John M. Ellis und die Definition von Literatur

In The Philosophy of Literature (2009), einem exzellenten Buch über philosophische Probleme im Zusammenhang mit Literatur, diskutiert Peter Lamarque im zweiten Kapitel eine Reihe von Versuchen, den Begriff “Literatur” zu definieren. Grob gesagt unterscheidet er drei Ansätze:

(1) Nach dem ersten wird versucht, Literatur über formale (sprachliche) Eigenschaften von Texten zu definieren. Literarische Text sind demzufolge auf eine ganz besondere Weise sprachlich gestaltet, verfügen über eine besondere “Dichte” oder ähnliches.

(2) Nach einem zweiten Ansatz wird Literatur durch das Merkmal der Fiktionalität definiert. Demgemäß sind alle fiktionalen Texte Literatur.

(3) Dem dritten Definitionsansatz zufolge sind es nicht spezielle Eigenschaften des Textes, die diesen zu einem literarischen machen. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie ein Text behandelt wird (welche Rolle er also in der gesellschaftlichen Praxis und im Rahmen gesellschaftlicher Institutionen wie etwa dem Kunstbetrieb spielt), die bestimmt, ob er als Literatur gilt oder nicht. Solche Ansätze kann man als “institutionale Ansätze” bezeichnen. (Zu institutionellen Definitionen von Kunst im allgemeinen vgl. auch hier.)

Alle diese Ansätze haben ihre jeweiligen Vor- und Nachteile und Lamarque stellt diese und ihre jeweiligen Vertreter vor und diskutiert sie fair und in zumeist sehr nachvollziehbarer Weise. Auf S.56f. diskutiert und kritisiert er einen Definitionsversuch von John M. Ellis, den er als Vorläufer institutioneller Ansätze charakterisiert. Ich hatte allerdings Probleme, Ellis’ Definition und Lamarques Kritik daran zu verstehen. Ellis definiert Literatur wie folgt:

“Literary texts are defined as those that are used by the society in such a way that the text is not taken as specifically relevant to the immediate context of its origin.” (zitiert nach Lamarque 2009, S.56)

[Literarische Texte werden als solche Texte definiert, die durch die Gesellschaft in einer solchen Art und Weise behandelt werden, dass der Text nicht als besonders relevant für seinen unmittelbaren Entstehungskontext angesehen wird. - (meine Übersetzung)]

Meine Übersetzung ist nicht besonders elegant. Für Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar. Am schwierigsten zu verstehen ist die Formulierung “not taken as specifically relevant to the immediate context of its origin”. Ellis scheint damit zu meinen: Wenn wir einen Text als literarischen Text behandeln, dann behandeln wir ihn so, als wäre es verhältnismäßig egal, in welchen konkreten Kontexten er ursprünglich stand. Ein antikes Drama hatte vielleicht eine spezielle Funktion innerhalb religiöser Rituale. Diese ursprüngliche Funktion kann heute völlig egal sein, wenn wir das Drama als literarisches Werk rezipieren.

Lamarque deutet die Definition noch etwas anders. Er gibt das Beispiel von Shakespeares Sonett Nr. 18, Shall I compare thee to a summer’s day? Lamarque kommentiert: Wenn wir Shakespeares Sonett lesen, dann denken wir nicht, dass die Frage des ersten Verses eine wirkliche Antwort verlangt. Diese Frage ist abgelöst vom normalen, konkreten Kommunikationskontext. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit des Lesers auf sozusagen kontextunabhängige, allgemeine Aspekte – etwa die Schönheit der Sprache, die Melodik, das übergeordnete Thema des Gedichts usw.

Ich bin mir nicht sicher, wie die Definition richtig zu verstehen ist. Wie auch immer, Lamarque kritisiert jedenfalls die Definition in verschiedenen Hinsichten. In einem Kritikpunkt bezieht er sich auf Ellis’ Behauptung (die wohl als Erläuterung seiner Definition zu verstehen ist), dass wir das, was in literarischen Texten gesagt wird, nicht als konkrete Handlungsaufforderungen verstehen (“we no longer accept any information offered as something to act upon, nor do we act on its exhortations and imperatives.” – zitiert nach Lamarque 2009, S.57).

Man kann sich das so klar machen: Wenn wir ein Mahnschreiben im Briefkasten finden, dann verstehen wir das als Aufforderung, endlich unsere Schulden zu bezahlen. Der Text (das Mahnschreiben) hat dann eine ganz konkrete Funktion in unserem Leben und der Entstehungskontext des Texts ist extrem relevant, um dessen Sinn zu verstehen. Wenn wir dagegen ein Mahnschreiben als literarischen Text lesen (z.B. in einem Roman: sagen wir mal, der Held darin erhält ein Mahnschreiben, das wörtlich wiedergegeben wird), dann versteht dies natürlich niemand als Handlungsaufforderung dazu, die eigenen Schulden zu bezahlen. (Ein noch besseres Beispiel wäre vielleicht Peter Handkes berühmtes Gedicht Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968. – “Taken as” Zeitungsartikel ist das natürlich keine Literatur; “taken as” ein Bestandteil eines Handke’schen Gedichtbandes ist es Literatur – nicht die Eigenschaften des Textes, sondern der Umgang mit ihm machen ihn zu Literatur.)

Lamarques Haupteinwand lautet:

Some literary works do seem to offer “exhortations and imperatives” to be acted on. Dickens might be dismayed to think that Hard Times no longer possessed its moral function in rousing awareness of harsh social conditions. Admittedly the conditions to which he was referring obtained in Victorian England but that fact should not be lost or sidelined in appreciating the novel as literature. (S.57)

Mir ist nicht klar, ob das wirklich ein Einwand gegen Ellis’ Definition ist. Denn Ellis sagt ja (nach meinem Verständnis) genau das: Wenn man Dickens’ Hard Times als Literatur behandelt, dann scheint der “context of origin” nicht mehr von besonders hervorstechender Bedeutung zu sein. Selbstverständlich aber ist Hard Times auch heute noch Literatur, vollkommen unabhängig davon, ob heute noch Viktorianische Zustände herrschen oder nicht. Ellis’ Definition scheint das durchaus zuzulassen.

Falls jemand Kommentare dazu hat, freue ich mich.

Was kam nach Aristoteles? Nix?

Täusche ich mich eigentlich oder ist nach Aristoteles’ Poetik erstmal jahrtausendelang kein Buch mehr geschrieben worden, das man als literaturphilosophisch beschreiben könnte? Mir fällt jedenfalls nix ein. Vielleicht gibt’s so richtige Literaturphilosophie sogar erst wieder seit dem 20. Jahrhundert, wenn man mal die ganzen Poetiken im Stile von Opitz, Gottsched unc Co. weglässt. Das wäre eine ziemlich lange Pause.

Noël Carroll im Interview über die Philosophie der Kunst

Themen sind die Bedeutung der Neurowissenschaften und psychologischer Untersuchungen für die Philosophie der Kunst, die Autonomie, die gesellschaftliche Rolle und evolutionäre Aspekte der Kunst:

Interessant fand ich z.B. die Parallele zwischen Sport und Kunst:

One way of thinking about the arts, although it’s not the only way, is the way we think about sports. We’re interested in sports because one thing that athletes do is to exemplify things that we all do, albeit in a magnified fashion. We all run and jump, we all walk; but athletes do it at levels that sometimes define the new limits of these human capacities.

In terms of artistic practice, we all talk, but poets raise language to its highest form of expression; you may sing in the shower, but divas show us what singing can be; we all jump and skip and maybe even do a bit of shaking of our bottoms, but ballet dancers do it at a different level of achievement. We all make puns but Joyce does it at a truly dazzling level of accomplishment.

What artists do is different in degree not kind from what we all do. So it would be very bizarre to think that these arts were born in complete separation from other kinds of human practices. Rather art is on a continuum with the ordinary.

Und gut zu wissen: Es gibt eine “Pamela Anderson Theory of Art”!

Kunsterfahrung mit und ohne Unterbrechungen

Kaum jemand liest einen Roman am Stück, sondern verteilt über mehrere Tage oder sogar Wochen. Ein musikalisches Werk dagegen scheint man im Großen und Ganzen nur dann genießen zu können, wenn man es kontinuierlich hört, ohne Unterbrechungen. Woran liegt das? Warum ist es beim Lesen von Romanen unproblematisch, ja sogar reizvoll (weil spannungserhöhend), mit Unterbrechungen zu lesen, beim Hören von Musik aber nicht?

Ich habe keine Antwort darauf, aber die Frage fand ich interessant. Sie ist einer Rezension von David Davies zu einem Buch von Peter Kivy entnommen.

Vorlesung über philosophische Probleme der Literaturinterpretation

Eine sehr gelungene Einführung in Probleme der Analytischen Philosophie der Literatur – insbesondere zur Frage, welche Rolle Autorintentionen für das Interpretieren literarischer Werke spielen – findet sich in einer Vorlesungsreihe zur Philosophischen Ästhetik, die auf den Seiten der University of Oxford als Podcast angeboten wird:

Ich meine die sechste Vorlesung, “Literary Interpretation”, die anderen Vorlesungen sind aber sicher genauso hörenswert, alle gehalten von James Grant.

Die Ausgangsfrage der Vorlesung ist, was eigentlich die Bedeutung eines literarischen Werkes festlegt. Von dieser Frage ausgehend gibt Grant einen Überblick über die wichtigsten Antworten, die darauf gegeben wurden, und die sich alle mehr oder weniger als anti-intentionalistische (= Wenn wir die Werkbedeutung herausbekommen wollen, ist völlig egal, was der Autor mit seinem Werk intendierte) oder intentionalistische Positionen (= Wenn wir die Werkbedeutung herausbekommen wollen, dann müssen wir in irgendeiner Weise auf die Absichten des Autors rekurrieren) klassifizieren lassen.

Am Ende kommt noch ein neues Thema auf den Tisch, das ich am interessantesten fand, da ich mit der vorangehenden Intentionalismus-Debatte eigentlich recht vertraut bin. Grant diskutiert nämlich, ob es überhaupt Sinn macht, von soetwas wie einer Werkbedeutung zu sprechen. Denn während es noch ziemlich leicht über die Lippen geht, von der Bedeutung von Gedichten, Theaterstücken und Romanen so ganz allgemein zu sprechen, klingt es schon ziemlich komisch, wenn jemand fragt: “Was ist die Bedeutung von Hamlet?” – “Was ist die Bedeutung der Todesfuge?” – “Was ist die Bedeutung vom Zauberberg?” Die Bedeutungsfrage scheint sich eher bei einzelnen Sätzen, Passagen oder Metaphern zu stellen, beim ganzen Werk allerdings ist da möglicherweise Vorsicht geboten.

Die Podcast-Seiten der Universitäten von Oxford und Cambridge habe ich in meine Link-Sammlung aufgenommen, da ist für jeden was dabei.

Sind anachronistische Interpretationen in manchen Fällen zulässig?

Vor kurzem habe ich mit einem Freund gequatscht, der meinte, dass er es gar nicht so klar fände, dass anachronistische Literaturinterpretationen unzulässig sind. Das hat mich ziemlich verwundert. Für mich scheint irgendwie sonnenklar zu sein, dass literarische Werke nicht auf Ereignisse Bezug nehmen können, die nach ihrer Erschaffung geschehen sind. Ich finde das so klar, dass ich dafür nicht mal eine explizite Begründung fordern würde.

Bild, das nichts mit dem Artikel zu tun hat (damit hier nicht nur so viel Text steht)

Das Beispiel meines Freundes war: Nehmen wir mal an, man interpretiert Shakespeares Hamlet so, dass darin der Ödipus-Komplex thematisiert wird. Der Ödipus-Komplex ist aber etwas, das erst Sigmund Freud im 20. Jahrhundert beschrieben oder vielleicht auch entdeckt hat. In diesem Fall – so meinte er – scheint doch eine anachronistische Interpretation legitim sein können.

Ich würde darauf aber antworten, dass die Interpretation “In Hamlet wird der Ödipus-Komplex thematisiert” keinerlei Bezug auf Freuds Handlungen im 20. Jahrhundert hat. Das meinen wir mit so einer Interpretation nicht. Freud hat nur einfach den Begriff für ein so und so definiertes Phänomen geprägt, das es auch unabhängig von Freuds zufälligem bzw. arbiträren Begriff “Ödipus Komplex” gibt (oder geben kann), und zwar selbstverständlich auch schon lange bevor Freud diesen Begriff dafür einführte. Daher kann auch in Hamlet der Ödipus-Komplex thematisiert werden, da das mit dem Begriff “Ödipus-Komplex” Bezeichnete auch schon zu Shakespeares Zeiten thematisiert werden konnte. Es liegt also keine anachronistische Interpretation vor, auch wenn das auf der Sprachoberfläche vielleicht so aussehen mag.

Das Beispiel funktioniert also meiner Meinung nach nicht. Aber vielleicht gibt es andere. Wie seht ihr das, fällt jemandem vielleicht irgendein Fall einer anachronistischen Interpretation ein, die was für sich hat?

Gregory Currie über “pretended learning” beim Lesen von Literatur

Gregory Currie, über den ich hier schonmal etwas geschrieben hatte, hat in der Times einen Artikel darüber geschrieben, ob und was und wie wir von Literatur etwas über die menschliche Psyche lernen können:

Das Ganze endet mit einem Vorschlag, mit welcher Haltung wir Literatur lesen sollten, wenn wir daraus in psychologischer Hinsicht etwas lernen möchten:

So here’s a suggestion about how to read the literary canon. Treat it as an exercise in pretence, accepting as a basic rule for the pretence the reliability of the point of view from which the work is given. Accept, as part of your pretence, that people are basically as the work suggests they are. Using the framework, you may then ask questions about the motivations of characters, the aptness of their images and feelings, probing the depths of their psyches in ways you could never hope to do in reality, achieving a high level of self-forgetful absorption in the pretence of learning. [...]

We can allow the pretence to get a little more complex. One of the pleasures of fiction is deciding that the author got this character’s motives wrong. Now people can be wrong by their own lights; wrong for reasons they find significant, though they think there is some way round the objection. But we can even challenge the authorial framework, engaging with him or her about whether some reshaping of the narrative would better illuminate a motive or an action, going head-to-head with the author in a contest of two thoroughly ill-founded pictures of how the mind works. [...]

The suggestion is that we give up the idea that what is going on in literature-land is true learning, and make do with the pleasures of pretended learning.

Nicht, dass ich das verstehe, aber klingt nicht uninteressant. Wichtig scheint ihm der Gedanke zu sein, dass das Literaturlesen eine Art ungefährliches Testgelände ist, auf dem man Verhaltensweisen beobachten, studieren und kritisieren kann. Dennoch sollten wir laut Currie wohl nicht erwarten, durch Literatur besonders tiefe psychologische Einblicke  zu bekommen und mehr zu lernen als etwa durch die wissenschaftliche psychologische Forschung. An Stelle von “learning” benutzt Currie den Begriff “pretended learning” – aber mir ist nicht völlig klar, wie das genau gemeint ist.

Kann man sagen, wovon ein Gedicht handelt?

T.S. Eliot wiederholte auf die Frage, was sein Vers “Lady, three white leopards sat under a juniper tree in the cool of the day…” bedeutet, schlicht nur exakt diesen Vers. Er hielt Gedichte für nicht übersetzbar bzw. nicht paraphrasierbar.

Ich persönlich habe die Intuition, dass das nicht stimmt und dass man eine ganze Menge sinnvoller Dinge über die Bedeutung von Gedichten (oder Literatur im allgemeinen) sagen kann, ohne deren Bedeutung prinzipiell zu verfehlen. Im blog der New York Times hat Ernie Lepore versucht, für die Eliot-Position zu argumentieren. Zentral für sein Argument ist der Begriff der “Artikulation” (articulation). Tauscht man z.B. in einem Gedicht ein Wort durch ein synonymes Wort aus, ändert sich laut Lepore zwar nicht die Bedeutung des Gedichtes, aber dessen Artikulation:

Of course, we can introduce a new expression to mean exactly whatever an old expression means but since poems can be about their own articulations, substituting synonyms will not result in an exact paraphrase or translation. To do so requires not only synonymies but also identical articulations, and only repetition ensures this end.

Was genau er unter Artikulation versteht, wird für mich aus dem Artikel nicht ganz deutlich, aber wohl  so etwas wie Rhythmus, Metrum, Reim, Klang usw. Lepores Hauptthese ist jedenfalls, dass jede Paraphrase, selbst die durch bloße Synonyme, das Thema des Gedichts verfehlt:

Since synonym substitution in a poem can change meter or rhyme, etc., to the extent that poems are about their own articulation they prohibit paraphrase and translation. Accordingly, as with other forms of mentioning, any effort at re-articulation inevitably changes the topic.

Mir kommt das etwas merkwürdig vor. Am Anfang des Artikels geht es noch um die Bedeutung (meaning) eines Gedichtes, dann wird plötzlich gesagt, dass wir diese Bedeutung verfehlen, weil wir die Artikulation des Gedichts nicht abbilden können – selbst wenn wir es durch bedeutungsgleiche (!) Wörter ersetzen (und Lepore sagt ja, dass sich durch Synonymersetzung die Bedeutung nicht ändert: “… mean exactly whatever an old expression means”). Hinzu kommt die m.E. in unbegründete Behauptung, dass Gedichte “are about their own articulation”, sich also selbst zum Thema hätten. Aber stimmt das denn so generell? Und warum können wir nicht schlicht beschreiben bzw. paraphrasieren, was ein Gedicht bedeutet und wie die Artikulation zur Bedeutung des Gedichts beiträgt (so wie Lepore das z.B. in den letzten Absätzen des Artikels mit E.A. Poes Gedicht The Raven macht)? Verwechselt Lepore da nicht etwas, nämlich die Interpretation von Gedichten einerseits, und Reformulierung andererseits?

Über Meinungen zum Thema der Bedeutung von Gedichten freue ich mich, auch wenn sie nicht auf diesen Lepore-Artikel Bezug nehmen.

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