich auch gar nicht, da ich ihn nur der angenehmen Unterhaltung halber gelesen habe. Ich werde nur ein Detail wiedergeben, das ich interessant fand: Boghossian zeigt sich skeptisch gegenüber der Idee, dass es mehrere voneinander verschiedene Schlussweisen gebe. Normalerweise werden mindestens zwei davon unterschieden: das deduktive Schließen sowie das induktive Schließen. (Beispiele und Erläuterungen bei der Wikipedia.) Boghossians Schluss-Begriff (inference-Begriff) sieht dagegen wie folgt aus:
(Inferring) S’s inferring from p to q is for S to judge q because S takes the (presumed) truth of p to provide support for q.
Der Aufsatz dreht sich dann hauptsächlich um die Frage, was genau es heißen kann, dass ein Sprecher die Prämissen seiner Argument für fähig hält, seine Schlussfolgerung (die Konklusion) zu stützen. Boghossian bezeichnet das als “Taking condition”:
(Taking Condition): Inferring necessarily involves the thinker taking his premises to support his conclusion and drawing his conclusion because of that fact.
Wie auch immer man die “Taking Condition” zu verstehen hat, sei hier egal. Schließen scheint für Boghossian aber immer ein und dieselbe Tätigkeit zu sein: Der Übergang von einzelnen Sätzen (Propositionen, Überzeugungen) zu anderen Sätzen (Propositionen, Überzeugungen). Dabei muss derjenige, der schließt, die Prämissen für wahr halten und diese für ausreichend halten, die Wahrheit der Konklusion zu sichern. Akzeptiert man Boghossians Begriff von „Schließen“, scheint man bei der Konsequenz zu landen, dass es nicht zwei verschiedene Schlussweisen gibt, sondern im Falle von Deduktion und Induktion lediglich unterschiedliche Standards für die jeweiligen logischen Schlüsse angelegt werden:
It is tempting to think that there are two kinds of inference—deductive and inductive. But in what could the difference between these two kinds of inference consist?
Of course, in some inferences the premises logically entail the conclusion and in others they merely make the conclusion more probable than it might otherwise be. That means that there are two sets of standards that we can apply to any given inference. But that only gives us two standards that we can apply to an inference, not two different kinds of inference.
Würde man ähnliches wie bei der Deduktion und Induktion wohl auch von der Abduktion sagen? Manchmal werden abduktive Schlüsse ja auch als eigenständige Schlussweisen behandelt – obwohl sehr unklar ist, weshalb genau hier eigentlich geschlussfolgert wird. Aber wie auch immer: Mit Boghossian könnte man wohl sagen, bei der Abduktion werden einfach andere, „lockerere“ Standards für einen Schluss zugrunde gelegt. Auch die Abduktion wäre ein Schluss, aber der Übergang von einzelnen Sätzen ist sozusagen nicht so „streng geregelt“ wie bei Deduktionen oder Induktionen.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Unsympathisch ist es mir nicht.


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