Lärm um Adorno-Preis für Judith Butler

Judith Butler wird von vielen Philosophen nicht für voll genommen, wie auch Brian Leiter in einem jüngeren Blogpost andeutet, z.B. wenn er einen extrem Butler-kritischen Aufsatz von Martha Nussbaum verlinkt. Dennoch zollt er ihr Respekt für ihre jüngste Antwort, die sie auf einen kritischen Artikel der Jerusalem Post gebeben hatte, in dem ihr u.a. Antisemitismus und Unterstützung von Hamas und Hisbollah vorgeworfen wurde. Anlass war die Verleihung des Adorno-Preises an Butler. Alle links inklusive einer hübschen Beleidigung aus der Butler-Fangemeinde bei Leiter:

Und auch in Deutschland gibt’s Kontroversen: “Stadt Frankfurt verteidigt Judith Butler” titelt die ZEIT, “Schlammschlacht um Adorno-Preis” die SZ und in der taz wird auf eine spätere Richtigstellung ihrer Aussage hingewiesen, dass Hamas und Hisbollah “progressive” Bewegungen der Linken seien. Eine klare Distanzierung von solchen Organisationen scheint das allerdings auch nicht zu sein.

Nachtrag: Ein sehr lesenswerter Artikel dazu bei Blogkow.

Philosophische Interviews

In der letzten Zeit wurde gleich eine ganze Reihe von lesenswerten Interviews mit Philosophen veröffentlicht. Hier ein kurzer Überblick über die aus meiner Sicht interessantesten:

Peter Singer über rituelle Schlachtungen

Die gesellschaftliche Rolle der Religionen scheint für Philosophen zur Zeit ein interessantes Thema zu sein. Martha Nussbaum hat grad ein Büchlein über religiöse Intoleranz rausgehauen und hält demnächst auch zwei Vorlesungen in Köln über religiöse Toleranz (Hinweis via Theorieblog). Peter Singer argumentiert in einem Artikel für die Vereinbarkeit von Religionsfreiheit und dem Verzicht auf rituelle Schlachtungen ohne vorhergehende Betäubung:

Sein Argument lautet schlicht: Es gibt in keiner Religion ein Gebot, das Fleischkonsum gebietet. Daher kann man als Religiöser auch einfach völlig darauf verzichten, ohne in seiner Religionsausübung eingeschränkt zu werden:

But prohibiting the ritual slaughter of animals does not stop Jews or Muslims from practicing their religion. During the debate on the Party for the Animals’ proposal, Rabbi Binyomin Jacobs, Chief Rabbi of the Netherlands, told members of parliament: “If we no longer have people who can do ritual slaughter in the Netherlands, we will stop eating meat.” And that, of course, is what one should do, if one adheres to a religion that requires animals to be slaughtered in a manner less humane than can be achieved by modern techniques.

Neither Islam nor Judaism upholds a requirement to eat meat.

Einer der aktuellen Hintergründe zu diesem Artikel ist ein (mittlerweile gescheiterter) Gesetzantrag der Tierrechtspartei im niederländischen Parlament, nach dem rituelle Schlachtungen ohne vorhergehende Betäubung verboten werden sollten.

Dasselbe Argument wendet Singer auch auf vergleichbare Fälle an, etwa auf den Umstand, dass Obamas Krankenversicherung auch empfängnisverhütende Mittel umfasst, was den Katholiken als Betreibern öffentlicher Einrichtungen mal wieder nicht so passt. Aber, so Singer:

Likewise, the Obama administration’s requirement to provide health insurance that covers contraception does not prevent Catholics from practicing their religion. Catholicism does not oblige its adherents to run hospitals and universities. [...]

Of course, the Catholic Church would be understandably reluctant to give up its extensive networks of hospitals and universities. My guess is that, before doing so, they would come to see the provision of health-insurance coverage for contraception as compatible with their religious teachings. But, if the Church made the opposite decision, and handed over its hospitals and universities to bodies that were willing to provide the coverage, Catholics would still be free to worship and follow their religion’s teachings.

Singer beschließt seinen Artikel mit der Feststellung, dass die Berufung der Religionsvertreter auf die Religionsfreiheit in solchen und vergleichbaren Fällen ein Missbrauch des Rechtes auf Religionsfreiheit ist (“the appeal to religious freedom is being misused”), da letztere in den genannten Fällen in keiner Weise angetastet wird.

“Examined Life” – Dokumentarfilm über Philosophen und so ein paar andere

Der Dokumentarfilm “Examined Life” (2008) über eine Hand voll zeitgenössischer Philosophen und Pseudophilosophen ist bei youtube vollständig zu sehen:

Interviewt werden Cornel West, Avital Ronell, Peter Singer, Kwame Anthony Appiah, Martha Nussbaum, Michael Hardt, Slavoj Žižek und Judith Butler. Die Regisseurin Astra Taylor hatte im Jahr 2005 bereits den Film “Žižek!” gemacht (ebenfalls bei youtube zu sehen), und der hektische Žižek taucht ja auch in “Examined Life” auf (und erzählt auf, zugegeben, unterhaltsame Weise unglaublichen Blödsinn).  Mehr Infos zum Film bei Wikipedia. Dort wird auch eine Kritik des Films von der selbst portraitierten Martha Nussbaum verlinkt, die den Film eher für einen Verrat an der Philosophie hält als für eine gute Darstellung dessen, was Philosophie ausmacht:

Sie kritisiert – m.E. völlig zurecht – die Auswahl der vermeintlichen Philosophen, von denen sie einigen Folgendes attestiert:

They aren’t—even in their books—all that concerned with rigorous argument, or with the respectful treatment of opposing positions.

Quizfrage: Wer mag da wohl gemeint sein?

Und wenn ich das mal so zusammenhangslos bemerken darf, Judith Butler sieht aus wie der (großartige) Schauspieler Sven Lehmann vom Deutschen Theater Berlin.

Weibliche proofs-that-p gesucht

Im Feminist Philosophers-blog wird dazu aufgerufen, neue proofs-that-p beizusteuern, die von Frauen stammen. (Wer nicht weiß, was proofs-that-p sind, findet über den proofs-that-p-tag in meinem blog weitere links dazu.) Mein bisheriger Favorit ist der Martha-Nussbaum-proof-that-p:

Amartya Sen has always refused to admit that p. But Aristotle and Marx suggest that p is required for truly human flourishing! Therefore p.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 88 Followern an