John M. Ellis und die Definition von Literatur
28. Mai 2012 6 Kommentare
In The Philosophy of Literature (2009), einem exzellenten Buch über philosophische Probleme im Zusammenhang mit Literatur, diskutiert Peter Lamarque im zweiten Kapitel eine Reihe von Versuchen, den Begriff “Literatur” zu definieren. Grob gesagt unterscheidet er drei Ansätze:
(1) Nach dem ersten wird versucht, Literatur über formale (sprachliche) Eigenschaften von Texten zu definieren. Literarische Text sind demzufolge auf eine ganz besondere Weise sprachlich gestaltet, verfügen über eine besondere “Dichte” oder ähnliches.
(2) Nach einem zweiten Ansatz wird Literatur durch das Merkmal der Fiktionalität definiert. Demgemäß sind alle fiktionalen Texte Literatur.
(3) Dem dritten Definitionsansatz zufolge sind es nicht spezielle Eigenschaften des Textes, die diesen zu einem literarischen machen. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie ein Text behandelt wird (welche Rolle er also in der gesellschaftlichen Praxis und im Rahmen gesellschaftlicher Institutionen wie etwa dem Kunstbetrieb spielt), die bestimmt, ob er als Literatur gilt oder nicht. Solche Ansätze kann man als “institutionale Ansätze” bezeichnen. (Zu institutionellen Definitionen von Kunst im allgemeinen vgl. auch hier.)
Alle diese Ansätze haben ihre jeweiligen Vor- und Nachteile und Lamarque stellt diese und ihre jeweiligen Vertreter vor und diskutiert sie fair und in zumeist sehr nachvollziehbarer Weise. Auf S.56f. diskutiert und kritisiert er einen Definitionsversuch von John M. Ellis, den er als Vorläufer institutioneller Ansätze charakterisiert. Ich hatte allerdings Probleme, Ellis’ Definition und Lamarques Kritik daran zu verstehen. Ellis definiert Literatur wie folgt:
“Literary texts are defined as those that are used by the society in such a way that the text is not taken as specifically relevant to the immediate context of its origin.” (zitiert nach Lamarque 2009, S.56)
[Literarische Texte werden als solche Texte definiert, die durch die Gesellschaft in einer solchen Art und Weise behandelt werden, dass der Text nicht als besonders relevant für seinen unmittelbaren Entstehungskontext angesehen wird. - (meine Übersetzung)]
Meine Übersetzung ist nicht besonders elegant. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar. Am schwierigsten zu verstehen ist die Formulierung “not taken as specifically relevant to the immediate context of its origin”. Ellis scheint damit zu meinen: Wenn wir einen Text als literarischen Text behandeln, dann behandeln wir ihn so, als wäre es verhältnismäßig egal, in welchen konkreten Kontexten er ursprünglich stand. Ein antikes Drama hatte vielleicht eine spezielle Funktion innerhalb religiöser Rituale. Diese ursprüngliche Funktion kann heute völlig egal sein, wenn wir das Drama als literarisches Werk rezipieren.
Lamarque deutet die Definition noch etwas anders. Er gibt das Beispiel von Shakespeares Sonett Nr. 18, Shall I compare thee to a summer’s day? Lamarque kommentiert: Wenn wir Shakespeares Sonett lesen, dann denken wir nicht, dass die Frage des ersten Verses eine wirkliche Antwort verlangt. Diese Frage ist abgelöst vom normalen, konkreten Kommunikationskontext. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit des Lesers auf sozusagen kontextunabhängige, allgemeine Aspekte – etwa die Schönheit der Sprache, die Melodik, das übergeordnete Thema des Gedichts usw.
Ich bin mir nicht sicher, wie die Definition richtig zu verstehen ist. Wie auch immer, Lamarque kritisiert jedenfalls die Definition in verschiedenen Hinsichten. In einem Kritikpunkt bezieht er sich auf Ellis’ Behauptung (die wohl als Erläuterung seiner Definition zu verstehen ist), dass wir das, was in literarischen Texten gesagt wird, nicht als konkrete Handlungsaufforderungen verstehen (“we no longer accept any information offered as something to act upon, nor do we act on its exhortations and imperatives.” – zitiert nach Lamarque 2009, S.57).
Man kann sich das so klar machen: Wenn wir ein Mahnschreiben im Briefkasten finden, dann verstehen wir das als Aufforderung, endlich unsere Schulden zu bezahlen. Der Text (das Mahnschreiben) hat dann eine ganz konkrete Funktion in unserem Leben und der Entstehungskontext des Texts ist extrem relevant, um dessen Sinn zu verstehen. Wenn wir dagegen ein Mahnschreiben als literarischen Text lesen (z.B. in einem Roman: sagen wir mal, der Held darin erhält ein Mahnschreiben, das wörtlich wiedergegeben wird), dann versteht dies natürlich niemand als Handlungsaufforderung dazu, die eigenen Schulden zu bezahlen. (Ein noch besseres Beispiel wäre vielleicht Peter Handkes berühmtes Gedicht Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968. – “Taken as” Zeitungsartikel ist das natürlich keine Literatur; “taken as” ein Bestandteil eines Handke’schen Gedichtbandes ist es Literatur – nicht die Eigenschaften des Textes, sondern der Umgang mit ihm machen ihn zu Literatur.)
Lamarques Haupteinwand lautet:
Some literary works do seem to offer “exhortations and imperatives” to be acted on. Dickens might be dismayed to think that Hard Times no longer possessed its moral function in rousing awareness of harsh social conditions. Admittedly the conditions to which he was referring obtained in Victorian England but that fact should not be lost or sidelined in appreciating the novel as literature. (S.57)
Mir ist nicht klar, ob das wirklich ein Einwand gegen Ellis’ Definition ist. Denn Ellis sagt ja (nach meinem Verständnis) genau das: Wenn man Dickens’ Hard Times als Literatur behandelt, dann scheint der “context of origin” nicht mehr von besonders hervorstechender Bedeutung zu sein. Selbstverständlich aber ist Hard Times auch heute noch Literatur, vollkommen unabhängig davon, ob heute noch Viktorianische Zustände herrschen oder nicht. Ellis’ Definition scheint das durchaus zuzulassen.
Falls jemand Kommentare dazu hat, freue ich mich.

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