Der Gebrauch von Philosophen in den Kulturwissenschaften
21. April 2012 Hinterlasse einen Kommentar
Es ist wirklich ärglich, wie in den Kulturwissenschaften oft mit Philosophen umgegangen wird. Sie dienen meist als Stichwortgeber für irgendwelche Themen, ohne dass das, was sie tatsächlich sagen oder gesagt haben, in irgendeiner Weise tatsächlich diskutiert wird. Im Gegenteil, meist werden sie als vermeintliche Autoritätsargumente für irgendwelche abstrusen Kulturwissenschaftlertheorien missbraucht, die mit den ursprünglichen philosophischen Theorien kaum noch in einem sachlichen Zusammenhang stehen.
Gerade habe ich z.B. die Einleitung von Vera und Ansgar Nünning in den Band Cultural Ways of Worldmaking: Media and Narratives gelesen. In diesem Band soll produktiv an Nelson Goodman und seine Theorie des “world making” angeschlossen werden. Ohne dass ich den Band vollständig gelesen hätte, scheint mir schon aus der Einleitung hervorzugehen, dass die Philosophie Nelson Goodmans gar nicht oder zumindest völlig missverstanden wurde. Mit W.J.T. Mitchell – natürlich kein Philosoph – wird da zu Beginn behauptet, Nelson Goodmans Philosophie habe drei Themen völlig ignoriert: “values, knowledge and history” (S.2). Diese These dient den Nünnings als Ausgangspunkt für den kompletten Band, der diese vermeintliche Lücke schließen soll. Das heißt, diese These sollte einigermaßen richtig sein. Ist sie nur leider nicht.
Bei den Werten mag das ja noch angehen. Aber wie zum Teufel kommt man darauf, dass Goodman nichts über “knowledge” sage? Seine komplette Kunstphilosophie ist laut Goodman letztlich nur eine andere Art von Epistemologie, d.h. eine Lehre über die Art und Weise, wie wir etwas über die Welt wissen können und wie die Welt von unserem Wissen abhängt:
…the arts must be taken no less seriously than the sciences as modes of discovery, creation, and enlargement of knowledge in the broad sense of advancement of the understanding, and thus that the philosophy of art should be conceived as an integral part of metaphysics and epistemology…
(Goodman, Nelson 1978: Ways of Worldmaking, S.102)
Das betont Goodman auf jeder zweiten Seite seiner Bücher. Und Geschichte (history) spielt bei ihm natürlich ebenfalls dauernd eine Rolle: bei seiner Einteilung von allographischen und autographischen Künsten zum Beispiel, und weitere Beispiele ließen sich leicht geben.
Solche Fälle scheinen mir typisch zu sein für den Umgang, der in den Kulturwissensschaften mit Philosophen gepflegt wird.

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