Siegerehrung zum schlechtesten Philosophiebuch aller Zeiten

104 Stimmen wurden abgegeben, damit steht das Ergebnis fest: Das schlechteste Philosophiebuch aller Zeiten, zumindest aber bis zur nächsten Umfrage dieser Art, ist Prechts Wer bin ich und wenn ja, wie viele! Auf Platz 2 Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft, wobei Sloti das Handicap hatte, dass sein zweiter Meilenstein, Sphären, ebenfalls zur Wahl stand und mit Platz 6 seinerseits viele Stimmen für sich gewinnen konnte. Der heimliche Gewinner ist also definitiv Sloterdijk mit zwei Büchern in den Top 10! Der einzige, der hier mithalten kann, ist Derrida mit Platz 4 für die Grammatologie und Platz 8 für Glas - ein hochverdienter Achtungserfolg. Sein und Zeit schafft es mit Platz 3 aufs Podest. Hegel schnitt mit der Phänomenologie des Geistes erwartet souverän ab und landet auf Platz 5.

Danke an alle, die mitgemacht haben! Ich  gehe davon aus, dass das Ergebnis unter idealen epistemischen Bedingungen zustande kam und alle Teilnehmer sich bei der Wahl nur vom zwanglosen Zwang des besseren (bzw. schlechteren) Arguments leiten ließen. Hier das vollständige Ergebnis nach dem Condorcet-Berechnungsverfahren (Condorcet-IRV – alternative Verfahren führten zum selben Ergebnis):

1. Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in)  (Condorcet-Sieger: schlägt jeden anderen Kandidaten)
2. Die Kritik der zynischen Vernunft (Sloterdijk)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 32–21
3. Sein und Zeit (Heidegger) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 34–23, verliert gegen Die Kritik der zynischen Vernunft (Sloterdijk) um 24–22
4. Grammatologie (Derrida)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 34–21, verliert gegen Sein und Zeit (Heidegger) (write-in) um 19–18
5. Phänomenologie des Geistes (Hegel)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–22, verliert gegen Grammatologie (Derrida) um 22–17
6. Sphären (Sloterdijk) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 30–22, verliert gegen Phänomenologie des Geistes (Hegel) um 24–20
7. Der Untergang des Abendlandes (Spengler) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 38–16, verliert gegen Sphären (Sloterdijk) (write-in) um 29–16
8. Glas (Derrida) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 36–20, verliert gegen Der Untergang des Abendlandes (Spengler) (write-in) um 22–19
9. Der Ego-Tunnel (Metzinger) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 33–22, verliert gegen Der Untergang des Abendlandes (Spengler) (write-in) um 26–19
10. Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–20, verliert gegen Der Ego-Tunnel (Metzinger) (write-in) um 23–22
11. Anti-Ödipus (Deleuze/Guattari) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 32–21, verliert gegen Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas) um 19–18
12. Materialismus und Empiriokritizismus (Lenin) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 37–19, verliert gegen Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas) um 24–22
13. Wissenschaft der Logik (Hegel) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–19, verliert gegen Materialismus und Empiriokritizismus (Lenin) (write-in) um 24–18
14. Bekenntnisse (Augustinus) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 33–22, verliert gegen Wissenschaft der Logik (Hegel) (write-in) um 22–19
15. Die ungeliebte Freiheit (Bolz) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 34–19, verliert gegen Wissenschaft der Logik (Hegel) (write-in) um 19–17
16. Der letzte Gottesbeweis (Robert Spaemann) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 31–21, verliert gegen Die ungeliebte Freiheit (Bolz) (write-in) um 18–17
17. Tausend Plateaus (Deleuze/Guattari) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 36–17, verliert gegen Der letzte Gottesbeweis (Robert Spaemann) (write-in) um 20–18
18. On Deconstruction / Dekonstruktion (Culler)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–19, verliert gegen Tausend Plateaus (Deleuze/Guattari) (write-in) um 15–14
19. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (Ludwik Fleck) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 39–17, verliert gegen On Deconstruction / Dekonstruktion (Culler) um 20–18
20. Geschlecht und Charakter (Weininger) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 40–11, verliert gegen Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (Ludwik Fleck) (write-in) um 20–19
21. Negative Dialektik (Adorno) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 36–20, verliert gegen Geschlecht und Charakter (Weininger) (write-in) um 21–18
22. Das Sein und das Nichts (Sartre) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 42–14, verliert gegen Negative Dialektik (Adorno) (write-in) um 22–16
23. Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–17, verliert gegen Das Sein und das Nichts (Sartre) (write-in) um 20–17
24. Logische Untersuchungen (Edmund Husserl) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 39–14, verliert gegen Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) (write-in) um 20–13
25. Logik der Forschung (Popper) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–14, verliert gegen Logische Untersuchungen (Edmund Husserl) (write-in) um 20–18
26. Unentschieden:
Wahrheit und Methode (Gadamer)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–13, verliert gegen Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) (write-in) um 18–15
Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit (Lorenz) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 39–15, verliert gegen Logik der Forschung (Popper) (write-in) um 19–18
28. Tübinger Einleitung in die Philosophie (Ernst Bloch) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 38–15, verliert gegen Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit (Lorenz) (write-in) um 22–14
29. Tractatus absolutus (Dornseiff) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–11, verliert gegen Tübinger Einleitung in die Philosophie (Ernst Bloch) (write-in) um 16–14
30. Historische Gerechtigkeit (Lukas H. Meyer) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 40–14, verliert gegen Tractatus absolutus (Dornseiff) (write-in) um 17–14
31. Masse und Macht (Canetti) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 42–12, verliert gegen Historische Gerechtigkeit (Lukas H. Meyer) (write-in) um 18–14
32. Staat (PLaton) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 40–14, verliert gegen Masse und Macht (Canetti) (write-in) um 20–13
33. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Popper) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–9, verliert gegen Staat (PLaton) (write-in) um 19–14
34. Denker des Abendlandes (Bertrand Russell) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 44–8, verliert gegen Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Popper) (write-in) um 16–14
35. Philosophy Without Intuitions (Capellen, H.) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–16, verliert gegen Denker des Abendlandes (Bertrand Russell) (write-in) um 17–16
36. Geist, Sprache und Gesellschaft (Searle) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 43–10, verliert gegen Philosophy Without Intuitions (Capellen, H.) (write-in) um 18–17
37. Der Blick von Nirgendwo (Thomas Nagel) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 43–7, verliert gegen Geist, Sprache und Gesellschaft (Searle) (write-in) um 15–13
38. Der Begriff des Geistes (Ryle) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 44–10, verliert gegen Der Blick von Nirgendwo (Thomas Nagel) (write-in) um 14–12
39. Kritik der Reinen Vernunft (Kant) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 44–6, verliert gegen Der Begriff des Geistes (Ryle) (write-in) um 13–11
40. Unentschieden:
Tractatus logico-philosophicus (Wittgenstein)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 46–8, verliert gegen Kritik der Reinen Vernunft (Kant) (write-in) um 16–11
Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 42–8, verliert gegen Kritik der Reinen Vernunft (Kant) (write-in) um 13–12
42. Mind and World (McDowell) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 45–9, verliert gegen Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer) (write-in) um 14–12

Derrida im Bundestag

Norbert Lammert gratuliert zu 80 Jahren aufgeschobener Präsenz:

Rezension zu neuer Derrida-Biographie

Treue Fans dieses Blogs (tun wir mal so, als gäbe es sie) wissen ja, wie sehr ich Derrida liebe: nämlich überhaupt nicht. Jetzt ist grad eine neue dicke Biographie von Benoît Peeters erschienen. Vermutlich Zeitverschwendung, die komplett zu lesen. Allerdings ist im London Review of Books eine gut informierte und informative Rezension von Adam Shatz erschienen, die ich mit Gewinn gelesen habe:

Wege aus der Arbeitslosigkeit für Philosophen

Hegel

Arbeitslose Philosophen bevölkern Deutschland und sorgen für Terror und Schrecken auf deutschen Straßen. Was im Bachelorstudium als harmloser philosophischer Lesekreis begann, hat sich heute oft zu exklusiven Parallelgesellschaften mit befremdlichen Bräuchen und für den Außenstehenden gänzlich unverständlichen Ritualen ausgewachsen. Ausgewachsene Philosophen, die nach dem Studium in die Arbeitslosigkeit abdriften, schließen sich immer öfter zu Rudeln zusammen, bilden städtische Ghettos aus, ganze Viertel werden mittlerweile von ihnen kontrolliert (es gibt Gegenden in Heidelberg und Tübingen, die kein Nicht-Philosoph je betreten sollte). Merkel hat lange weggeschaut und tut es noch immer, auch Frank Schirrmacher hat noch kein Buch darüber geschrieben und in der FAZ die obligatorische “Passend-zu-meinem-Buch-Debatte” vom Zaun gebrochen. Was sollen wir tun, wenn Politik und Öffentlichkeit dermaßen versagen? Die Antwort ist nicht überraschend: Handpuppen basteln.

In New York zeigen arbeitslose Philosophen, wie man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und verbessern kann. In der Unemployed Philosophers Guild haben sich Philosophen friedlich zusammengefunden, um aus ihrer scheinbar nutzlosen philosophischen Bildung Kapital zu schlagen und den Alltag der Geistesmenschen mit bedenkenswerten Produkten zu verschönern. Z.B. verkaufen sie diese schönen Erderwärmungs-Tassen:

Ihre besondere Spezialität liegt allerdings in der Fertigung von Handpuppen mit Charakteren aus der Geistes- und Geistlosigkeitsgeschichte seit Platon. Schöne Objekte sind beispielsweise Derrida, Kant, Hegel (siehe oben) und – mittlerweile etwas veraltet – die Achse des Bösen. Oder wie wäre es mit diesem T-Shirt mit John Locke Picard? Oder der leckere Nietzsche-Riegel namens Will to Power? Die Reklame verspricht:

When your Wille zur Macht is a-flagging or you’re just a little tired of transvaluating all values, try these! Nietzsche’s Will To Power Bar transcends good and evil, it establishes new ideas, and escapes the constraints of Judeo-Christianity.

Oder für den Freund Albert Camus’ hier eine edle Sisyphos-Uhr. Oder die schönen Jesus-Produkte wie das What-would-Jesus-wear?-Dress-up-set und die Jesus-Rasur-Tasse.

Kurz, da ist für jeden was dabei. Wir lernen daraus: Arbeitslosigkeit unter Philosophen muss nicht sein, wenn man nur eine clevere Idee und schweineviel Glück hat, dass man sich bei sowas nicht maßlos verschuldet und immer genügend Kunden hat. Ansonsten empfiehlt der blinde Hund: Lieber was Anständiges studieren.

Philosophus dixit #5

I said that deconstruction had found little appeal among professional philosophers. But there are some notable exceptions, much prized by deconstructionists. They tend to be ambiguous allies. One of these characterized Derrida as “the sort of philosopher who gives bullshit a bad name.” We cannot, of course, exclude the possibility that this may be an expression of praise in the deconstructionist vocabulary.

[John Searle: The Word Turned Upside Down [A Review of Jonathan Culler's On Deconstruction], in: New York Review of Books, Volume 30, Number 16 (October 27, 1983).]

Weiß zufällig jemand, wer dieser Philosoph war? Man findet im Netz leider ganz unterschiedliche Angaben.

Die kürzesten philosophischen Bücher aller Zeiten

Wohl schon etwas älter, aber ich kannte es noch nicht: Eine Liste der kürzesten philosophischen Bücher, die leider nie geschrieben wurden:

Meine Favoriten:

The Complete History of Philosophy by Anaximander

What I Learned from Heidegger by Rudolf Carnap

Principles of Aesthetics by A. J. Ayer
Complete text: “ooooh, aaaaah”

What I Really Meant by Jacques Derrida

Don’t Be an Ass by Jean Buridan

Dürftiges Denken in der Zeit

Maximilian Probst zeigt in der Zeit, dass Heldenverehrung und Schwafeln oft Hand in Hand gehen:

Der Artikel berichtet anlässlich einer derzeitigen Derrida-Konferenz von einem Besuch des Autors beim Derridaschüler Jean-Luc Nancy. Schon zu Beginn wird “der Philosoph” als Weisheitsorakel eingeführt, das man konsultiert, um sich in finsterer Zeit Licht und Orientierung abzuholen:

Wer einen Philosophen besucht, sucht Rat.

Nachdem dann – sicher zurecht – festgestellt wird, dass Nancy auch keine Ahnung hat und daher kaum Rat erteilen kann, redet man lieber ein bisschen über Derrida:

Gibt es womöglich einen blutroten Faden, der das Gewebe des westlichen Denkens in all seinen Epochen zusammenhält?

Ja, sagt Derrida, nämlich ein Denken, das sich über die Differenz am Grund aller Dinge hinwegsetze; das zu sich selbst zurückkehre, und sich seinen Gegenstand gewaltsam einverleibe, ein Denken, das der binären Logik verhaftet sei, die wie ein Fallbeil mitten durchs Leben fährt: den Kopf vom Körper trennt, das Gute vom Bösen, das Richtige vom Falschen, das Notwendige vom Zufälligen, das Wichtige vom Unnützen, den Menschen vom Tier und das Männliche vom Weiblichen.

Wir erfahren also, dass “am Grund aller Dinge” (?) “die Differenz” (?) herumliegt und dass die binäre Logik das Tier vom Menschen trennt und sogar das Männliche vom Weiblichen. Die Logik! – Dann stellt der Autor, in welchem im Laufe des Gesprächs wohl selbst der Mut zum Philosophieren reifte, folgende brennende Frage:

Dekonstruiert sich nicht heute die Zeit schon selbst?

Darauf möchte ich kurz antworten: Nein, tut sie nicht. Man mag es kaum glauben, aber die Zeit ist kein Akteur, der irgendetwas tun kann, auch nicht “dekonstruieren”. Aber wie auch immer, es wird dann noch kurz mit Nancy festgestellt, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht, und nach paar weiteren paradoxen Bonmots des Großmeisters resümiert der Autor seine Erfahrungen bei selbigen mit seligem Pathos:

Verwirrend, stärkend und erfüllend.

Mal wieder ein schöner Beleg dafür, dass zu viel Dekonstruktion das klare Denken und Schreiben nachhaltig beeinträchtigt.

Ausschreibung: Schwafelhannes-of-the-Year-Award 2012 (inkl. Preisverleihung Schwafelhannes-of-the-Year-Award 2011)

Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr den Schwafelhannes-of-the-Year-Award zu verleihen. Damit werden vorbildliche Schwafeleien gewürdigt. Die Jury bin ich, außer mir fällt bis Ende des Jahres noch ein, wie man unkompliziert über die Preisvergabe abstimmen kann.

Hinweise auf Schwafelexzesse sind erbeten! Wenn jemandem irgendwo eine große Schwafelei aufällt, d.h. wenn irgendwo mit wichtig klingenden großen Worten völliger Unsinn oder Trivialitäten in die Welt posaunt werden, dann bin ich für Hinweise dankbar und poste den jeweiligen Fall ggf. in meinem Blog. Alle Schwafelhannes-of-the-Year-Anwärter werden mit dem tag “Schwafelhannes” versehen, so dass sie über die tag-clound (rechts unten im Blog) oder die Suchfunktion gefunden werden können.

Für’s letzte Jahr sind leider nur wenige Schwafelhannes-of-the-Year-Anwärter zusammengekommen, aber ich habe das Blog ja auch erst Mitte 2011 angefangen. Dennoch hier die offizielle Bekanntgabe der Gewinner des Schwafelhannes-of-the-Year Awards 2011. Die ersten drei Plätze gehen an:

  1. Papst -  für seinen intelligent-design-Schwachsinn: http://derblindehund.wordpress.com/2011/09/30/noch-kurz-was-zur-papstrede-neulich/
  2. Peter Sloterdijk – für “Gesellschaft als selbst-stressierendes, permanent nach vorne stürzendes Sorgen-System“: http://derblindehund.wordpress.com/2011/07/05/sloterdijk-faselt-mal-wieder-vor-sich-hin/
  3. Die Tagung “Homo Portans. Tragen – die Faszination des Selbstverständlichen”: http://derblindehund.wordpress.com/2011/09/19/homo-portans-oder-ein-tragetuch-fur-die-spatmoderne/

Den Preis für sein Lebenswerk erhält posthum Derrida: http://derblindehund.wordpress.com/2011/06/12/derrida-ist-zurecht-tot/

Herzlichen Glückwunsch allen Gewinnern.

Bücherregale von Searle und Derrida

Der Fotograf Andrew Bush hat eine Installation namens Speech Acts geschaffen, in der man die beiden Buchregale von Jaques Derrida und John Searle bewundern kann. Wohlgemerkt diejenigen Buchregale, in denen die jeweils eigenen Arbeiten stehen:

Derrida vs. Searle

Zum Hintergrund: In den 70ern gab es eine erhitzte Debatte zwischen Derrida und John Searle. Searle hatte Derridas Signature, Event, Context in seiner ziemlich kurzen Rezension Reiterating the Differences. A Reply to Derrida in Grund und Boden kritisiert, Derrida hat darauf – wie es seine Art ist – irgendwas Unverständliches vor sich hin gebrabbelt und in seinem Buch Limited Inc. veröffentlicht – für das Searle übrigens untersagte, dass seine Kritik darin wieder abgedruckt wird, weil er nicht wollte, dass Derridas Unsinn dadurch auch noch aufgewertet wird. Searle hielt Derrida für einen Scharlatan, einen unredlichen Denker, der hauptsächlich unverständlichen Unsinn produziere. Während Searle als Philosoph gilt, dem es um Klarheit und Transparenz von Thesen und Argumentation geht und der verhältnismäßig verständliche philosophische Prosa schreibt, ist Derrida das ganze Gegenteil davon. Searle hat den Stil Derridas (bzw. der Dekonstruktion im allgemeinen) 1984 so charakterisiert:

[A]nyone who reads deconstructive texts with an open mind is likely to be struck by the same phenomena that initially surprised me: the low level of philosophical argumentation, the deliberate obscurantism of the prose, the wildly exaggerated claims, and the constant striving to give the appearance of profundity by making claims that seem paradoxical, but under analysis often turn out to be silly or trivial.

Zumindest tendentiell schlägt sich das vielleicht auch in den Bücherregalen nieder. Searles bis heute wohl bekanntestes Buch heißt übrigens Speech Acts (dt. Sprechakte). Insofern bezieht Andrew Bush mit dem Titel seiner Installation vielleicht bereits Stellung für Searle.

John Searle macht einen Witz über Behaviorismus

… und er lacht auch gleich selber darüber:

The best comment about behaviorism is the old joke about the two behaviorists after they just had sex. He says to her, “It was great for you, how was it for me?” (Laughter)

(Quelle: http://reason.com/archives/2000/02/01/reality-principles-an-intervie)

Nettes Interview, schon etwas älter, über Searles Denkweg, inklusive Derrida-bashing mit Hilfe von Foucault (!). Und am Ende eine interessante Bemerkung, bei der ich nicht weiß, ob man sie ernstnehmen kann. Searle berichtet vom Bildungshintergrund seiner Studenten und meint:

But I don’t teach many large freshman courses. When I did a few years ago I found I couldn’t teach at the level that I could when I started teaching here in 1959. And the reason was that I could not take for granted the cultural references. I couldn’t assume that everybody knew who Plato was. In 1959 the freshmen hadn’t read Plato, but they had heard of him. But by, say, 1975, you couldn’t assume that.

Ich kann kaum glauben, dass ein Studienanfänger in der Philosophie nicht mal den Namen Platon gehört hat.

Derrida ist zurecht tot

Dieter Mersch schreibt in der März-Ausgabe von Information Philosophie auf die Frage “Was bleibt von Derrida?”:

Derrida hat ein einzigartiges Werk geschaffen, insofern erübrigt sich die Frage, ob etwas bleiben wird oder nicht: Die Dekonstruktion Derridas gehört, neben Martin Heideggers Destruktion der abendländischen Metaphysik, Theodor W. Adornos „Rettung des Nichtidentischen“ oder Emmanuel Lévinas’ Philosophie der Alterität zu den großen philosophiekritischen Manövern des 20. Jahrhunderts, die die gesamte Struktur und Praktik des philosophischen Denkens nachhaltig verschoben haben. Unverlierbar sind auch die spezifische Lektürepraktiken, die später etwas unzureichend ‚close readings’ genannt wurden.

Dass Derrida in eine Reihe mit Heidegger, Adorno und Lévinas gehört, mag ja noch stimmen – alle drei haben klares Denken nach Kräften verhindert und den philosophischen Jargon auf Jahrzehnte versaut. Aber dass auf Derrida dann auch noch der Begriff des “close readings” gemünzt sein soll, dürfte schlichter Unsinn sein. Derrida war natürlich einsame Spitze in seiner höchstselbsterfundenen Lektürepraxis, sich aus beliebigen Texten ein paar Wörter herauszupicken und ein paar marginale Deutungsprobleme bei diesen Wörtern zu generellen Problemen im Umgang mit Texten aufzublasen. Aber “close reading” ist meines Wissens ein Begriff, der dem New Criticism zugeordnet wird, und er beschreibt normalerweise alles andere als eine Lesetechnik, die auf den Effekt aus ist, größtmöglichen Unsinn zu produzieren.

Wenn man mich fragt, was von Derrida bleibt: Ein Haufen Blödsinn labernder Literatur- und Kulturwissenschaftler; ein Jargon der Unklarheit und des Bedeutungshuberns; und letztlich viel vergeudete Lebenszeit bei denjenigen, die versucht haben, irgendwelche klaren Thesen bei diesem Schwafelhannes zu finden.

Gegen Mersch’sche Lobeshymnen sei der Offene Brief zitiert, mit dem sich die Philosophen der Universität Camebridge 1992 gegen die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Derrida aussprachen:

Many have been willing to give M. Derrida the benefit of the doubt, insisting that language of such depth and difficulty of interpretation must hide deep and subtle thoughts indeed.

When the effort is made to penetrate it, however, it becomes clear, to us at least, that, where coherent assertions are being made at all, these are either false or trivial.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 88 Followern an