Das Töten von Hundewelpen und die Moral in der Geschichte

Das Gerichtsurteil, das nun einer Künstlerin verboten hat, im Rahmen einer Performance zwei Hundewelpen zu erdrosseln, und damit der Kunstfreiheit gewisse Grenzen gesetzt hat, halte ich für vollkommen richtig. Ich halte das auch nicht für besonders diskussionswürdig, sondern für sonnenklar. Was der ganze Wirbel um diese Performance aber zeigt, ist m.E., wie primitiv und provinziell die moralischen Vorstellungen vieler tatsächlich sind. Wenn in Spandau jemand zwei Hundewelpen erdrosseln will, dann geht ein ungeheurer Aufschrei durch die Öffentlichkeit, man findet das (zurecht) moralisch falsch, die Reaktionen im Internet sind heftig und reichen bis zu Aufrufen zum Mord an der Künstlerin. Wenn aber täglich und vermutlich stündlich oder minütlich weltweit Tiere ermordet werden, verhält man sich für gewöhnlich mehr oder weniger ignorant.

Das erinnert sehr an Peter Singers Gedankenexperiment vom ertrinkenden Kind: Wenn wir an einem Teich vorbeigehen, in dem gerade ein Kind zu ertrinken droht, dann würde jeder normale Mensch ohne Rücksicht darauf, sich die feinen Kleider zu ruinieren, das Kind retten. Man scheint hier einfach verpflichtet zu sein, das Kind zu retten, zumal der Aufwand und die Kosten nicht der Rede wert sind: ruinierte Kleider. Wenn aber irgendwo in der Welt Kinder sterben, die wir mit viel minimalerem Aufwand und minimaleren Kosten retten könnten, etwa indem wir ein paar Euro spenden, dann scheint die Bereitschaft, diese Leben zu retten, wesentlich geringer zu sein. Was beim Kind in unserer unmittelbaren Nähe wie eine moralische Pflicht aussieht, sieht bei Menschen außerhalb unseres Nahkreises wie eine bloße good-will-Aktion aus.

Es gibt aber aus moralischer Perspektive keinen Unterschied: In beiden Fällen sterben andere Menschen, obwohl wir dies verhindern könnten. Der einzige Unterschied besteht in der Kilometerzahl zwischen uns und den betroffenen Menschen bzw. (wie im Performance-Fall) den Tieren. Die Kilometerzahl bestimmt, wozu man sich moralisch verpflichtet fühlt. Absurd.

Das, was Singer mit seinem Gedankenexperiment zeigen wollte, will m.E. unter vielem anderen auch diese Performance zeigen: Dass die moralischen Gefühle vieler sich irrationalerweise auf Berlin-Spandau, aber nicht auf jedes leidensfähige Lebewesen erstrecken. Natürlich will sie das mit drastischen Mitteln zeigen, die nicht zu rechtfertigen sind. Aber dass die Performance auf diese Irrationalität hinweist, halte ich für einen sozusagen künstlerisch gelungenen Aspekt an dieser ganzen Geschichte.

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