Der Ethikrat hat versagt

Der Ethikrat war eine gute Idee, aber spätestens mit der gestrigen Debatte zur Beschneidung ist klar, dass dieses Gremium als moralische Instanz versagt hat und das Steuergeld nicht wert ist. Der Ethikrat hat genau das getan, was der Bundestag bei seiner Debatte auch getan hat: Er hat eine von vornherein feststehende Position durchgedrückt. Und wozu braucht man einen Ethikrat, der anders als der Bundestag vom Druck unmittelbarer Konsequenzen einigermaßen befreit ist, wenn der einfach nur Bundestagsdebatten spiegelt? Worauf es ankäme, nämlich das bessere Argument gelten oder wenigstens zur Anhörung bringen zu lassen, scheint weder im Bundestag noch im Ethikrat besonders beliebt zu sein.

Die Zusammensetzung des Ethikrats ist ohnehin indiskutabel: Solang er von Theisten dominiert wird, die ihre Moral autoritätsgläubig von oben empfangen und nicht bereit sind, von göttlich festgelegten Vorschriften abzuweichen, wird es dort keine rationalen und moralischen Entscheidungen geben. Im Gegenteil: Durch den Ethikrat wird Religionsvertretern vielmehr die Möglichkeit gegeben, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Die Trennung von Staat und Kirche ist ohnehin in Deutschland noch nicht vollständig vollzogen (man denke allein an den staatlich organisierten und finanzierten Einzug der Kirchensteuer, die staatliche Bezahlung von kirchlichen Einrichtungen und Personal etc.), und der Ethikrat in seiner momentanen Form trägt allenfalls zur Verflechtung von Kirche und Staat bei.

Zeit, den Ethikrat abzuschaffen oder mit Leuten zu besetzen, die über Fragen der Moral noch wirklich rational diskutieren wollen. Es bietet sich z.B. eine Gruppe an, die der Staat extra dafür bezahlt, um über moralische Fragen rational nachzudenken, ohne sich dabei durch göttliche Einflüsterer leiten zu lassen: Moralphilosophen. Es mag irrwitzig klingen, aber warum sollte man einen nennenswerten Teil des Ethikrats nicht mal zur Abwechslung mit Leuten besetzen, die sich professionell mit Ethik auseinandersetzen und die nicht alle Mitglieder in religiösen Clubs wie Donum Vitae, Cusanuswerk etc. sind?

(Mehr zum Beschneidungsurteil hier.)

Peter Singer über rituelle Schlachtungen

Die gesellschaftliche Rolle der Religionen scheint für Philosophen zur Zeit ein interessantes Thema zu sein. Martha Nussbaum hat grad ein Büchlein über religiöse Intoleranz rausgehauen und hält demnächst auch zwei Vorlesungen in Köln über religiöse Toleranz (Hinweis via Theorieblog). Peter Singer argumentiert in einem Artikel für die Vereinbarkeit von Religionsfreiheit und dem Verzicht auf rituelle Schlachtungen ohne vorhergehende Betäubung:

Sein Argument lautet schlicht: Es gibt in keiner Religion ein Gebot, das Fleischkonsum gebietet. Daher kann man als Religiöser auch einfach völlig darauf verzichten, ohne in seiner Religionsausübung eingeschränkt zu werden:

But prohibiting the ritual slaughter of animals does not stop Jews or Muslims from practicing their religion. During the debate on the Party for the Animals’ proposal, Rabbi Binyomin Jacobs, Chief Rabbi of the Netherlands, told members of parliament: “If we no longer have people who can do ritual slaughter in the Netherlands, we will stop eating meat.” And that, of course, is what one should do, if one adheres to a religion that requires animals to be slaughtered in a manner less humane than can be achieved by modern techniques.

Neither Islam nor Judaism upholds a requirement to eat meat.

Einer der aktuellen Hintergründe zu diesem Artikel ist ein (mittlerweile gescheiterter) Gesetzantrag der Tierrechtspartei im niederländischen Parlament, nach dem rituelle Schlachtungen ohne vorhergehende Betäubung verboten werden sollten.

Dasselbe Argument wendet Singer auch auf vergleichbare Fälle an, etwa auf den Umstand, dass Obamas Krankenversicherung auch empfängnisverhütende Mittel umfasst, was den Katholiken als Betreibern öffentlicher Einrichtungen mal wieder nicht so passt. Aber, so Singer:

Likewise, the Obama administration’s requirement to provide health insurance that covers contraception does not prevent Catholics from practicing their religion. Catholicism does not oblige its adherents to run hospitals and universities. [...]

Of course, the Catholic Church would be understandably reluctant to give up its extensive networks of hospitals and universities. My guess is that, before doing so, they would come to see the provision of health-insurance coverage for contraception as compatible with their religious teachings. But, if the Church made the opposite decision, and handed over its hospitals and universities to bodies that were willing to provide the coverage, Catholics would still be free to worship and follow their religion’s teachings.

Singer beschließt seinen Artikel mit der Feststellung, dass die Berufung der Religionsvertreter auf die Religionsfreiheit in solchen und vergleichbaren Fällen ein Missbrauch des Rechtes auf Religionsfreiheit ist (“the appeal to religious freedom is being misused”), da letztere in den genannten Fällen in keiner Weise angetastet wird.

Toleranz tut weh – Rainer Forst im Interview

Rainer Forst,Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Uni Frankfurt am Main, spricht im Interview bei Sternstunde Philosophie über Toleranz und kommt dabei u.a. auf’s Kopftuchverbot und allgemein das Verhältnis von Religion und Toleranz zu sprechen:

Interview mit Peter Singer

Ein spaßiges Interview mit Peter Singer, in dem es u.a. um seine Ansichten zu Abtreibung, Euthanasie, Tierrechten, dem Verhältnis von Religion und Moral und die Frage nach universalen ethischen Prinzipien geht:

Der offensichtlich gläubige Interviewer scheint ziemlich empört zu sein, dass Singer weder an Gott glaubt noch akzeptiert, dass es, selbst wenn es einen Gott gäbe, irgendwelche Konsequenzen für die Moral hätte.

Kardinal Lehmann über die Theologie

Das Philoblog weist auf eine wirre und peinliche Rede von Kardinaloberfeldwebel Lehmann hin:

Am besten finde ich die Passage, wo Abweichlern unter den Theologen “Demut und Bescheidenheit” anempfohlen wird, damit sie nicht “ins Abseits” geraten:

Dabei wird der Theologe, gerade wenn er neue Verstehensversuche schafft, immer daran denken müssen, dass er diese nicht nur in eine grundsätzliche Übereinstimmung mit dem bleibenden Wesen des Glaubens der Kirche bringt, sondern dass er sich bewusst ist, den Menschen der Kirche ein Verständnis anzubieten, das auch seinerseits Zustimmung und Akzeptanz erfährt. Er macht ein Verstehensangebot, ist aber auch hier abhängig vom Einvernehmen der Kirche.

Und solcher Mist wird an deutschen Universitäten gelehrt (die Universitätslehre ist personell und inhaltlich vollständig in der Hand der Kirchen, bezahlt wird sie aber vom Steuerzahler). Die Worte des Kardinaloberwachtmeisters muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wissenschaftlichkeit und Vernunft – also das, was an Universitäten der Standard sein sollte – sind mit solchem autoritärem Gebrabbel nicht vereinbar. Ich schlage vor, dass die Kirchen freiwillig darauf verzichten, ihr predigendes Personal an Universitäten auf Kosten des Steuerzahlers ausbilden zu lassen und statt dessen eigene und selbstfinanzierte Institute gründen, an denen die Theologen dann so gefolgsam, unkritisch und autoritätsgläubig sein dürfen, wie sie (und vor allem die Kirchen) möchten.

P.S.: Habermas zitiert Lehmann natürlich aus dem Zusammenhang und biegt ihn sich für seine Zwecke zurecht.

Gott äußert sich zum Euthyphron-Dilemma

(Infos zum Euthyphron-Dilemma hier.)

Timothy Williamson über Naturalismus, “scientific spirit” und Religion

Im blog der New York Times hat der Oxforder Philosoph Timothy Williamson einen lesenswerten Artikel über den Begriff des “Naturalismus” geschrieben. Unter “Naturalismus” versteht er die These, dass alle Vorgänge der Welt durch die “hypothetisch-deduktive Methode” erklärt werden können:

Thus naturalism becomes the belief that there is only whatever the scientific method eventually discovers, and (not surprisingly) the best way to find out about it is by the scientific method.

[...]

What is meant by “the scientific method”? [...] For naturalists, although natural sciences like physics and biology differ from each other in specific ways, at a sufficiently abstract level they all count as using a single general method. It involves formulating theoretical hypotheses and testing their predictions against systematic observation and controlled experiment. This is called the hypothetico-deductive method.

Diesen Begriff des Naturalismus kritisiert er, weil er entweder zu restriktiv ist und Wissenschaften wie die Mathematik nicht umfasst, oder so weit verstanden wird, dass er leer wird. Williamson setzt ihm den Begriff des “scientific spirit” entgegen, welcher sich durch Werte wie Neugier, Ehrlichkeit, Genauigkeit, Strenge usw. auszeichne.

Eine Passage aus dem Artikel fand ich allerdings sehr merkwürdig:

Still, naturalism is not as restrictive as it sounds. For example, some of its hard-nosed advocates undertake to postulate a soul or a god, if doing so turns out to be part of the best explanation of our experience, for that would be an application of scientific method. Naturalism is not incompatible in principle with all forms of religion.

Beides halte ich für falsch: (1) Die Annahme eines Gottes kann nicht durch einen Schluss auf die beste Erklärung gerechtfertigt werden. Wie man weiß, hat eine Berufung auf Gott überhaupt keine erklärende Kraft, genausowenig wie die Berufung auf eine kleine allmächtige Waldfee. Minimalbedingung für eine gute wissenschaftliche Erklärung ist, dass sie Prognosen ermöglicht, und das ist mit Gott nicht zu machen. (2) Zweitens ist falsch, dass Naturalismus mit allen Formen von Religion kompatibel sei. Bei Religionen, die ein Eingreifen des Göttlichen in den natürlichen Weltlauf kennen (wie alle großen Monotheismen), ist das m.E. nicht der Fall.

 

 

Neil deGrasse Tyson über Stupid Design

Eine kleine Ergänzung zum kürzlich geposteten Video mit 50 Wissenschaftlern vs. Religion. Der Physiker Neil deGrasse Tyson bringt knallharte bis urknallharte Argumente gegen die Existenz eines intelligenten Designergottes:

50 bekannte Wissenschaftler über Gott, Religion und religiösen Glauben

Leiter Reports macht auf dieses Video hier aufmerksam:

Alles Größen ihres Faches, z.T. Nobelpreisträger, und nahezu alle Urteile über Religion sind vernichtend. Am coolsten ist Simon Blackburns Kommentar zu religiösem Glauben: “I think it’s a subject for comedy. It’s part of the human comedy.”

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