Der Gebrauch von Philosophen in den Kulturwissenschaften

Es ist wirklich ärglich, wie in den Kulturwissenschaften oft mit Philosophen umgegangen wird. Sie dienen meist als Stichwortgeber für irgendwelche Themen, ohne dass das, was sie tatsächlich sagen oder gesagt haben, in irgendeiner Weise tatsächlich diskutiert wird. Im Gegenteil, meist werden sie als vermeintliche Autoritätsargumente für irgendwelche abstrusen Kulturwissenschaftlertheorien missbraucht, die mit den ursprünglichen philosophischen Theorien kaum noch in einem sachlichen Zusammenhang stehen.

Gerade habe ich z.B. die Einleitung von Vera und Ansgar Nünning in den Band Cultural Ways of Worldmaking: Media and Narratives gelesen. In diesem Band soll produktiv an Nelson Goodman und seine Theorie des “world making” angeschlossen werden. Ohne dass ich den Band vollständig gelesen hätte, scheint mir schon aus der Einleitung hervorzugehen, dass die Philosophie Nelson Goodmans gar nicht oder zumindest völlig missverstanden wurde. Mit W.J.T. Mitchell – natürlich kein Philosoph – wird da zu Beginn behauptet, Nelson Goodmans Philosophie habe drei Themen völlig ignoriert: “values, knowledge and history” (S.2). Diese These dient den Nünnings als Ausgangspunkt für den kompletten Band, der diese vermeintliche Lücke schließen soll. Das heißt, diese These sollte einigermaßen richtig sein. Ist sie nur leider nicht.

Bei den Werten mag das ja noch angehen. Aber wie zum Teufel kommt man darauf, dass Goodman nichts über “knowledge” sage? Seine komplette Kunstphilosophie ist laut Goodman letztlich nur eine andere Art von Epistemologie, d.h. eine Lehre über die Art und Weise, wie wir etwas über die Welt wissen können und wie die Welt von unserem Wissen abhängt:

…the arts must be taken no less seriously than the sciences as modes of discovery, creation, and enlargement of knowledge in the broad sense of advancement of the understanding, and thus that the philosophy of art should be conceived as an integral part of metaphysics and epistemology…

(Goodman, Nelson 1978: Ways of Worldmaking, S.102)

Das betont Goodman auf jeder zweiten Seite seiner Bücher. Und Geschichte (history) spielt bei ihm natürlich ebenfalls dauernd eine Rolle: bei seiner Einteilung von allographischen und autographischen Künsten zum Beispiel, und weitere Beispiele ließen sich leicht geben.

Solche Fälle scheinen mir typisch zu sein für den Umgang, der in den Kulturwissensschaften mit Philosophen gepflegt wird.

Heitere Beispiele #7

Let me tell you two stories – or one story with two parts. Mrs. Mary Tricias studied such a sample book, made her selection, and ordered from her favorite textile shop enough material for her overstuffed chair and sofa – insisting that it be exactly like the sample. When the bundle came she opened it eagerly and was dismayed when several hundred 2′ x 3′ pieces with zigzag edges exactly like the sample fluttered to the floor. When she called the shop, protesting loudly, the proprietor replied, injured and weary, “But Mrs. Tricias, you said the material must be exactly like the sample. When it arrived from the factory yesterday, I kept my assistants here half the night cutting it up to match the sample.”
The incident was nearly forgotten some months later, when Mrs. Tricias, having sewed the pieces together and covered her furniture, decided to have a party. She went to the local bakery, selected a chocolate cupcake from those on display and ordered enough for fifty guests, to be delivered two weeks later. Just as the guests were beginning to arrive, a truck drove up with a single huge cake. The lady running the bake-shop was utterly discouraged by the complaint. “But Mrs. Tricias, you have no idea how much trouble we went to. My husband runs the textile shop and he warned me that your order would have to be in one piece.”
The moral of this story is not simply that you can’t win, but that a sample is a sample of some of its properties but not others.

(Nelson Goodman 1978: When is Art?, in: David Perkins, Barbara Leondar (Hgg.), The Arts and Cognition, Baltimore: Johns Hopkins UP, S.63f.)

Heitere Beispiele #4

Nelson Goodman erklärt, was passieren kann, wenn man zwar wahre, aber nicht richtige Überzeugungen hat:

Having been ordered to shoot anyone who moved, the guard shot all his prisoners, contending that they were all moving rapidly around the sun.

[aus: Elgin, Catherine Z./Goodman, Nelson 1988: Reconceptions in Philosophy and Other Arts and Sciences, Indianapolis, Cambridge, S.52.]

Peter Bieri – “Wie wollen wir leben?”

Das Philoblog macht auf zwei Rezensionen zu Peter Bieris neuem Büchlein (nur knapp 90 Seiten) Wie wollen wir leben? aufmerksam. Einmal FAZ, einmal SZ.

Die Hauptfrage des Buches scheint zu sein: Gibt es soetwas wie ein “wahres Selbst” und was heißt “Selbstbestimmung”? Bieri sieht vor allem zwei mögliche “Kommentare” (ein Lieblingswort von ihm – Antworten auf philosophische Fragen nennt er meistens “Kommentare”, das klingt so schön bescheiden). Der erste Kommentar lautet: Ja, gibt es, und wir müssen uns von Selbsttäuschungen aller Art befreien, um dieses wahre Selbst freizulegen, d.h. um zu wissen, wer wir wirklich sind. Der zweite Kommentar lautet, dass wir den Gedanken an soetwas wie das wahre Selbst aufgeben sollten, vielmehr ist unser “Selbst” sowetwas wie eine Geschichte, die wir uns erzählen, eine selbstkonstruierte Fiktion, und wenn wir nach dem wahren Selbst fragen und “zu uns” kommen möchten, dann heißt das so viel wie: Wir möchten diese Geschichte von uns selbst stimmiger machen, sozusagen besser erzählen als vorher. – Bieri zu diesen beiden Wegen:

“Obwohl mich die Frage, welcher von beiden der richtige Kommentar ist, seit der Zeit meines Studiums beschäftigt, ist es mir nie gelungen, zu einer wirklich beständigen Meinung darüber zu gelangen. Es ist befreiend, John Dewey, Nelson Goodman und Richard Rorty dazu zu lesen – über sprachlich gemachte und erfundene Phänomene und Welten, über Erkennen als Tun, über den Starrsinn und Irrsinn einer realistischen Deutung von Wahrheit und Erkennen. All das ist befreiend und charmant, und oft schon habe auch ich es nachgesprochen. Doch dann denke ich an Erfahrungen, die ich selbst mache und die oft genug auch meine literarischen Figuren machen: dass man spürt, ganz genau spürt, wo das Gravitationszentrum der eigenen Emotionen liegt, und dass der natürliche, der einzig natürliche Kommentar dazu ist: Das ist die Wahrheit, so sind die inneren Tatsachen, und wie sie sind, hängt nicht an irgendeiner naseweisen Geschichte, die ich mir so oder auch anders zusammenreimen könnte. Was also ist richtig? Um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß es bis heute nicht.” (zitiert nach: FAZ)

Das Buch erinnert durch den Titel stark an Peter Singers Buch Wie sollen wir leben? – Ob darauf Bezug genommen wird, konnte ich den Rezensionen aber nicht entnehmen.

Noch ein paar Worte zu Bieri. Die philosophischen Bücher von ihm sind durchgehend lesenswert – was man von seinen Romanen, geschrieben unter dem Pseudonym Pascal Mercier, vielleicht nicht unbedingt sagen kann, ich jedenfalls fand die beim Reinlesen ziemlich langweilig (lege aber keinen Wert darauf, dass mein Urteil korrekt ist). Der Stil des obigen Zitats ist repräsentativ, schwieriger wird es nicht, Bieri legt ausdrücklich Wert darauf, nicht durch akademische Fachsprache einzuschüchtern, sondern so klar und verständlich wie möglich zu schreiben. Er hatte z.B. sein ziemlich erfolgreiches Buch Handwerk der Freiheit  “dem Gebot unterworfen, nicht ein einziges Wort zu gebrauchen, das nicht jeder kennt.” (Quelle) Das allein ist schon lobenswert und seine Bücher sind deshalb wunderbar geeignet, um auch Nicht-Fachleuten philosophische Gedanken nahezubringen, ohne dass diese trivialisiert oder verwässert werden. Bieri war immer daran interessiert, seine Leser oder Hörer gedanklich mitkommen zu lassen. Darüber hinaus hat er eine bescheidene Art und ist, wie auch das Zitat oben zeigt, durchaus fähig zu sagen, wenn er etwas nicht weiß. (Eine Fähigkeit, die vielen Akademikern und, wenn man so sagen darf, “Intellektuellen” leider abgeht.)

Als Professor war er enorm beliebt bei den Studenten, zum einen aufgrund seiner Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in größtmöglicher Klarheit darzustellen und zur Diskussion zu stellen. Zum anderen, weil – wie auch die Rezensionen bemerken – man immer merkt, dass es ihn persönlich angeht. Philosophie ist für Bieri offensichtlich nicht nur Spielerei, sondern soll auf grundlegende Fragen antworten, die uns existentiell betreffen. Außerdem hatte er zwar eine gewisse Unnahbarkeitsaura, wie das halt bei Professoren und Schriftstellern ab und zu der Fall ist, war aber dennoch immer ausnehmend freundlich (Schweizer Charme…) und interessiert an seinen Studenten. Ich war bei Bieris letzter Lehrveranstaltung dabei, bevor er sich vorzeitig aus dem Professorendasein verabschiedete. Danach applaudierten die Studenten lange und Bieri hatte Tränen in den Augen und bedankte sich (wenn ich mich richtig erinnere, ohne Mikrophon, so dass man eigentlich nur sehen konnte, wie er Danke sagte).

Laut FAZ-Artikel arbeitet Bieri derzeit an einem größeren Buch über die Menschenwürde – man darf gespannt sein.

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