Vorlesungsmanuskripte zur Sprachphilosophie, Ontologie, Ästhetik und mehr

Ich habe schon ab und zu erwähnt, dass ich die Arbeiten von Maria Reicher-Marek (derzeit RWTH Aachen) für sehr lesenswert halte. Sie gehört nämlich zu den Philosophen, bei denen man sofort merkt, dass sie einem als Leser etwas erklären wollen und sich darum bemühen, so verständlich und klar wie möglich zu schreiben – eine Tugend, die man bei deutschsprachigen Philosophen immer noch viel zu selten findet. Und natürlich kennt sie sich auch sehr gut mit dem aus, worüber sie schreibt, und das sind in erster Linie sprachphilosophische, ontologische und ästhetische Theorien. Auf der Institutshomepage der Universität Graz, wo sie früher lehrte, gibt es einige Vorlesungsmanuskripte von ihr zum Download:

Im Angebot sind Vorlesungen zur Sprachphilosophie, Ästhetik, Ontologie, zur Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart. Die Vorlesung zur Philosophie der Gegenwart beginnt bei Brentano und endet bei Searle. Der Titel ist ein bisschen irreführend, denn natürlich geht es nicht um alles, was in der Gegenwartsphilosophie je diskutiert wurde, sondern vor allem um Theorien der Intentionalität, der Bedeutung und um die Debatten um Eigennamen. Nicht alles ist ausführlich behandelt (z.B. wird Quines behavioristische Bedeutungstheorie nur ganz kurz gestreift) , aber ich habe doch einiges gelernt, etwa über Strawsons Kritik an Russells Theorie der Kennzeichnungen, Quines Kritik an der Analytisch-Synthetisch-Unterscheidung oder Kripkes “Kausaltheorie der Eigennamen”.

Die Einführung in die Ontologie fand ich vor allem deswegen interessant, weil man viel über Alexius Meinong lernen kann, der ja hierzulande (jedenfalls nach meiner Wahrnehmung) noch zu den unbekannteren und vielleicht sogar vergessenen Philosophen gehört. Meinong hat eine ziemlich merkwürdige Ontologie vertreten, mit realen und idealen Gegenständen und Objekten und Objektiven. Warum das attraktiv sein kann, kann man in der Vorlesung sehen.

Also, wer gute Einführungen in die genannten Themengebiete sucht, dem seien diese Vorlesungen empfohlen.

Dinge gibt’s, die gibt’s gar nicht

In einer der letzten Ausgaben von PhilosophyBites sprach Tim Crane (Cambridge) über nicht-existente Dinge:

Dieses Thema ist eng gekoppelt an Probleme der Wahrheitstheorie und der Ontologie fiktiver Gegenstände. Daher geht es auch um die Frage, wie Sätze über fiktive Gegenstände wahr sein können – Sätze wie “Narnia ist ein Land, das von Aslan erschaffen wurde.” Ebenso geht es um Aussagen über Vergangenes und die (typische Philosophen-)Frage, ob die Vergangenheit existiert. Abschließend spricht Crane über die Relevanz solcher Fragen für die Philosophie des Geistes, insbesondere für die Intentionalität. Und selbstverständlich geht’s auch um Gott, das nicht-existierende Objekt par excellence. – Schöne kurze Einführung in Problemchen, die man mit Pegasus, Narnia, Gott, Sherlock Holmes und vergleichbaren Gesellen haben kann.

Tim Crane existiert übrigens im November für eine Weile in Tübingen, und zwar hier.

Philosophus dixit #3

Was haben Jimmy Carter, ein Shirt, der Mann zu meiner Rechten und Du, geneigter Leser, gemeinsam? Richtig, sie alle sind unvollständige Gegenstände und nicht absolut mit sich selbst identisch:

I do not deny that ontologically complete objects exist, and that the concept of absolute Leibnizian identity applies to them. But [...] the overwhelming majority of the objects actually referred to, objects such as Jimmy Carter, this shirt, the man on my right, etc., are not ontologically complete. The concept of identity which applies to them is not absolute identity.

(Eddy M. Zemach 1982: Schematic Objects and Relative Identity, in: Nous 16, S.295.)

Wieder was gelernt.

Mal wieder was zur Ontologie von Kunstwerken

Was sind eigentlich die Identitätsbedingungen von Richard Strauss’ Also Sprach Zarathustra?

Ontologische Probleme mit Henry James’ “The Ambassadors”

Ein interessanter Fall: Henry James hat zwei Versionen seines Romans “The Ambassadors” autorisiert bzw. zumindest nicht beanstandet, als er sie kritisch durchsah. Die Versionen unterscheiden sich dadurch, dass jeweils zwei Kapitel vertauscht sind und es in der einen Fassung zu chronologischen Ungereimtheiten kommt, in der anderen nicht.

Wie viele Werke von Henry James namens “The Ambassadors” gibt es?

Wieder mal was zur Ontologie von Kunstwerken

Was ist denn nun ein Kunstwerk, ein Set, eine Summe oder ein type (und wenn ja, dann welcher type: ein herkömmlicher oder ein action type)? – Diese Fragen hat sich ja sicher jeder schon mal gestellt. Was für ein Glück, dass dieser Blogeintrag mal ein paar Antwortmöglichkeiten bietet!

Kunstwerke gibt’s solche und solche. Es gibt z.B. solche, die es zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort nur jeweils ein einziges Mal gibt. Dazu gehören z.B. Statuen oder Werke der Malkunst. Und dann gibt es solche, von denen es sozusagen zur selben Zeit mehrere Erscheinungen oder, um mal einen Philosophenbegriff zu gebrauchen, mehrere “Instantiierungen” geben kann. Dazu gehören z.B. Theaterstücke oder Symphonien, die immer wieder neu und sogar zeitgleich aufgeführt (instantiiert) werden können und trotzdem immer noch ein und dasselbe Kunstwerk sind.

Picasso - Guernica

Picasso - Guernica

Die eben gemachte Unterscheidung ist nicht unumstritten. Philosophen wie Anthony Savile, Eddie Zemach, Maria Reicher-Marek oder Gregory Currie haben z.B. behauptet, alle Kunstwerke könnten prinzipiell mehrmals instantiiert werden. So kann es laut Currie z.B. mehrere Instantiierungen von Picassos Guernica geben. Hier möchte ich mich um diese Diskussion jedoch nicht kümmern, sondern ausschließlich um letztere Art von Kunstwerken, also Kunstwerke, die unbestrittenerweise mehrere Instantiierungen haben können. Was heißt es z.B., dass verschiedene Aufführungen von Hamlet Aufführungen eines Kunstwerks sind? Was genau ist also in solchen Fällen eigentlich “das Kunstwerk”?

Auf diese Fragen wurden durch Kunstphilosophen verschiedene Antworten gegeben. Eine davon, die man als Set-Theorie bezeichnen könnte, lautet überraschenderweise so: Kunstwerke sind Sets. Und zwar Sets (bzw. Mengen) von Instantiierungen. Beispielsweise ist das Kunstwerk Hamlet das Set bzw. die Menge aller Aufführungen von Hamlet. Diese Auffassung bringt allerdings ein paar Probleme mit sich. Das Hauptproblem ist, dass ein Set definiert ist durch die in ihr enthaltenen Objekte. Wenn allerdings immer weitere Objekte (nämlich Aufführungen) zur Menge hinzukommen, dann gibt es mit jeder Aufführung von Hamlet ein neues Kunstwerk namens Hamlet (= ein neues Set bzw. eine neue Menge). Das kann man berechtigterweise blöd finden.

Dann gibt’s die Summen-Theorie, die gewissermaßen eine Rettung der Set-Theorie darstellen soll. Die Summen-Theorie besagt, ein Kunstwerk wäre die Summe aller Instantiierungen. Hamlet wäre in dem Fall die Summe aller Hamletaufführungen. Auch diese Theorie hat ihre Schwierigkeiten. Wären Kunstwerke Summen von Instantiierungen (Aufführungen), gäbe es nie ein vollständiges Kunstwerk, da alle zukünftigen Instantiierungen die Summe verändern und vergrößern würden. Shakespeares Hamlet wäre demnach bis heute kein vollständiges Werk. Das ist natürlich extrem unplausibel.

Hamlet

Hamlet

Dann gibt es Theorien, die behaupten, Kunstwerke seien irgendetwas im Bewusstsein des Künstlers. Auch diese Theorien sind extrem unplausibel. Wenn ein Kunstwerk sozusagen aus Bewusstseinszuständen oder Vorgängen im Bewusstsein des Künstlers besteht, dann haben wir zwar den Vorteil, ziemlich gut erklären zu können, warum Hamlet genau ein Werk ist – denn es gibt nur einen Schöpfer von Hamlet, Shakespeare, und dessen Bewusstseinszustände beim Schreiben von Hamlet sind einzigartig. Wir haben allerdings auch das große Problem, dass Bewusstseinsvorgänge auch irgendwann wieder enden. Wenn Kunstwerke Bewusstseinszustände sind, dann hat Hamlet aufgehört zu existieren, als Shakespeare mit dem Schreiben des Hamlets fertig war.

Die wohl verbreitetste und m.E. auch plausibelste Theorie lässt sich als type-Theorie bezeichnen (einer der Hauptvertreter dürfte vielleicht Richard Wollheim sein, aber auch Reicher-Marek, Currie u.a. vertreten diese Theorie in allerdings sehr voneinander verschiedenen Spielarten). Type-Theorien bauen auf eine begriffliche Unterscheidung zwischen sogenannten types und sogenannten tokens auf, die Charles Sanders Peirce eingeführt hat. (Zur Erläuterung verlinke ich hier nur mal auf den Wiki-Eintrag, sonst würde der Artikel zu lang werden.) Types sind abstrakte Gegenstände, also Dinge, die zwar existieren, aber nicht raum-zeitlich lokalisierbar sind. Zu den abstrakten Gegenständen gehören z.B. auch Zahlen. Die “2″ als type bzw. abstrakter Gegenstand ist z.B. kein raum-zeitlicher Gegenstand, auch wenn es natürlich dauernd Instantiierungen bzw. tokens der 2 geben kann – Instantiierungen bzw. tokens der “2″ sind dann schlicht geschriebene Zahlzeichen. Weitere Kandidaten für abstrakte Gegenstände sind z.B. Gedanken oder auch ganze Theorien – oder eben Kunstwerke.

Probleme für type-Theorien

Type-Theorien scheinen alle ein mächtiges Problem zu haben. Wir stehen nämlich in mehreren Hinsichten in kausalem Kontakt zu Kunstwerken: Wir nehmen Kunstwerke wahr, hören sie, sehen sie, reagieren auf sie. Types sind aber abstrakte Gegenstände, und zu abstrakten Gegenständen (also nicht raum-zeitlichen, nicht wahrnehmbaren Dingen) können wir nicht in kausalem Kontakt stehen. Eine Variante dieses Problems – darauf wies ich bereits im letzten Beitrag zu diesem Problem hin – ist der Umstand, dass Kunstwerk so auch nicht geschaffen oder zerstört werden können (Nicholas Wolterstorff z.B. vertritt diese Ansicht). Zumindest ist es erklärungsbedürftig, was es heißt, dass jemand ein abstraktes Objekt schafft oder zerstört. – Man kann dieses Problem auch so formulieren, dass laut type-Theorie Kunstwerke überhaupt nicht zur Geschichte dazugehören, keine geschichtlichen Dinge sind. Das widerspricht nun allerdings völlig unserem Alltagsverständnis von Kunstwerken, die wir immer in irgendeinem historischen Kontext sehen. – Ein weiteres Problem (auch mit den obigen verwandt): Das Kunstwerk Guernica hat räumliche Eigenschaften, es hat eine bestimmte Größe, ist rechtwinklig usw. Es ist aber vollkommen unklar, wie ein type – der ja kein räumliches Ding ist – räumliche Eigenschaften haben sollte.

Beethoven - schafft oder entdeckt gerade die Neunte

Beethoven - schafft oder entdeckt gerade die Neunte

Ich weiß nicht genau, was ich von all dem halten soll. Ich tendiere dazu, Theorien abzulehnen, welche die Rede vom Erschaffen eines Kunstwerks verwerfen. Es ist ziemlich kontraintuitiv zu behaupten, Kunstwerke würden nicht geschaffen, sondern z.B. “entdeckt”. Letzteres würde einen auch auf sehr komische Thesen verpflichten, z.B. dass es Beethovens Neunte schon immer gab, sogar schon bevor Beethoven die Neunte schrieb. Klingt ziemlich abstrus. Außerdem glaube ich auch, dass zumindest manche Kunstwerke (wie Guernica) physikalische Eigenschaften haben, die notwendigerweise zu ihm als Kunstwerk dazugehören. Wenn ein Kunstwerk ein abstrakter Gegenstand oder ein type ist, kann er aber keine physikalischen Eigenschaften mehr haben.

Es gibt type-Theorie-Vertreter, nach denen diese Probleme nicht auftreten sollten. Maria Reicher-Marek z.B. behauptet, abstrakte Gegenstände (und daher auch types) werden durch intentionale Akte geschaffen. Ich kann mir zum Beispiel eine Theorie, sagen wir mal die Relativitätstheorie, oder auch nur einen einzelnen Gedanken ausdenken, und damit schaffe ich sozusagen den abstrakten Gegenstand “Relativitätstheorie”. Genauso bei Kunstwerken, die als types verstanden werden. – Wenn ich Zeit habe, werde ich zu Reicher-Mareks sehr interessanter Position noch etwas schreiben. Empfehlen kann ich nur allerwärmstens ihre Einführung in die philosophische Ästhetik (damals noch unter dem Namen Reicher veröffentlicht), einem der klarsten und sauber argumentierendsten deutschsprachigen Bücher zur Ästhetik, das ich kenne.

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