Wege aus der Arbeitslosigkeit für Philosophen

Hegel

Arbeitslose Philosophen bevölkern Deutschland und sorgen für Terror und Schrecken auf deutschen Straßen. Was im Bachelorstudium als harmloser philosophischer Lesekreis begann, hat sich heute oft zu exklusiven Parallelgesellschaften mit befremdlichen Bräuchen und für den Außenstehenden gänzlich unverständlichen Ritualen ausgewachsen. Ausgewachsene Philosophen, die nach dem Studium in die Arbeitslosigkeit abdriften, schließen sich immer öfter zu Rudeln zusammen, bilden städtische Ghettos aus, ganze Viertel werden mittlerweile von ihnen kontrolliert (es gibt Gegenden in Heidelberg und Tübingen, die kein Nicht-Philosoph je betreten sollte). Merkel hat lange weggeschaut und tut es noch immer, auch Frank Schirrmacher hat noch kein Buch darüber geschrieben und in der FAZ die obligatorische “Passend-zu-meinem-Buch-Debatte” vom Zaun gebrochen. Was sollen wir tun, wenn Politik und Öffentlichkeit dermaßen versagen? Die Antwort ist nicht überraschend: Handpuppen basteln.

In New York zeigen arbeitslose Philosophen, wie man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und verbessern kann. In der Unemployed Philosophers Guild haben sich Philosophen friedlich zusammengefunden, um aus ihrer scheinbar nutzlosen philosophischen Bildung Kapital zu schlagen und den Alltag der Geistesmenschen mit bedenkenswerten Produkten zu verschönern. Z.B. verkaufen sie diese schönen Erderwärmungs-Tassen:

Ihre besondere Spezialität liegt allerdings in der Fertigung von Handpuppen mit Charakteren aus der Geistes- und Geistlosigkeitsgeschichte seit Platon. Schöne Objekte sind beispielsweise Derrida, Kant, Hegel (siehe oben) und – mittlerweile etwas veraltet – die Achse des Bösen. Oder wie wäre es mit diesem T-Shirt mit John Locke Picard? Oder der leckere Nietzsche-Riegel namens Will to Power? Die Reklame verspricht:

When your Wille zur Macht is a-flagging or you’re just a little tired of transvaluating all values, try these! Nietzsche’s Will To Power Bar transcends good and evil, it establishes new ideas, and escapes the constraints of Judeo-Christianity.

Oder für den Freund Albert Camus’ hier eine edle Sisyphos-Uhr. Oder die schönen Jesus-Produkte wie das What-would-Jesus-wear?-Dress-up-set und die Jesus-Rasur-Tasse.

Kurz, da ist für jeden was dabei. Wir lernen daraus: Arbeitslosigkeit unter Philosophen muss nicht sein, wenn man nur eine clevere Idee und schweineviel Glück hat, dass man sich bei sowas nicht maßlos verschuldet und immer genügend Kunden hat. Ansonsten empfiehlt der blinde Hund: Lieber was Anständiges studieren.

Wider die Zusammenrottung von Omas in öffentlichen Verkehrsmitteln!

Immer wieder, wenn ich in edler Einfalt und stiller Größe in Regionalexpressen durch Deutschland dahinschwebe und mich friedlich in ein Buch vertieft habe, entern ungefragt dutzende von pastellfarbenen Omas den Zug, trampeln unaufhaltsam durch die Abteile, setzen sich natürlich in meine Nähe und verhindern mit ihrem unbegremsten Schnattern jeden Anflug von Lesevergnügen. Man hört im allgemeinen Durcheinanderschnattern immer nur einzelne Satzfetzen wie „… es muss in den 70er Jahren gewesen sein…“, „… es kommt immer wieder durch, es kommt immer wieder durch…“, „…kein Tsunami…“, „…also als ich damals…“ usw.

Das Ganze geht natürlich auch nicht leise, sondern ist so wichtig, dass jeder im Abteil es unbedingt hören muss. Wenn eine Oma zur Toilette trampelt, sagt sie vorher jeder anderen Oma persönlich bescheid und fasst sie dabei vertraulich an. Wenn Opas dabei sind, hat mindestens einer davon immer eine Schirmmütze auf.

Jede Leseunternehmung wird sinnlos bei dieser Rudelbildung im Regionalexpress! Omas verhindern den Fortschritt der Wissenschaft, sie zerstören Kunst und Philosophie, indem sie mich vom Lesen abhalten! Hier ist auch die Politik gefragt. Wie lang kann Merkel noch zuschauen? Zu lange wurde das finstere Treiben der Regionalexpressomas geduldet, im Rücken der Öffentlichkeit haben sie sich zu einer mächtigen Bewegung formiert, die in der Lage ist, jeden beliebigen Regionalexpress in kürzester Zeit in eine kultur- und geistlose Zone zu verwandeln. Wir dürfen hier nicht länger tatenlos zusehen! Ich fordere Politik und Medien zum Handeln auf! Frank Schirrmacher, tu etwas, bevor du selbst vollends zum Opa wirst! Schreib einen Leitartikel, der die untragbaren Zustände ins Bewusstsein der Öffentlichkeit hebt! Ihr Piraten, einigt euch in eurer politischen Ahnungslosigkeit wenigstens auf einen einzigen Parteiprogrammpunkt, der Zusammenrottungen von Omas in der Öffentlichkeit verbietet! Günter Grass, schreib doch mal wieder ein beschissenes Gedicht, in dem du die wahren Übeltäter entlarvst und an den Pranger stellst! Sicher planen auch Omas einen atomaren Präventivschlag gegen den Iran, du weiß doch immer alles!

Ich fordere: Nie wieder Omaballungen in Regionalexpressen!

(Die in diesem Blogeintrag beschriebenen Ereignisse sind nicht frei erfunden. Ähnlichkeiten der darin vorkommenden Personen mit lebenden und verstorbenen Omas sind vom Autor gewollt.)

“Hohe Luft” und “Philosophie Magazin” – Zwei neue philosophische Zeitschriften

Im Kwaku-Ananse-blog wurden zwei neue philosophische Zeitschriften erwähnt. Also keine Fachzeitschriften, sondern solche, die man wohl am Kiosk kaufen kann:

Dazu folgende Audio-Rezension im Deutschlandradio:

Rezensionen findet man aber auch in der FAZ und in anderen Zeitungen. Die Rezensionen, die ich mir angeschaut habe, waren aber skeptisch bis ablehnend. – Ich habe nur auf den Homepages mal reingeschaut (beide bieten Leseproben an), aber sieht gar nicht so uninteressant aus. Im Philosophie Magazin, welches die philosophisch anspruchsvollere Zeitschrift zu sein scheint, gibt es z.B. ein Interview mit Axel Honneth und eine Diskussion zwischen Julian Assange und Peter Singer (!). Beide Magazine bieten auch einen RSS-Feed für ihre online-Inhalte an.

Beide Zeitschriften dürften Gerd-Scobel-Niveau haben (Scobel, der für Kunst und Quasi-Philosophie zuständige Typ von 3sat, ist auch Gastbeiträger im Philosophie Magazin). Aber macht ja nix, ist halt nicht für Fachphilosophen, sondern den interessierten Laien. Wenn dadurch auf gute und interessierende Weise zu philosophischem Denken angeregt werden kann oder wenigstens gute und nicht-platte Unterhaltung rauskommt, ist den beiden Zeitschriften viel Erfolg zu wünschen.

Habermas habermast in der FAZ über Griechenland

Habermas äußert sich in der FAZ zu Griechenland (in einem Kommentar zu diesem Artikel Frank Schirrmachers):

Es geht mir mit diesem Artikel wie so oft mit Habermas: Stimmt schon, was da er so sagt, auch die stets auf demokratische Prozesse gerichtete Tendenz gefällt mir – aber letztlich wabert alles so halb und trivial im Habermas-Jargon dahin, so dass man nach dem Lesen auch nicht viel schlauer ist als vorher.

Zum Inhalt: Habermas findet Papandreous ursprüngliche Idee, das Volk entscheiden zu lassen, prinzipiell begrüßenswert und sieht in Papandreous Rückzieher etwas, das für Europa symptomatisch ist:

Erst die Peripetie, Papandreous Kehrtwende, enthüllt den zynischen Sinn dieses griechischen Dramas – weniger Demokratie ist besser für die Märkte.

Am Ende plädiert er dann, neben der obligatorischen Forderung nach Regulierung der Banken und des Finanzmarkts, für eine gemeinsame europäische Verfassung, die zunächst in der breiten Öffentlichkeit diskutiert und dann, so wie ich Habermas verstehe, durch die Abstimmung der Bürger legitimiert werden soll:

Es fehlt am politischen Willen zur globalen Einigung, weil die Institutionen fehlen, die eine supranationale Willensbildung und die globale Durchsetzung von Beschlüssen erst ermöglichen würden. Auch aus diesem Grunde müssten die Staaten der Europäischen Währungsgemeinschaft die Krise als Chance begreifen und mit der Absicht, ihre politische Handlungsfähigkeit auf supranationaler Ebene zu verstärken, Ernst machen. [...]

Die überfällige Kontroverse über Notwendigkeit und Nutzen eines solchen Projekts muss in der breiten Öffentlichkeit ausgetragen werden. Das verlangt allerdings von den politischen Eliten nicht nur den üblichen Spagat zwischen Bürgerinteressen und dem Rat der Experten. Die erneute Anbahnung eines verfassungsgebenden Prozesses würde vielmehr ein Engagement verlangen, das von den Routinen des Machtopportunismus abweicht und Risiken eingeht. Dieses Mal müssten die Politiker in der ersten Person sprechen, um die Bürger zu überzeugen.

Welche “Institutionen” genau fehlen, wie er im ersten hier zitierten Satz feststellt, sagt Habermas leider nicht.

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