Da mir vor kurzem anlässlich dieses Gedankenexperimentes attestiert wurde, ich würde mich pro Folter aussprechen, würde Argumente für die Legitimität der Folter geben usw. - was nicht stimmte, was aber, hätte ich solche Argumente tatsächlich gegeben, auch nicht so dramatisch wäre; denn wenn Argumente logisch korrekt und die Prämissen wahr sind, dann hat es keinen Sinn, sich gegen gültige Argumente aufzulehnen; und wenn die Argumente falsch sind, dann umso besser! Argumente per se sind allerdings nie schlimm – , hier nochmal was zum Unterschied von Intuitionen und Argumenten.
Wenn ich eine Intuition artikuliere, dann sage ich etwas darüber aus, was mir persönlich als wahrscheinlich erscheint, ohne dass ich dafür bereits ausreichende Gründe angeben könnte. Ich sage nicht, was wahr oder richtig ist, sondern was meinem subjektiven Gefühl nach wahr oder richtig sein könnte. Ich gebe also einer Vermutung Ausdruck, ohne dass ich die Wahrheit dieser Vermutung schon begründet oder belegt hätte. Ich stelle also keinerlei These über die Welt auf und postuliere auch keine moralischen Normen oder Werte. Wer z.B. wie ich die Intuition äußert “Meiner Intuition nach ist Folter in manchen Situationen legitim”, hat damit noch kein Argument pro Folter gegeben und auch keine moralische These aufgestellt.
Ein Argument wie…
(P1) Meiner Intuition nach ist Folter in manchen Situationen legitim.
(K) Also ist Folter in manchen Situationen tatsächlich legitim.
… ist schlicht kein Argument. Nicht nur fehlt eine Prämisse (P2): “Wenn etwas meiner Intuition nach legitim ist, ist es tatsächlich legitim.” – Diese Prämisse (P2) ist zu allem Überfluss auch noch grotesk falsch. Ich hatte nun weder diese Prämisse noch dieses völlig bescheuerte Argument vertreten.
Dennoch sind Intuitionen in vielen Hinsichten wichtig für unsere Argumentationen und Theorien, und daher kann es extrem sinnvoll sein, seine Intuitionen zu artikulieren und zu schauen, wie viel sie wert sind. Wichtig sind Intuitionen allerdings nicht in dem Sinne, dass Intuitionen Argumente oder Theorien wahr oder falsch machen – denn das ist offensichtlich nicht der Fall: Die Leute hatten zum Beispiel Ewigkeiten lang die Intuition gehabt, die Erde sei eine Scheibe. Sieht ja auch verflucht flach aus. Nur macht diese Intuition die Theorie, dass die Erde flach ist, nicht wahr. Später fand man nämlich heraus, dass die Erde mehr oder weniger rund und diese Intuition falsch ist. – Wir lernen daraus: Intuitionen (subjektive Vermutungen) können sich als unbegründete Vermutungen herausstellen. Und jeder, der etwas als Intuition äußert, weiß das auch. Die kritische Prüfung seiner Vermutung steht nämlich noch aus.
Intuitionen sind vielmehr in dem Sinne wichtig, als dass sie ab und zu ganz gute Gradmesser dafür abgeben können (aber nicht müssen!), ob unsere Theorien und Thesen wahr sind oder nicht. Es kann ein Vorteil sein, wenn unsere philosophischen Überzeugungen z.B. im Bereich der Moral mit unseren Intuitionen übereinstimmen. Z.B. wäre erstmal jede Moralphilosophie unter Verdacht, wenn sie die Unterdrückung von Minderheiten fordert. Die Unterdrückung von Minderheiten geht vollkommen gegen unsere Intuitionen. Intuitionen machen aber ethische Thesen nicht wahr oder falsch, genauso wenig wie sie naturwissenschaftliche Theorien über die Form der Erde wahr oder falsch machen. Sie können dies schon allein deswegen nicht, weil verschiedene Leute mitunter unterschiedliche, vielleicht sogar sich völlig widersprechende Intuitionen haben.
Manchmal haben wir auch Intuitionen, die miteinander inkompatibel sind, und das merken wir nicht immer, vor allem im Bereich der Moral. Moralische Dilemma-Gedankenexperimente wie hier können helfen, dass man sich seiner widersprüchlichen Intuitionen bewusst wird. Viele Menschen haben z.B. folgende Intuitionen:
(I 1) Es ist immer und überall inakzeptabel, jemanden zu foltern.
(I 2) Es ist immer und überall geboten, alles zu tun, um Menschen vor dem Tod zu retten.
(I 1) und (I 2) sind zum Glück ziemlich verbreitete Intuitionen, sie haben einige Plausibilität und widersprechen sich auch auf den ersten Blick nicht, und viele dürften mit mir darüber einstimmen, dass wir vermuten dürfen, dass beide Intuitionen etwas moralisch Richtiges zum Ausdruck bringen. Nun kann es aber zu Situationen kommen, wo (I 1) und (I 2) sich gegenseitig im Wege stehen. Das Paradebeispiel ist: Ein böser Bombenleger hat irgendwo eine Atombombe versteckt, die eine komplette Großstadt in die Luft jagen wird, wenn sie nicht rechtzeitig entschärft wird. (I 2) sagt uns, dass wir die Menschen der Großstadt unbedingt retten sollten. Wenn aber – so will es das Gedankenexperiment – die absolut einzige Möglichkeit, das Versteck der Bombe herauszukommen, darin besteht, den gefangen genommenen Bombenleger zu foltern, dann hätten wir im Einklang mit (I 2) einen guten Grund, den Mann tatsächlich zu foltern – was aber zu einem Konflikt mit (I 1) führt. (I 1) und (I 2), die auf den ersten Blick völlig kompatibel zu sein schienen, führen also in manchen Situationen zu Konflikten. Das Dilemma zeigt uns also, dass mit unseren Intuitionen entweder etwas nicht so recht stimmen kann (möglicherweise sind sie falsch) oder wir sie zumindest gewichten müssten.
Wie auch immer man auf das Gedankenexperiment reagieren mag: Ein Argument pro oder kontra Folter folgt daraus nicht. Das Gedankenexperiment kann lediglich den Anstoß dazu geben, sich Gedanken darüber zu machen, ob Intuitionen wie (I 1) oder (I 2) möglicherweise eingeschränkt oder ob sie vielleicht sogar komplett zurückgewiesen werden müssen. Nicht mehr, nicht weniger.
Fazit: Wenn ich also in einem Gedankenexperiment wie dem in meinem Blog verlinkten eine Intuition artikuliere, dass es mir in gewissen Situationen legitim zu sein scheint, Folter anzuwenden (nämlich dann, wenn dadurch und nur dadurch eine riesige Katastrophe verhindert werden kann), dann behaupte ich damit noch lange nicht, dass Folter in diesen Situationen tatsächlich legitim ist. Das müsste man nämlich erst philosophisch prüfen, und zwar ziemlich sorgfältig.
Eigentlich ziemlich trivial das alles. Aber es schien mir doch wichtig zu sein, auf diesen einfachen Umstand nochmal so klar wie möglich hinzuweisen.
PS: Manche scheinen der Auffassung zu sein, über Dinge wie die Legitimität der Folter dürfe man nicht diskutieren, das sei irgendwie unstatthaft. Und wer darüber diskutiere, würde wohl bald auch über die Legitimität von Vernichtungslagern diskutieren und eigne sich als Angestellter in repressiven Systemen. Ich halte das natürlich für Unfug. Für viel gefährlicher als die Offenheit vernünftiger Diskussion halte ich unbegründet dogmatische Diskussionsverbote.
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