Boghossian und Weihnachten

Der Suhrkamp-Verlag macht endlich mal wieder was Sinnvolles – und bringt voraussichtlich Mitte nächsten Jahres Paul Boghossians Buch Fear of Knowledge in deutscher Übersetzung heraus, übersetzt von Jens Rometsch und mit einem Nachwort von Markus Gabriel:

Warum es in Deutschland Angst vor der Wahrheit und nicht Angst vor dem Wissen heißen wird, weiß ich nicht. Vermutlich klingt ersteres schmissiger, und falsch ist es ja auch nicht.

Falls jemand noch ein Gegengift gegen postmodernen Wissensskezptizismus, Tatsachenkonstruktivismus und Relativismus braucht: Fear of Knowledge liegt gut in der Hand, ist preisgünstig, kurzweilig und wohlriechend, kurz: das ideale Weihnachtsgeschenk!

A propos: Haben meine Leser weitere Vorschläge für philosophische Weihnachtsgeschenke?

Intuitionen, Wahrheit und Lehnstühle – Herman Cappelen im Interview

In der letzten Zeit erscheint auf 3:AM alle paar Tage ein neues ausführliches und stets unterhaltsames Interview mit renommierten Philosophen. Auf fast jedes Interview würde es sich hinzuweisen lohnen. Ich möchte nur eines der letzten herauspicken, das Interview mit Herman Cappelen:

Cappelen ist eine wichtige Stimme in der Debatte um Intuitionen. Gerade in der analytisch geprägten Philosophiewelt scheint der appeal to intuition ziemlich verbreitet zu sein, und Cappelen will zeigen, dass dieser Schein trügt. Sein Buch Philosophy Without Intuitions ist gegen ein solches Bild von der Philosophie gerichtet. Wie es zu diesem falschen Bild kam, versucht Cappelen auf interessante Weise zu erklären:

How the misconception became so widespread so fast is a bit of a mystery. In the first chapter of the book, I consider a few theories, but no one of them strikes me as entirely satisfying. I think one important factor is what I call the ‘verbal virus’: at some point in the 70s some influential philosophers starting using terms like “intuitively, blah…” a lot, and somehow the use of those terms spread – it became a fashionable way to speak. The use of those terms made some people think that they were relying on intuitions as evidence.

Außerdem stellt Cappelen kurz und knackig seine monistische Wahrheitskonzeption vor, die er in diesem feinen Buch hier gemeinsam mit John Hawthorne ausgearbeitet hat. Der wahrheitstheoretische Monismus geht davon aus, dass “wahr” bzw. “falsch” einstellige Prädikate sind. Anders gesagt: Das Wahrheitsprädikat selbst ist nicht relativ zu irgendetwas anderem, sei es relativ zu Sprecherperspektiven, zu Kulturen, zu möglichen Welten etc. Jüngeren relativistischen Theorien, wie sie z.B. John MacFarlane, Max Kölbel, Andy Egan, Brian Weatherson und andere in den letzten Jahren ausgearbeitet haben, sagt Cappelen damit den Kampf an.

Außerdem plädiert er für das angenehme Lehnstuhlphilosophieren und hat für die empirische Experimentalphilosophie folgenden Kommentar übrig:

a complete waste of time

Unterhaltsam und lehrreich, was will man mehr!

Philosophus dixit #1

A writer who says that there are no truths, or that all truth is ‘merely relative,’ is asking you not to believe him. So don’t.

(Roger Scruton: Modern Philosophy, Random House UK 2004, S.6.)

Juhuu! – Paul Boghossian spricht bei “Philosophy Bites” über moralischen Relativismus

Gib’s den elenden Relativisten, Paul! In den Staub mit ihnen!

In aller Bescheidenheit verweise ich auch auf meinen Blogeintrag hier.

 

Hat die Philosophie irgendeine Relevanz für’s Leben?

Meine Güte, Stanley Fish ist nun wirklich so blöde. Aber eins muss man ihm lassen, er weiß seit gut 50 Jahren, wie man öffentliche Reaktionen provoziert. Gerade diskutiert ein Teil der philosophischen Bloggerwelt seine These, dass die Philosophie schlicht keinen Einfluss auf das alltägliche Leben außerhalb der philosophischen Institute hätte. Und heute hat er nachgelegt:

Für mich steht völlig außer Frage, dass philosophische Gedanken auch das Alltagsleben beeinflussen, wenn auch nicht unbedingt in messbarer Weise und erst recht nicht so, dass man sagen könnte “Joschka Fischer hat Handlung H vollzogen, weil er im Flugzeug Kant gelesen hat”. Nun gut.

PS 1: Paul Boghossian (siehe meinen blog-Eintrag neulich) hat auf Fish geantwortet: hier. Wie Boghossian den Fish zerlegt, ist köstlich.

PS 2: Links zur Fish-Debatte für die Interessierten:

Boghossian in der NYT über moralischen Relativismus

Paul Boghossian in der New York Times über moralischen Relativismus:

Für diejenigen, die seine Arbeiten zum Thema Relativismus schon kennen, steht nicht viel Neues drin – es ist eine essayistische Kurzfassung seines Aufsatzes Three Kinds of Relativism, der dieses Jahr im Blackwell Companion to Relativism, herausgegeben von Steven D. Hales, erschien. Dennoch ist der Artikel – wie alles von ihm – empfehlenswert, da er seine Position kurz, präzise und unterhaltsam zusammenfasst. Er zeigt darin, welche Probleme man sich einhandelt, wenn man die Rede von absoluten Moraltatsachen aufgibt, und statt dessen einen moralischen Relativismus (“Handlung H ist richtig oder falsch nur relativ zu Moralcode M, nicht aber absolut richtig oder falsch.”) oder sogar einen Nihilismus/Eliminativismus (“Sowas wie ‘richtig’ und ‘falsch’ gibt es überhaupt nicht.”) befürwortet.

Weitere Publikationen von Boghossian, z.T. online verfügbar, findet man auf seiner Homepage. Weiterführend zum Thema sind insbesondere die Aufsätze Three Kinds of Relativism (2011) und What is Relativism? (2006), sowie grundsätzlich sein schmales Büchlein Fear of Knowledge (2006), das für mich das beste philosophische Buch ist, das ich seit langem gelesen habe.

Popper über Relativismus

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