Wider die Zusammenrottung von Omas in öffentlichen Verkehrsmitteln!

Immer wieder, wenn ich in edler Einfalt und stiller Größe in Regionalexpressen durch Deutschland dahinschwebe und mich friedlich in ein Buch vertieft habe, entern ungefragt dutzende von pastellfarbenen Omas den Zug, trampeln unaufhaltsam durch die Abteile, setzen sich natürlich in meine Nähe und verhindern mit ihrem unbegremsten Schnattern jeden Anflug von Lesevergnügen. Man hört im allgemeinen Durcheinanderschnattern immer nur einzelne Satzfetzen wie „… es muss in den 70er Jahren gewesen sein…“, „… es kommt immer wieder durch, es kommt immer wieder durch…“, „…kein Tsunami…“, „…also als ich damals…“ usw.

Das Ganze geht natürlich auch nicht leise, sondern ist so wichtig, dass jeder im Abteil es unbedingt hören muss. Wenn eine Oma zur Toilette trampelt, sagt sie vorher jeder anderen Oma persönlich bescheid und fasst sie dabei vertraulich an. Wenn Opas dabei sind, hat mindestens einer davon immer eine Schirmmütze auf.

Jede Leseunternehmung wird sinnlos bei dieser Rudelbildung im Regionalexpress! Omas verhindern den Fortschritt der Wissenschaft, sie zerstören Kunst und Philosophie, indem sie mich vom Lesen abhalten! Hier ist auch die Politik gefragt. Wie lang kann Merkel noch zuschauen? Zu lange wurde das finstere Treiben der Regionalexpressomas geduldet, im Rücken der Öffentlichkeit haben sie sich zu einer mächtigen Bewegung formiert, die in der Lage ist, jeden beliebigen Regionalexpress in kürzester Zeit in eine kultur- und geistlose Zone zu verwandeln. Wir dürfen hier nicht länger tatenlos zusehen! Ich fordere Politik und Medien zum Handeln auf! Frank Schirrmacher, tu etwas, bevor du selbst vollends zum Opa wirst! Schreib einen Leitartikel, der die untragbaren Zustände ins Bewusstsein der Öffentlichkeit hebt! Ihr Piraten, einigt euch in eurer politischen Ahnungslosigkeit wenigstens auf einen einzigen Parteiprogrammpunkt, der Zusammenrottungen von Omas in der Öffentlichkeit verbietet! Günter Grass, schreib doch mal wieder ein beschissenes Gedicht, in dem du die wahren Übeltäter entlarvst und an den Pranger stellst! Sicher planen auch Omas einen atomaren Präventivschlag gegen den Iran, du weiß doch immer alles!

Ich fordere: Nie wieder Omaballungen in Regionalexpressen!

(Die in diesem Blogeintrag beschriebenen Ereignisse sind nicht frei erfunden. Ähnlichkeiten der darin vorkommenden Personen mit lebenden und verstorbenen Omas sind vom Autor gewollt.)

Das philosophische Gedicht

Heute starte ich die Reihe “Das philosophische Gedicht” mit Lyrik, die zu Herzen geht. Hier die Nr. 1:

- – -

Wittgenstein sprach einst zu Russell:
“Jetzt mal Schluss mit dem Gequassel!
Hier in diesem Raumambiente
ist doch eine Hasenente!”

Russell sprach zu Wittgenstein:
“Lass mal diesen Unsinn sein!
Hier im Raum, hinter der Vase,
steht doch wohl ein Horn mit Nase!”

Da sprach Quine zu allen zween:
“Keins von beiden kann ich sehn!
Mir scheint, hier im Raume sei
nur ein kleiner Gavagai!”

Zu den drein ein Löwe sprach:
“Meine Herren, denkt mal nach!
Wenn zu euch ein Löwe spricht,
ist im Raum ein Löwe, nicht?”

Keiner konnte das verstehn.
Auch egal. Auf Wiedersehn.

Kant, wie ihn keiner kennt

Ein Kant-Gedicht von Robert Gernhardt für unproduktive Tage: –> klick mich! <–

Kann man sagen, wovon ein Gedicht handelt?

T.S. Eliot wiederholte auf die Frage, was sein Vers “Lady, three white leopards sat under a juniper tree in the cool of the day…” bedeutet, schlicht nur exakt diesen Vers. Er hielt Gedichte für nicht übersetzbar bzw. nicht paraphrasierbar.

Ich persönlich habe die Intuition, dass das nicht stimmt und dass man eine ganze Menge sinnvoller Dinge über die Bedeutung von Gedichten (oder Literatur im allgemeinen) sagen kann, ohne deren Bedeutung prinzipiell zu verfehlen. Im blog der New York Times hat Ernie Lepore versucht, für die Eliot-Position zu argumentieren. Zentral für sein Argument ist der Begriff der “Artikulation” (articulation). Tauscht man z.B. in einem Gedicht ein Wort durch ein synonymes Wort aus, ändert sich laut Lepore zwar nicht die Bedeutung des Gedichtes, aber dessen Artikulation:

Of course, we can introduce a new expression to mean exactly whatever an old expression means but since poems can be about their own articulations, substituting synonyms will not result in an exact paraphrase or translation. To do so requires not only synonymies but also identical articulations, and only repetition ensures this end.

Was genau er unter Artikulation versteht, wird für mich aus dem Artikel nicht ganz deutlich, aber wohl  so etwas wie Rhythmus, Metrum, Reim, Klang usw. Lepores Hauptthese ist jedenfalls, dass jede Paraphrase, selbst die durch bloße Synonyme, das Thema des Gedichts verfehlt:

Since synonym substitution in a poem can change meter or rhyme, etc., to the extent that poems are about their own articulation they prohibit paraphrase and translation. Accordingly, as with other forms of mentioning, any effort at re-articulation inevitably changes the topic.

Mir kommt das etwas merkwürdig vor. Am Anfang des Artikels geht es noch um die Bedeutung (meaning) eines Gedichtes, dann wird plötzlich gesagt, dass wir diese Bedeutung verfehlen, weil wir die Artikulation des Gedichts nicht abbilden können – selbst wenn wir es durch bedeutungsgleiche (!) Wörter ersetzen (und Lepore sagt ja, dass sich durch Synonymersetzung die Bedeutung nicht ändert: “… mean exactly whatever an old expression means”). Hinzu kommt die m.E. in unbegründete Behauptung, dass Gedichte “are about their own articulation”, sich also selbst zum Thema hätten. Aber stimmt das denn so generell? Und warum können wir nicht schlicht beschreiben bzw. paraphrasieren, was ein Gedicht bedeutet und wie die Artikulation zur Bedeutung des Gedichts beiträgt (so wie Lepore das z.B. in den letzten Absätzen des Artikels mit E.A. Poes Gedicht The Raven macht)? Verwechselt Lepore da nicht etwas, nämlich die Interpretation von Gedichten einerseits, und Reformulierung andererseits?

Über Meinungen zum Thema der Bedeutung von Gedichten freue ich mich, auch wenn sie nicht auf diesen Lepore-Artikel Bezug nehmen.

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