Gerhard Ernst über die Objektivität der Moral

Leonie Seng hat auf SciLogs einen Philosophie-Podcast gestartet. In der ersten Folge interviewt sie Gerhard Ernst, Philosoph an der Uni Nürnberg:

Prima Projekt, dem viel Erfolg zu wünschen ist!

Der Ethikrat hat versagt

Der Ethikrat war eine gute Idee, aber spätestens mit der gestrigen Debatte zur Beschneidung ist klar, dass dieses Gremium als moralische Instanz versagt hat und das Steuergeld nicht wert ist. Der Ethikrat hat genau das getan, was der Bundestag bei seiner Debatte auch getan hat: Er hat eine von vornherein feststehende Position durchgedrückt. Und wozu braucht man einen Ethikrat, der anders als der Bundestag vom Druck unmittelbarer Konsequenzen einigermaßen befreit ist, wenn der einfach nur Bundestagsdebatten spiegelt? Worauf es ankäme, nämlich das bessere Argument gelten oder wenigstens zur Anhörung bringen zu lassen, scheint weder im Bundestag noch im Ethikrat besonders beliebt zu sein.

Die Zusammensetzung des Ethikrats ist ohnehin indiskutabel: Solang er von Theisten dominiert wird, die ihre Moral autoritätsgläubig von oben empfangen und nicht bereit sind, von göttlich festgelegten Vorschriften abzuweichen, wird es dort keine rationalen und moralischen Entscheidungen geben. Im Gegenteil: Durch den Ethikrat wird Religionsvertretern vielmehr die Möglichkeit gegeben, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Die Trennung von Staat und Kirche ist ohnehin in Deutschland noch nicht vollständig vollzogen (man denke allein an den staatlich organisierten und finanzierten Einzug der Kirchensteuer, die staatliche Bezahlung von kirchlichen Einrichtungen und Personal etc.), und der Ethikrat in seiner momentanen Form trägt allenfalls zur Verflechtung von Kirche und Staat bei.

Zeit, den Ethikrat abzuschaffen oder mit Leuten zu besetzen, die über Fragen der Moral noch wirklich rational diskutieren wollen. Es bietet sich z.B. eine Gruppe an, die der Staat extra dafür bezahlt, um über moralische Fragen rational nachzudenken, ohne sich dabei durch göttliche Einflüsterer leiten zu lassen: Moralphilosophen. Es mag irrwitzig klingen, aber warum sollte man einen nennenswerten Teil des Ethikrats nicht mal zur Abwechslung mit Leuten besetzen, die sich professionell mit Ethik auseinandersetzen und die nicht alle Mitglieder in religiösen Clubs wie Donum Vitae, Cusanuswerk etc. sind?

(Mehr zum Beschneidungsurteil hier.)

Rezension von Bernard Williams “Der Begriff der Moral”

Im Philosophieblog ist seit kurzem wieder etwas mehr Bewegung und es erscheinen ab und zu wieder Artikel. Zuletzt hat Helmut Hofbauer einen modernen Klassiker der Moralphilosophie rezensiert – Bernard Williams Der Begriff der Moral. Eine Einführung in die Ethik (1976):

Sind Ethikprofessoren moralischer?

Eric Schwitzgebel und Joshua Rust haben eine empirische Studie auf die Beine gestellt, in der untersucht wird, ob sich Professoren für Ethik moralischer verhalten als andere Menschen. (Ein Vorstudie hatte ich bereits hier erwähnt.) Die Antwort lautet natürlich “nein”. Das Abstract:

We examine the self-reported moral attitudes and moral behavior of 198 ethics professors, 208 non-ethicist philosophers, and 167 professors in departments other than philosophy on eight moral issues: academic society membership, voting, staying in touch with one’s mother, vegetarianism, organ and blood donation, responsiveness to student emails, charitable giving, and honesty in responding to survey questionnaires. On some issues we also had direct behavioral measures that we could compare with self-report. Ethicists expressed somewhat more stringent normative attitudes on some issues, such as vegetarianism and charitable donation. However, on no issue did ethicists show significantly better behavior than the two comparison groups. Our findings on attitude-behavior consistency were mixed: Ethicists showed the strongest relationship between behavior and expressed moral attitude regarding voting but the weakest regarding charitable donation.

Ein Entwurf der noch nicht veröffentlichten Studie kann hier heruntergeladen werden.

Es gibt keine guten Argumente für ein Verbot von Inzest

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat vor kurzem bestätigt, dass Inzest ein strafbares Vergehen darstellt. Ich glaube, dass es dafür kein gutes Argument gibt. In der Süddeutschen Zeitung hieß es zur Urteilsbegründung:

Karlsruhe berief sich auf eine “kulturhistorisch begründete, nach wie vor wirkkräftige gesellschaftliche Überzeugung”, Straßburg begnügte sich mit dem Hinweis auf die Inzest-Strafbarkeit in der Mehrheit der Mitgliedsstaaten des Europarats.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/inzest-urteil-in-strassburg-warum-das-inzestverbot-widersinnig-ist-1.1331288-2

Aber seit wann spielen (wie eigentlich ermittelte?) “gesellschaftliche Überzeugungen” eine Rolle für die Begründung von Gerichten? Bei solchen Urteilen kann es nicht um abstruse Mehrheitsmeinungen gehen, sondern darum, ob Inzest aus irgendwelchen Gründen moralisch problematisch ist und daher rechtliche Konsequenzen gezogen werden sollten. Und was heißt „kulturhistorisch begründet“? „Kulturhistorisch begründet“ dürfte auch die Diskriminierung von Frauen oder Homosexuellen sein, und sicher werden sich auch heute noch genug Leute finden, die der Überzeugung sind, Frauen dürften dem Mann nicht gleichgestellt sein oder Homosexualität sei moralisch verwerflich. – Das können keine sinnvollen Gründe für eine rechtliche Entscheidung über solche Fragen sein.

Das Inzestverbot widerspricht stattdessen dem Recht auf freie Selbstbestimmung und schützt nicht Ehe und Familie. Im Gegenteil: Im Falle des Klägers wurde gerade aufgrund des Verbots eine Familie auseinandergerissen und Kinder von ihren Eltern getrennt bzw. ins Heim gegeben. Auch ist nicht einzusehen, wieso sich der Staat ausgerechnet hier in die privatesten Angelegenheiten seiner Bürger einmischen sollte, während er dies bei ähnlich gelagerten, auch nicht gerade auf breite Akzeptanz stoßenden Fällen selbstverständlich nicht tut. (Z.B. gibt es zu Recht kein Gesetz, das Sex zwischen 18- und 80-jährigen verbietet, auch wenn das vermutlich den moralischen Überzeugungen vieler Menschen – aus welchen abstrusen Gründen auch immer – zuwiderläuft.)

Man kann so ein Verbot auch nicht vom ethischen Empfinden abhängig machen. Bei mir ruft der Gedanke an Inzest alles andere als angenehme Gefühle hervor. Aber das zählt nicht. Emotionen können weder moralische noch rechtliche Grundsätze legitimieren.

Als Grund für das Verbot wird auch das erhöhte Risiko von Erbschäden angeführt. Helmut Kerscher in der SZ hält dazu fest:

Das erhöhte Risiko von Erbschäden rechtfertigt kein strafrechtliches Verbot.

Oder will irgendjemand weiteren Risikogruppen, etwa Frauen über 40 oder Menschen mit Erbkrankheiten, die Fortpflanzung bei Strafe verbieten? Will jemand im Jahr 2012 erwartbare Behinderungen bei Strafe verhindern und damit behinderten Kindern das Lebensrecht absprechen? Absurd.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/inzest-urteil-in-strassburg-warum-das-inzestverbot-widersinnig-ist-1.1331288

Ähnlich auch Parvin Sadigh in der ZEIT:

Die Begründung, die uns als erstes einfällt, sind die behinderten Kinder, die aus einer solchen Beziehung eventuell hervorgehen könnten. Auch zwei der Kinder des Klägerpaares sind behindert. Aber diese Begründung trägt nicht. Denn Menschen mit Behinderungen können sich ebenfalls entscheiden, Kinder zu bekommen, selbst wenn zu erwarten steht, dass sie ihre Krankheit weiter vererben. Wir wären zu Recht empört, wenn sie dafür eingesperrt würden. Gleiches gilt für Mütter, die während der Schwangerschaft rauchen und trinken. Wir versuchen, sie davon zu überzeugen, es zu lassen – aber niemand steckt sie deshalb ins Gefängnis.

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2012-04/inzestverbot-kommentar

Beiden ist zuzustimmen: Wenn man akzeptiert, dass das höhere Risiko für Erbschäden ein Grund für ein ‚Beischlafverbot‘ wäre, dann würde dieser Grund auch in vielen weiteren, nicht inzestuösen Fällen gelten – was in der Tat zu „absurden“ Konsequenzen führen würde.

Zudem: Irgendwann dürfte es ohnehin medizintechnisch möglich sein, Erbschäden frühzeitig pränataldiagnostisch festzustellen und dadurch unnötiges Leid zu verhindern. Bis sich dieses Denken durchsetzt, wird es natürlich noch eine Zeit brauchen, wie ja schon die peinlichen Diskussionen zur Präimplantationsdiagnostik zeigen. Vor allem die christlich geprägten Bevölkerungsschichten wehren sich ja noch vehement dagegen, mit den verfügbaren medizinischen und technischen Mitteln unnötiges Leid zu vermeiden.

Im Philosophendeutsch heißt das: Alle Begründungen für das Inzestverbot enthalten logische Fehlschlüsse. Die Berufung des Gerichtshofes auf vermeintliche tatsächliche moralische Überzeugungen und auf kulturhistorische Fakten stellt einen Verstoß gegen Humes Gesetz dar. Ebenso die Berufung auf moralische Emotionen. Und das Erbfolgeschäden-Argument kann anhand einer reductio ad absurdum zumindest ins Wanken gebracht werden. (Ich schließe nicht aus, dass die Möglichkeit von Erbfolgeschäden durchaus ernstgenommen werden sollte. Aber sie legitimiert zumindest kein umfassendes Beischlaf-Verbot in inzestuösen Partnerschaften, so wie dies zur Zeit in Deutschland geltendes Recht ist.)

Ich schließe mich dem Urteil von Parvin Sadigh an:

Das Inzestverbot stützt sich auf ein Tabu, das noch in unseren Köpfen existiert, gesellschaftlich aber nicht mehr relevant ist.

Interview mit Peter Singer

Ein spaßiges Interview mit Peter Singer, in dem es u.a. um seine Ansichten zu Abtreibung, Euthanasie, Tierrechten, dem Verhältnis von Religion und Moral und die Frage nach universalen ethischen Prinzipien geht:

Der offensichtlich gläubige Interviewer scheint ziemlich empört zu sein, dass Singer weder an Gott glaubt noch akzeptiert, dass es, selbst wenn es einen Gott gäbe, irgendwelche Konsequenzen für die Moral hätte.

Anfänge der Moral #1 – R.M. Hare: “Moral Thinking”

Der blinde Hund lebt seinen Sammlertrieb aus: Ich sammle ab jetzt hier Zitate aus den ersten Seiten von moralphilosophischen Büchern, die in irgendeiner Weise die Bedeutsamkeit des Nachdenkens über moralische Fragen oder die Problemlage illustriert, auf die das jeweilige Buch eine Reaktion darstellt. Ich weiß noch nicht, ob da was Interessantes rauskommt, aber man kann’s ja einfach mal versuchen.

Ich fange an mit dem 1981 erschienenen Buch Moral Thinking. Its Levels, Method and Point von R.M. Hare, dessen Auftakt mir aus irgendeinem Grund enorm imponiert hat:

“I offer this book to the public now rather than later, not because I think it needs no improvement, but because of a sense of urgency – a feeling that if these ideas were understood, philosophers might do more to help resolve important practical issues. These are issues over which people are prepared to fight and kill one another; and it may be that unless some way is found of talking about them rationally and with hope of agreement, violence will finally engulf the world. Philosophers have in recent years become increasingly aware of the role that they might have in preventing this; but they have lacked any clear idea of what constitutes a good argument in practical questions. Often they are content with appeals to their own or others’ intuitions and prejudices; and since it is these prejudices which fuelled the violence in the first place, this is not going to help.”

(R.M. Hare: Moral Thinking, Oxford 1981, S. 1)

Juhuu! – Paul Boghossian spricht bei “Philosophy Bites” über moralischen Relativismus

Gib’s den elenden Relativisten, Paul! In den Staub mit ihnen!

In aller Bescheidenheit verweise ich auch auf meinen Blogeintrag hier.

 

Intuitionen sind keine Argumente (ein Nachtrag zum Folter-Gedankenexperiment)

Da mir vor kurzem anlässlich dieses Gedankenexperimentes attestiert wurde, ich würde mich pro Folter aussprechen, würde Argumente für die Legitimität der Folter geben usw. -  was nicht stimmte, was aber, hätte ich solche Argumente tatsächlich gegeben, auch nicht so dramatisch wäre; denn wenn Argumente logisch korrekt und die Prämissen wahr sind, dann hat es keinen Sinn, sich gegen gültige Argumente aufzulehnen; und wenn die Argumente falsch sind, dann umso besser! Argumente per se sind allerdings nie schlimm – , hier nochmal was zum Unterschied von Intuitionen und Argumenten.

Wenn ich eine Intuition artikuliere, dann sage ich etwas darüber aus, was mir persönlich als wahrscheinlich erscheint, ohne dass ich dafür bereits ausreichende Gründe angeben könnte. Ich sage nicht, was wahr oder richtig ist, sondern was meinem subjektiven Gefühl nach wahr oder richtig sein könnte. Ich gebe also einer Vermutung Ausdruck, ohne dass ich die Wahrheit dieser Vermutung schon begründet oder belegt hätte. Ich stelle also keinerlei These über die Welt auf und postuliere auch keine moralischen Normen oder Werte. Wer z.B. wie ich die Intuition äußert “Meiner Intuition nach ist Folter in manchen Situationen legitim”, hat damit noch kein Argument pro Folter gegeben und auch keine moralische These aufgestellt.

Ein Argument wie…

(P1) Meiner Intuition nach ist Folter in manchen Situationen legitim.

(K) Also ist Folter in manchen Situationen tatsächlich legitim.

… ist schlicht kein Argument. Nicht nur fehlt eine Prämisse (P2): “Wenn etwas meiner Intuition nach legitim ist, ist es tatsächlich legitim.” – Diese Prämisse (P2) ist zu allem Überfluss auch noch grotesk falsch. Ich hatte nun weder diese Prämisse noch dieses völlig bescheuerte Argument vertreten.

Dennoch sind Intuitionen in vielen Hinsichten wichtig für unsere Argumentationen und Theorien, und daher kann es extrem sinnvoll sein, seine Intuitionen zu artikulieren und zu schauen, wie viel sie wert sind. Wichtig sind Intuitionen allerdings nicht in dem Sinne, dass Intuitionen Argumente oder Theorien wahr oder falsch machen – denn das ist offensichtlich nicht der Fall: Die Leute hatten zum Beispiel Ewigkeiten lang die Intuition gehabt, die Erde sei eine Scheibe. Sieht ja auch verflucht flach aus. Nur macht diese Intuition die Theorie, dass die Erde flach ist, nicht wahr. Später fand man nämlich heraus, dass die Erde mehr oder weniger rund und diese Intuition falsch ist. – Wir lernen daraus: Intuitionen (subjektive Vermutungen) können sich als unbegründete Vermutungen herausstellen. Und jeder, der etwas als Intuition äußert, weiß das auch. Die kritische Prüfung seiner Vermutung steht nämlich noch aus.

Intuitionen sind vielmehr in dem Sinne wichtig, als dass sie ab und zu ganz gute Gradmesser dafür abgeben können (aber nicht müssen!), ob unsere Theorien und Thesen wahr sind oder nicht. Es kann ein Vorteil sein, wenn unsere philosophischen Überzeugungen z.B. im Bereich der Moral mit unseren Intuitionen übereinstimmen. Z.B. wäre erstmal jede Moralphilosophie unter Verdacht, wenn sie die Unterdrückung von Minderheiten fordert. Die Unterdrückung von Minderheiten geht vollkommen gegen unsere Intuitionen. Intuitionen machen aber ethische Thesen nicht wahr oder falsch, genauso wenig wie sie naturwissenschaftliche Theorien über die Form der Erde wahr oder falsch machen. Sie können dies schon allein deswegen nicht, weil verschiedene Leute mitunter unterschiedliche, vielleicht sogar sich völlig widersprechende Intuitionen haben.

Manchmal haben wir auch Intuitionen, die miteinander inkompatibel sind, und das merken wir nicht immer, vor allem im Bereich der Moral. Moralische Dilemma-Gedankenexperimente wie hier können helfen, dass man sich seiner widersprüchlichen Intuitionen bewusst wird. Viele Menschen haben z.B. folgende Intuitionen:

(I 1) Es ist immer und überall inakzeptabel, jemanden zu foltern.

(I 2) Es ist immer und überall geboten, alles zu tun, um Menschen vor dem Tod zu retten.

(I 1) und (I 2) sind zum Glück ziemlich verbreitete Intuitionen, sie haben einige Plausibilität und widersprechen sich auch auf den ersten Blick nicht, und viele dürften mit mir darüber einstimmen, dass wir vermuten dürfen, dass beide Intuitionen etwas moralisch Richtiges zum Ausdruck bringen. Nun kann es aber zu Situationen kommen, wo (I 1) und (I 2) sich gegenseitig im Wege stehen. Das Paradebeispiel ist: Ein böser Bombenleger hat irgendwo eine Atombombe versteckt, die eine komplette Großstadt in die Luft jagen wird, wenn sie nicht rechtzeitig entschärft wird. (I 2) sagt uns, dass wir die Menschen der Großstadt unbedingt retten sollten. Wenn aber – so will es das Gedankenexperiment – die absolut einzige Möglichkeit, das Versteck der Bombe herauszukommen, darin besteht, den gefangen genommenen Bombenleger zu foltern, dann hätten wir im Einklang mit (I 2) einen guten Grund, den Mann tatsächlich zu foltern – was aber zu einem Konflikt mit (I 1) führt. (I 1) und (I 2), die auf den ersten Blick völlig kompatibel zu sein schienen, führen also in manchen Situationen zu Konflikten. Das Dilemma zeigt uns also, dass mit unseren Intuitionen entweder etwas nicht so recht stimmen kann (möglicherweise sind sie falsch) oder wir sie zumindest gewichten müssten.

Wie auch immer man auf das Gedankenexperiment reagieren mag: Ein Argument pro oder kontra Folter folgt daraus nicht. Das Gedankenexperiment kann lediglich den Anstoß dazu geben, sich Gedanken darüber zu machen, ob Intuitionen wie (I 1) oder (I 2) möglicherweise eingeschränkt oder ob sie vielleicht sogar komplett zurückgewiesen werden müssen. Nicht mehr, nicht weniger.

Fazit: Wenn ich also in einem Gedankenexperiment wie dem in meinem Blog verlinkten eine Intuition artikuliere, dass es mir in gewissen Situationen legitim zu sein scheint, Folter anzuwenden (nämlich dann, wenn dadurch und nur dadurch eine riesige Katastrophe verhindert werden kann), dann behaupte ich damit noch lange nicht, dass Folter in diesen Situationen tatsächlich legitim ist. Das müsste man nämlich erst philosophisch prüfen, und zwar ziemlich sorgfältig.

Eigentlich ziemlich trivial das alles. Aber es schien mir doch wichtig zu sein, auf diesen einfachen Umstand nochmal so klar wie möglich hinzuweisen.

PS: Manche scheinen der Auffassung zu sein, über Dinge wie die Legitimität der Folter dürfe man nicht diskutieren, das sei irgendwie unstatthaft. Und wer darüber diskutiere, würde wohl bald auch über die Legitimität von Vernichtungslagern diskutieren und eigne sich als Angestellter in repressiven Systemen. Ich halte das natürlich für Unfug. Für viel gefährlicher als die Offenheit vernünftiger Diskussion halte ich unbegründet dogmatische Diskussionsverbote.

Kann Folter unter gewissen Umständen moralisch legitim sein?

Dankbarerweise hat ein Kommentator meines blogs hier auf eine wirklich gelungene Seite hingewiesen, auf der man überprüfen kann, inwiefern die eigenen moralischen Überzeugungen und Intuitionen konsistent sind – oder aber sich widersprechen.

Ich hoffe, die englische Sprache bedeutet für niemanden ein Hindernis. Alles läuft auf die Frage hinaus, ob man unter bestimmten Umständen bereit wäre, Folter zu akzeptieren. Bei mir kam heraus: Ja, würde ich. Meine Antworten kann man unten im Screenshot nachlesen. Vielleicht hat ja jemand Lust, den Test zu machen, hier seine Antworten zu posten und zu kommentieren, warum er sich so und nicht anders entschieden hat.

der blinde Hund ist für Folter

der blinde Hund ist für Folter

Boghossian in der NYT über moralischen Relativismus

Paul Boghossian in der New York Times über moralischen Relativismus:

Für diejenigen, die seine Arbeiten zum Thema Relativismus schon kennen, steht nicht viel Neues drin – es ist eine essayistische Kurzfassung seines Aufsatzes Three Kinds of Relativism, der dieses Jahr im Blackwell Companion to Relativism, herausgegeben von Steven D. Hales, erschien. Dennoch ist der Artikel – wie alles von ihm – empfehlenswert, da er seine Position kurz, präzise und unterhaltsam zusammenfasst. Er zeigt darin, welche Probleme man sich einhandelt, wenn man die Rede von absoluten Moraltatsachen aufgibt, und statt dessen einen moralischen Relativismus (“Handlung H ist richtig oder falsch nur relativ zu Moralcode M, nicht aber absolut richtig oder falsch.”) oder sogar einen Nihilismus/Eliminativismus (“Sowas wie ‘richtig’ und ‘falsch’ gibt es überhaupt nicht.”) befürwortet.

Weitere Publikationen von Boghossian, z.T. online verfügbar, findet man auf seiner Homepage. Weiterführend zum Thema sind insbesondere die Aufsätze Three Kinds of Relativism (2011) und What is Relativism? (2006), sowie grundsätzlich sein schmales Büchlein Fear of Knowledge (2006), das für mich das beste philosophische Buch ist, das ich seit langem gelesen habe.

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