Gregory Currie über “Der Pate”

Greg Currie von der University of Nottingham, einer der wichtigsten Kunstphilosophen der Gegenwart, spricht hier über die Filmreihe Der Pate (The Godfather):

Außerdem hat Currie seit einiger Zeit eine eigene Webseite, auf der man auch ein paar aktuelle Artikel-Entwürfe herunterladen kann:

Sensation! Gregory Currie hält einen Faustkeil!

Was man dank Twitter alles so zu sehen bekommt: http://twitpic.com/4dgw92

Gregory Currie über Harry Potter

Gregory Currie erklärt, warum die Leute Harry Potter mögen (und auch Charles Dickens):

Heitere Beispiele #1

In der Philosophie sind aus irgendeinem Grund alberne bis absurde Beispiele beliebt, übrigens insbesondere in der analytischen Tradition. Woran das liegt, das weiß so genau keiner, ist ja aber auch egal. Oft haben diese Beispiele auch eine extrem lange Lebensdauer und man weiß nicht so recht, wer überhaupt der Erfinder des Beispiels war, auch wenn man in einer großen Zahl von Fällen mit guten Gründen auf Wittgenstein, Putnam, Quine oder am besten immer gleich auf Wittgenstein tippen kann.

Ich werde, wenn mir welche auffallen, mal die heiteren dieser Beispiele hier sammeln. Heute macht den Anfang Gregory Currie. Selbiger erklärt die Grenzen seines Kommunikationsbegriffs mit einem Satz heißer Ohren:

“If my ears turn red when it rains, and you see my ears turn red und infer that it’s raining, I have not communicated anything to you [...].”

[aus: G. Currie: The Nature of Fiction. Camebridge University Press 1990, S. 25]

Wieder mal was zur Ontologie von Kunstwerken

Was ist denn nun ein Kunstwerk, ein Set, eine Summe oder ein type (und wenn ja, dann welcher type: ein herkömmlicher oder ein action type)? – Diese Fragen hat sich ja sicher jeder schon mal gestellt. Was für ein Glück, dass dieser Blogeintrag mal ein paar Antwortmöglichkeiten bietet!

Kunstwerke gibt’s solche und solche. Es gibt z.B. solche, die es zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort nur jeweils ein einziges Mal gibt. Dazu gehören z.B. Statuen oder Werke der Malkunst. Und dann gibt es solche, von denen es sozusagen zur selben Zeit mehrere Erscheinungen oder, um mal einen Philosophenbegriff zu gebrauchen, mehrere “Instantiierungen” geben kann. Dazu gehören z.B. Theaterstücke oder Symphonien, die immer wieder neu und sogar zeitgleich aufgeführt (instantiiert) werden können und trotzdem immer noch ein und dasselbe Kunstwerk sind.

Picasso - Guernica

Picasso - Guernica

Die eben gemachte Unterscheidung ist nicht unumstritten. Philosophen wie Anthony Savile, Eddie Zemach, Maria Reicher-Marek oder Gregory Currie haben z.B. behauptet, alle Kunstwerke könnten prinzipiell mehrmals instantiiert werden. So kann es laut Currie z.B. mehrere Instantiierungen von Picassos Guernica geben. Hier möchte ich mich um diese Diskussion jedoch nicht kümmern, sondern ausschließlich um letztere Art von Kunstwerken, also Kunstwerke, die unbestrittenerweise mehrere Instantiierungen haben können. Was heißt es z.B., dass verschiedene Aufführungen von Hamlet Aufführungen eines Kunstwerks sind? Was genau ist also in solchen Fällen eigentlich “das Kunstwerk”?

Auf diese Fragen wurden durch Kunstphilosophen verschiedene Antworten gegeben. Eine davon, die man als Set-Theorie bezeichnen könnte, lautet überraschenderweise so: Kunstwerke sind Sets. Und zwar Sets (bzw. Mengen) von Instantiierungen. Beispielsweise ist das Kunstwerk Hamlet das Set bzw. die Menge aller Aufführungen von Hamlet. Diese Auffassung bringt allerdings ein paar Probleme mit sich. Das Hauptproblem ist, dass ein Set definiert ist durch die in ihr enthaltenen Objekte. Wenn allerdings immer weitere Objekte (nämlich Aufführungen) zur Menge hinzukommen, dann gibt es mit jeder Aufführung von Hamlet ein neues Kunstwerk namens Hamlet (= ein neues Set bzw. eine neue Menge). Das kann man berechtigterweise blöd finden.

Dann gibt’s die Summen-Theorie, die gewissermaßen eine Rettung der Set-Theorie darstellen soll. Die Summen-Theorie besagt, ein Kunstwerk wäre die Summe aller Instantiierungen. Hamlet wäre in dem Fall die Summe aller Hamletaufführungen. Auch diese Theorie hat ihre Schwierigkeiten. Wären Kunstwerke Summen von Instantiierungen (Aufführungen), gäbe es nie ein vollständiges Kunstwerk, da alle zukünftigen Instantiierungen die Summe verändern und vergrößern würden. Shakespeares Hamlet wäre demnach bis heute kein vollständiges Werk. Das ist natürlich extrem unplausibel.

Hamlet

Hamlet

Dann gibt es Theorien, die behaupten, Kunstwerke seien irgendetwas im Bewusstsein des Künstlers. Auch diese Theorien sind extrem unplausibel. Wenn ein Kunstwerk sozusagen aus Bewusstseinszuständen oder Vorgängen im Bewusstsein des Künstlers besteht, dann haben wir zwar den Vorteil, ziemlich gut erklären zu können, warum Hamlet genau ein Werk ist – denn es gibt nur einen Schöpfer von Hamlet, Shakespeare, und dessen Bewusstseinszustände beim Schreiben von Hamlet sind einzigartig. Wir haben allerdings auch das große Problem, dass Bewusstseinsvorgänge auch irgendwann wieder enden. Wenn Kunstwerke Bewusstseinszustände sind, dann hat Hamlet aufgehört zu existieren, als Shakespeare mit dem Schreiben des Hamlets fertig war.

Die wohl verbreitetste und m.E. auch plausibelste Theorie lässt sich als type-Theorie bezeichnen (einer der Hauptvertreter dürfte vielleicht Richard Wollheim sein, aber auch Reicher-Marek, Currie u.a. vertreten diese Theorie in allerdings sehr voneinander verschiedenen Spielarten). Type-Theorien bauen auf eine begriffliche Unterscheidung zwischen sogenannten types und sogenannten tokens auf, die Charles Sanders Peirce eingeführt hat. (Zur Erläuterung verlinke ich hier nur mal auf den Wiki-Eintrag, sonst würde der Artikel zu lang werden.) Types sind abstrakte Gegenstände, also Dinge, die zwar existieren, aber nicht raum-zeitlich lokalisierbar sind. Zu den abstrakten Gegenständen gehören z.B. auch Zahlen. Die “2″ als type bzw. abstrakter Gegenstand ist z.B. kein raum-zeitlicher Gegenstand, auch wenn es natürlich dauernd Instantiierungen bzw. tokens der 2 geben kann – Instantiierungen bzw. tokens der “2″ sind dann schlicht geschriebene Zahlzeichen. Weitere Kandidaten für abstrakte Gegenstände sind z.B. Gedanken oder auch ganze Theorien – oder eben Kunstwerke.

Probleme für type-Theorien

Type-Theorien scheinen alle ein mächtiges Problem zu haben. Wir stehen nämlich in mehreren Hinsichten in kausalem Kontakt zu Kunstwerken: Wir nehmen Kunstwerke wahr, hören sie, sehen sie, reagieren auf sie. Types sind aber abstrakte Gegenstände, und zu abstrakten Gegenständen (also nicht raum-zeitlichen, nicht wahrnehmbaren Dingen) können wir nicht in kausalem Kontakt stehen. Eine Variante dieses Problems – darauf wies ich bereits im letzten Beitrag zu diesem Problem hin – ist der Umstand, dass Kunstwerk so auch nicht geschaffen oder zerstört werden können (Nicholas Wolterstorff z.B. vertritt diese Ansicht). Zumindest ist es erklärungsbedürftig, was es heißt, dass jemand ein abstraktes Objekt schafft oder zerstört. – Man kann dieses Problem auch so formulieren, dass laut type-Theorie Kunstwerke überhaupt nicht zur Geschichte dazugehören, keine geschichtlichen Dinge sind. Das widerspricht nun allerdings völlig unserem Alltagsverständnis von Kunstwerken, die wir immer in irgendeinem historischen Kontext sehen. – Ein weiteres Problem (auch mit den obigen verwandt): Das Kunstwerk Guernica hat räumliche Eigenschaften, es hat eine bestimmte Größe, ist rechtwinklig usw. Es ist aber vollkommen unklar, wie ein type – der ja kein räumliches Ding ist – räumliche Eigenschaften haben sollte.

Beethoven - schafft oder entdeckt gerade die Neunte

Beethoven - schafft oder entdeckt gerade die Neunte

Ich weiß nicht genau, was ich von all dem halten soll. Ich tendiere dazu, Theorien abzulehnen, welche die Rede vom Erschaffen eines Kunstwerks verwerfen. Es ist ziemlich kontraintuitiv zu behaupten, Kunstwerke würden nicht geschaffen, sondern z.B. “entdeckt”. Letzteres würde einen auch auf sehr komische Thesen verpflichten, z.B. dass es Beethovens Neunte schon immer gab, sogar schon bevor Beethoven die Neunte schrieb. Klingt ziemlich abstrus. Außerdem glaube ich auch, dass zumindest manche Kunstwerke (wie Guernica) physikalische Eigenschaften haben, die notwendigerweise zu ihm als Kunstwerk dazugehören. Wenn ein Kunstwerk ein abstrakter Gegenstand oder ein type ist, kann er aber keine physikalischen Eigenschaften mehr haben.

Es gibt type-Theorie-Vertreter, nach denen diese Probleme nicht auftreten sollten. Maria Reicher-Marek z.B. behauptet, abstrakte Gegenstände (und daher auch types) werden durch intentionale Akte geschaffen. Ich kann mir zum Beispiel eine Theorie, sagen wir mal die Relativitätstheorie, oder auch nur einen einzelnen Gedanken ausdenken, und damit schaffe ich sozusagen den abstrakten Gegenstand “Relativitätstheorie”. Genauso bei Kunstwerken, die als types verstanden werden. – Wenn ich Zeit habe, werde ich zu Reicher-Mareks sehr interessanter Position noch etwas schreiben. Empfehlen kann ich nur allerwärmstens ihre Einführung in die philosophische Ästhetik (damals noch unter dem Namen Reicher veröffentlicht), einem der klarsten und sauber argumentierendsten deutschsprachigen Bücher zur Ästhetik, das ich kenne.

Gregory Currie über “pretended learning” beim Lesen von Literatur

Gregory Currie, über den ich hier schonmal etwas geschrieben hatte, hat in der Times einen Artikel darüber geschrieben, ob und was und wie wir von Literatur etwas über die menschliche Psyche lernen können:

Das Ganze endet mit einem Vorschlag, mit welcher Haltung wir Literatur lesen sollten, wenn wir daraus in psychologischer Hinsicht etwas lernen möchten:

So here’s a suggestion about how to read the literary canon. Treat it as an exercise in pretence, accepting as a basic rule for the pretence the reliability of the point of view from which the work is given. Accept, as part of your pretence, that people are basically as the work suggests they are. Using the framework, you may then ask questions about the motivations of characters, the aptness of their images and feelings, probing the depths of their psyches in ways you could never hope to do in reality, achieving a high level of self-forgetful absorption in the pretence of learning. [...]

We can allow the pretence to get a little more complex. One of the pleasures of fiction is deciding that the author got this character’s motives wrong. Now people can be wrong by their own lights; wrong for reasons they find significant, though they think there is some way round the objection. But we can even challenge the authorial framework, engaging with him or her about whether some reshaping of the narrative would better illuminate a motive or an action, going head-to-head with the author in a contest of two thoroughly ill-founded pictures of how the mind works. [...]

The suggestion is that we give up the idea that what is going on in literature-land is true learning, and make do with the pleasures of pretended learning.

Nicht, dass ich das verstehe, aber klingt nicht uninteressant. Wichtig scheint ihm der Gedanke zu sein, dass das Literaturlesen eine Art ungefährliches Testgelände ist, auf dem man Verhaltensweisen beobachten, studieren und kritisieren kann. Dennoch sollten wir laut Currie wohl nicht erwarten, durch Literatur besonders tiefe psychologische Einblicke  zu bekommen und mehr zu lernen als etwa durch die wissenschaftliche psychologische Forschung. An Stelle von “learning” benutzt Currie den Begriff “pretended learning” – aber mir ist nicht völlig klar, wie das genau gemeint ist.

Können Bilder ironisch sein?

No Shooting!

In der letzten Ausgabe des British Journal of Aesthetics hat Gregory Curry die These vertreten, dass Bilder ironisch sein können. Das heißt genauer, dass Bilder nicht nur Teil einer ironischen Situation sein können wie  das “No-Shooting”-Bild, sondern dass sie selbst ironisch sind.

Currys eigene Ironie-Theorie kann man wohl als Vortäuschungs-Theorie (pretendence-theory) beschreiben. Wer ironisch ist, täuscht ein Verhalten vor, bei dem eine bestimmte Perspektive bzw. ein Standpunkt vorgeblich eingenommen wird, der Handelnde aber eigentlich intendiert, diese vorgetäuschte Perpektive als in irgendeinem Sinne mangelhaft oder sogar falsch zu kennzeichnen. Dabei unterscheidet Curry zwischen “kommunikativer Ironie” (communicative irony) und “Situationsironie” (situational irony). Hier ist Currys Definition von kommunikativer Ironie:

What, then, of communicative irony? I stand with those who favour this view: when Irene says ‘The meeting went well’, or ‘Have you won the Nobel Prize yet?’ she is not claiming that the meeting went well, or asking whether I have won the Nobel Prize. She is also not saying it did not go well, or asking whether, or claiming that, I did not win the prize — as advocates of the venerable but false ‘contrary-saying’ theory of irony have to say. Ironist that she is, she is pretending to say it went well, pretending to ask whether I have won the prize. Beyond that, we pretence theorists disagree among ourselves about the precise nature of the ironist’s project. Here is a formulation that seems to me to have merit: in performing these pretend actions, Irene is pretending to have a certain outlook or perspective or point of view, a perspective manifested by those very utterances. And the point of view which Irene pretends to have is one that, as her actions make plain, she regards as defective in some way, and the defects of which her performance is intended to highlight. Asking me whether I have won the Nobel Prize yet is a good way of making vivid how ridiculous it would be to think that I might have won it.
Note that this account of communicative irony as pretence is neutral as regards the format of the ironic performance. All that it requires is that there be an action one undertakes in the service of pretending to express a point of view, where the pretence has as one purpose the illustration of deficiencies in that point of view. The overt behaviour might involve the utterance of a sentence; it might involve the drawing and showing of a picture, or taking a photograph, or co-opting one for the purposes of my performance, or any other sort of behavior. All we demand is that the pretence manifests a point of view which is (in reality) intended to be brought into critical focus. (S. 150 f.)

Situationsironie dagegen ist Ironie, die erst durch entsprechende Umstände etabliert wird, so wie im oben verlinkten Beispiel des No-Shooting-Bildes oder in diesem Beispiel. Ironische Situationen entstünden laut Currie normalerweise “because of a contrast between what is hoped for or expected or believed, and what is really the case.” (S. 150) Eine Äußerung muss dabei selbst nicht ironisch gemeint sein, kann aber durch die situativen Umstände trotzdem die Eigenschaft des Ironisch-Seins erhalten, so wie es im No-Shooting-Bild der Fall ist.

Was muss nun geschehen, damit ein Bild nicht einfach nur ironisch ist, weil die situativen Umstände es ironisch machen, sondern damit es selbst ironisch ist? Currie schlägt folgendes vor:

[T]here is one context which fixes whether the picture counts as ironic or not, and that is the originating context; if the originating context validates the claim that the picture is ironic, it should not be judged non-ironic when presented in some other context. Conversely, a non-ironic originating context labels the picture ‘non-ironic’ for life, however it is subsequently used. On this hypothesis, irony in a picture is a property which is dependent on context-of-origin; it is not dependent on any subsequent context-of-presentation. Let us call a property of that kind origin-dominant . (S. 153 f.)

[I]rony in a picture is origin-dominant if and only if the picture has properties expressive of an ironic intent on the part of the maker. (S. 154)

Taking Stock

Der Kontext der Bildschöpfung (“context of origin”) determiniert, ob ein Bild ironisch ist oder nicht. Ein Beispiel für ein Bild, das selbst ironisch ist, bringt Curry mit Hans Haackes “Taking Stock” (Bild rechts, draufklicken zum Vergrößern). Taking Stock ist ein Portraitbild, macht aber – anders als in der Tradition der Portraitbilder üblich – die portraitierte Dame eher lächerlich. Dieses Bild ist laut Currie situationsunabhängig ironisch, weil es mit ironischer Intention geschaffen wurde und diese Intention dem Bild gewissermaßen ablesbar ist. Curry vertritt hier also eine intentionalistische Position: Die Intention des Künstlers wird Teil der Bedeutung des Bildes, verleiht dem Bild Bedeutungs-Eigenschaften. Hier eben die Eigenschaft der Ironie.

Ein Bild, das selbst ironisch ist, weil es mit ironischer Intention geschaffen wurde, behält die Eigenschaft des Ironisch-Seins auch unter wechselnden Umständen und in wechselnden Situationen. Currie:

My proposal is, then, that a picture’s irony is origin-dominant just in case it has features expressive of an ironic intent. Such a picture simply is ironic, and remains so however circumstances change. (S. 155)

Fazit: Ein Bild ist dann selbst ironisch, wenn es Eigenschaften hat, die eine ironische Intention des Künstlers ausdrücken. – Klingt doch ganz gut, oder?

PS: Eine ähnliche Frage lässt sich in Bezug auf Musik stellen. Ist Schostakowitschs absichtlich plumpe 9. Symponie wirklich ironisch (nämlich eine Parodie auf Stalin und die stalinistischen Kunstvorstellungen)? Oder mein Lieblingsbeispiel: Alfred Schnittkes Version von “Stille Nacht”? Sind diese Stücke ironisch im Sinne von Currie bzw. sind sie überhaupt ironisch?

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