Aus der Rubrik: “Neues von den Animal Studies”

Meine germantistisch-kulturwissenschaftliche Lieblingsströmung, die Animal Studies (vgl. hier), bei denen Kühe zu “politischen Akteuren” werden, Krokodile “kulturpoetische Funktionen” in “Rassendiskursen” übernehmen und Hunde verzerrt werden, trieben schon wieder Wissenschaft! Diesmal in Göttingen mit einer Tagung namens “Archetypen, Artefakte. Kulturelle Repräsentationen von Tieren im intermedialen Vergleich”:

Ich zitiere einfach nur mal meine Favoriten unter den Vortragstiteln:

  • “Der Kraken. Ein maritimer Mythos und seine Vorgeschichte in der altnordischen Kryptozoologie”
  • “Das Krokodil und seine kulturpoetische Funktion im US-amerikanischen Rassendiskurs”
  • “Füchse in der japanischen Folklore: Vom Mythos zum Manga”
  • ” ‘the first in the history of india to perform a satyagraha’ – die heilige Kuh als politische Akteurin und weitere Repräsentationen der Kuh in zeitgenössischen indischen Literaturen”
  • ” ‘Das Zerrbild der Hunde’. Der Mops in den skandinavischen Literaturen des 19. Jhs.”
  • “Das Göttliche im Kalbhaften. Die Schlachthöfe von Chicago in religiösen Diskursen des 19. u. 20. Jhs.”

Go, Animal Studies, go! Auch dieses Jahr wieder ein heißer Anwärter auf den Schwafelhannes-of-the-Year-Award.

Was tun, wenn es Zeit ist, zu springen?

Hier ein neuer Fund aus der Abteilung “schwachsinnige Tagungen”:

Am 22. Juni 2012 findet in Wuppertal das brink Ereignis zwischen Kunst und Wissenschaft statt. Hierfür suchen wir Vorträge und künstlerische Arbeiten von Studierenden, Wissenschaftler_innen und Kunstschaffenden zum Thema SPRUNG. Ein Sprung kann ein Riss in festem Material, in einer ursprünglich geschlossenen Oberfläche sein:  instabil, durchlässig, gefährlich. Und dann: Ende oder Veränderung? Gibt es eine Bewegung, die keinen Sprung zulässt oder bedarf jede Veränderung des Sprungs, um tatsächlich anders zu sein statt ähnlich? Kann der Sprung ein Bruch mit dem Vorangegangenen, der Gegenwart, dem Gegebenen sein – mit all dem, was nicht springt, sondern bleibt, wartet, stillsteht? Was heißt es dagegen ins Sein zu springen, im Sprung zu sein, auf dem Sprung? Ein Sprung kann ein Ereignis, ein Sprung in die Zeit, in der Zeit, zwischen den Zeiten sein. Welche aber ist die Zeit des Sprungs? Und was tun, wenn es Zeit ist, zu springen?

(Quelle: http://www.dgphil.de/veranstaltungen/)

Vorgemerkt für den Schwafelhannes-Of-The-Year-2012-Award!

Dürftiges Denken in der Zeit

Maximilian Probst zeigt in der Zeit, dass Heldenverehrung und Schwafeln oft Hand in Hand gehen:

Der Artikel berichtet anlässlich einer derzeitigen Derrida-Konferenz von einem Besuch des Autors beim Derridaschüler Jean-Luc Nancy. Schon zu Beginn wird “der Philosoph” als Weisheitsorakel eingeführt, das man konsultiert, um sich in finsterer Zeit Licht und Orientierung abzuholen:

Wer einen Philosophen besucht, sucht Rat.

Nachdem dann – sicher zurecht – festgestellt wird, dass Nancy auch keine Ahnung hat und daher kaum Rat erteilen kann, redet man lieber ein bisschen über Derrida:

Gibt es womöglich einen blutroten Faden, der das Gewebe des westlichen Denkens in all seinen Epochen zusammenhält?

Ja, sagt Derrida, nämlich ein Denken, das sich über die Differenz am Grund aller Dinge hinwegsetze; das zu sich selbst zurückkehre, und sich seinen Gegenstand gewaltsam einverleibe, ein Denken, das der binären Logik verhaftet sei, die wie ein Fallbeil mitten durchs Leben fährt: den Kopf vom Körper trennt, das Gute vom Bösen, das Richtige vom Falschen, das Notwendige vom Zufälligen, das Wichtige vom Unnützen, den Menschen vom Tier und das Männliche vom Weiblichen.

Wir erfahren also, dass “am Grund aller Dinge” (?) “die Differenz” (?) herumliegt und dass die binäre Logik das Tier vom Menschen trennt und sogar das Männliche vom Weiblichen. Die Logik! – Dann stellt der Autor, in welchem im Laufe des Gesprächs wohl selbst der Mut zum Philosophieren reifte, folgende brennende Frage:

Dekonstruiert sich nicht heute die Zeit schon selbst?

Darauf möchte ich kurz antworten: Nein, tut sie nicht. Man mag es kaum glauben, aber die Zeit ist kein Akteur, der irgendetwas tun kann, auch nicht “dekonstruieren”. Aber wie auch immer, es wird dann noch kurz mit Nancy festgestellt, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht, und nach paar weiteren paradoxen Bonmots des Großmeisters resümiert der Autor seine Erfahrungen bei selbigen mit seligem Pathos:

Verwirrend, stärkend und erfüllend.

Mal wieder ein schöner Beleg dafür, dass zu viel Dekonstruktion das klare Denken und Schreiben nachhaltig beeinträchtigt.

Ausschreibung: Schwafelhannes-of-the-Year-Award 2012 (inkl. Preisverleihung Schwafelhannes-of-the-Year-Award 2011)

Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr den Schwafelhannes-of-the-Year-Award zu verleihen. Damit werden vorbildliche Schwafeleien gewürdigt. Die Jury bin ich, außer mir fällt bis Ende des Jahres noch ein, wie man unkompliziert über die Preisvergabe abstimmen kann.

Hinweise auf Schwafelexzesse sind erbeten! Wenn jemandem irgendwo eine große Schwafelei aufällt, d.h. wenn irgendwo mit wichtig klingenden großen Worten völliger Unsinn oder Trivialitäten in die Welt posaunt werden, dann bin ich für Hinweise dankbar und poste den jeweiligen Fall ggf. in meinem Blog. Alle Schwafelhannes-of-the-Year-Anwärter werden mit dem tag “Schwafelhannes” versehen, so dass sie über die tag-clound (rechts unten im Blog) oder die Suchfunktion gefunden werden können.

Für’s letzte Jahr sind leider nur wenige Schwafelhannes-of-the-Year-Anwärter zusammengekommen, aber ich habe das Blog ja auch erst Mitte 2011 angefangen. Dennoch hier die offizielle Bekanntgabe der Gewinner des Schwafelhannes-of-the-Year Awards 2011. Die ersten drei Plätze gehen an:

  1. Papst -  für seinen intelligent-design-Schwachsinn: http://derblindehund.wordpress.com/2011/09/30/noch-kurz-was-zur-papstrede-neulich/
  2. Peter Sloterdijk – für “Gesellschaft als selbst-stressierendes, permanent nach vorne stürzendes Sorgen-System“: http://derblindehund.wordpress.com/2011/07/05/sloterdijk-faselt-mal-wieder-vor-sich-hin/
  3. Die Tagung “Homo Portans. Tragen – die Faszination des Selbstverständlichen”: http://derblindehund.wordpress.com/2011/09/19/homo-portans-oder-ein-tragetuch-fur-die-spatmoderne/

Den Preis für sein Lebenswerk erhält posthum Derrida: http://derblindehund.wordpress.com/2011/06/12/derrida-ist-zurecht-tot/

Herzlichen Glückwunsch allen Gewinnern.

Blumen als Kontaktflächen zum Ominösen: Neues von den “Flower Studies”

Falls jemand wissen will, was man zur Zeit in der Literaturwissenschaft außer “Animal Studies” noch so macht, hier ein Tagungsbericht über eine Tagung zur “Floriographie”. Mein Highlight sind die Erkenntnisse von Alexander Schwan, Eike Wittrock und Isabel Kranz:

Blumen seien zum einen Grenzphänomene, Indikatoren von Grenzsetzungen und deren Überschreitung. Als Verkörperungen eines Andersseins und Anderswerdens sowie als „Kontaktflächen zum Ominösen“ vermittelten sie zwischen Natur und Kultur, Heimischen und Exotischen und adressierten zentrale Fragen der Wissens- und Kulturgeschichte.

Quelle: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4040

Tiere als materiell-semiotische Knoten: Neues von den “Animal Studies”

Falls jemand wissen will, was man zur Zeit so in der Literaturwissenschaft macht:

Die Frage nach der Relevanz von Tieren macht eines klar: Tiere sind überall, Tiere gehören auf elementare Weise jeder Kultur an, mit und an Tieren wird Kultur geschaffen. Praktiken der Zucht, der Jagd, des Experiments sowie Beobachtungsanordnungen wie Menagerie, Zoo oder Zirkus verdeutlichen sowohl die vielfältigen Macht- und Wissenskomplexe, die auf Tiere einwirken, als auch die historische Variabilität dieser Prozeduren. Tiere sind also kulturhistorisch durchformt. Diese Durchformungen als kulturelle Semiosen lesbar und auf ihre politischen Implikationen hin durchschaubar zu machen, lässt sich als eine Aufgabe einer Kulturgeschichte der Tiere formulieren. Zugleich können Tiere auch als Akteure in historisch und lokal variierenden Netzwerken verstanden werden, die zur Produktion von kulturellem Sinn aktiv beitragen. Tiere erscheinen aus dieser Perspektive als materiell-semiotische Knoten.

[Zitat aus einem aktuellen Call-f-Papers, Quelle: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=18417]

Im CfP wird auch folgende Frage gestellt: “Wie verändert die Frage nach Texttieren, nach ihrer Literarizität und ihrem Verhältnis zu den materiellen Tieren, die literaturwissenschaftliche Methodik?” Darauf möchte ich erschöpfend antworten, da ich grad zufällig 10 Sek. Zeit habe: Gar nicht. Die Veranstalter dürfen mich in der zu erwartenden Publikation gern zitieren [!]. Das Interdependenzverhältnis von Zitat und Tier verdient allerdings eine eigene eingehende Untersuchung, die ich hier nicht leisten kann, weil ich dafür noch weitere 5 Sek. bräuchte.

Noch kurz was zur Papstrede neulich

Die Papstrede im Bundestag hat mal wieder in aller Deutlichkeit gezeigt, dass der Papst kein tiefer Denker, sondern ein großer Depp ist. Bei manchen gilt er ja wohl als philosophisch bewandert, aber angesichts der grotesken Fehlschlussparade, die der Papst dem deutschen Volke da anbot, und seiner offenkundigen Intelligent-Design-”Argumentation”, kann man da doch zum Zweifel neigen. Der Wissenschaftsjournalist Markus C. Schulte von Drach, der tatsächlich so heißt, hat darüber einen schönen Artikel in der Süddeutschen geschrieben:

Am dümmsten ist m.E. Ratzingers peinlicher “Gottesbeweis”, wenn man das so nennen will. Von Drach schreibt dazu, Ratzinger zitierend:

“Wenn man die Natur als ein ‘Aggregat von als Ursache und Wirkung miteinander verbundenen Seinstatsachen’ ansieht, dann kann aus ihr [...] keine irgendwie geartete ethische Weisung hervorgehen”, zitiert er [Ratzinger] den Rechtswissenschaftler Hans Kelsen. Normen, so fährt er fort, könnten nur aus dem Willen kommen. “Die Natur könnte folglich Normen nur enthalten, wenn ein Wille diese Normen in sie hineingelegt hat. Dies wiederum würde einen Schöpfergott voraussetzen, dessen Wille in die Natur miteingegangen ist.”

Das Argument geht also so:

(P1) Die Natur enthält Normen.

(P2) Normen können nur durch einen Willen in die Natur hineingelegt werden.

(K) Also gibt es einen Schöpfergott.

Schon Prämisse 1 ist eine völlig unbegründete Setzung und steht in direktem Gegensatz zum Sein-Sollen-Fehlschluss (auch bekannt als “Humes Gesetz”), der besagt, dass aus dem Sein (der Natur) kein Sollen (keine Normen) abgeleitet werden kann. (Beispiel: Nur weil der Mensch ein Fleischesser ist und Fleisch essen kann, folgt nicht, dass er auch Fleisch essen sollte.) Wer Humes Gesetz für falsch erklärt, sollte das gut begründen können. Hat Ratzinger natürlich nicht gemacht, kann er auch gar nicht.

Prämisse 2 ist auch wacklig, es ist durchaus nicht klar, dass Normen nur durch “einen Willen” zustande kommen können. Wenn die Natur überhaupt Normen haben sollte, was wie eben gesagt aufgrund von Humes Gesetz ziemlich unplausibel ist, dann könnten diese Normen schlicht schon immer existiert haben, einfach so, ohne dass sie jemand hineinlegte.

Dann fehlt in diesem Argument eine unterdrückte Prämisse, ohne die es logisch überhaupt nicht gültig wäre (von Schlüsskeit mal ganz abgesehen). Es fehlt die Prämisse (P3), dass der Willen, der Normen in die Natur gelegt hat, tatsächlich auch dem Schöpfergott gehört. Vielleicht gehört er aber auch einem ganz anderen, nichtchristlichen Gott, nennen wir ihn mal Rainer. Es könnte so sein, dass die Natur ewig existierte oder auch mit dem Urknall anfing, und Gott Rainer kam erst etwas später, legte ein paar Normen in die Natur, und verschwand dann wieder.

Kurz: Ratzinger redet einen Haufen unausgegorenen Unfug und ist nach Sloterdijk ein weiterer Anwärter auf den Schwafelhannes-of-the-year-Award.

“Homo Portans” oder: Ein Tragetuch für die Spätmoderne!

In Dresden gab es vor einiger Zeit eine Konferenz mit dem Thema “Homo Portans. Tragen – die Faszination des Selbstverständlichen”. Ja, der Mensch als Tragender, endlich wird er erforscht und nichts wäre wichtiger und erhellender. Ob Aktentasche oder auch nur die Fassung, die Wissenschaft kommt dem Tragenden auf die Spur. Der Konferenzbericht gibt überraschende Einblicke in ein fruchtbares Forschungsfeld. So stellte z.B. Referentin Sybille Wolf heraus…

… dass die Menschen in der frühen Altsteinzeit nicht nur Schmuck, sondern auch Frisuren, Gürtel und Perücken trugen und dass hier die kulturellen Anfänge des Homo Portans zu finden sind.

Sehr erhellend auch der Vortrag von Timo Heimerdinger, der laut Rezensentin mit folgender Erkenntnis aufwartete:

Laut Heimerdinger ermögliche das Tragetuch, handelnd mit den Herausforderungen der Spätmoderne umzugehen

Christian Holtdorf erläuterte, warum Menschen Schiffe tragen:

Tragen sei eine Ausdrucksform, eine Sprache. Wer trägt, drücke etwas aus – so seine These. Nur bleibe die Frage, was der Träger auszudrücken versucht. Diese Frage stelle sich in besonderem Maße, wenn es um das Verstehen des Tragens von Dingen geht, die gar nicht getragen werden müssten. Am Beispiel des Tragens von Schiffen zeigte der Referent, dass sich Menschen seltsame Lasten auf die Schultern laden, weil sie in Wirklichkeit nur eines wollen: sie wollen getragen werden.

Sehr einleuchtend. – Nicht fehlen darf natürlich eine Untersuchung des homo portans handtaschicus:

UTE RADEMACHER (Hamburg), Wirtschaftspsychologin und Marktforscherin, beleuchtete in ihrem Vortrag die Handtasche als ein „Mysterium“ der Frau. In ihrer weltweiten Studie „Bag Stories“, brachte sie den Inhalt von Handtaschen aus allen Kontinenten ans Licht. Rademacher führte eine Auswahl dieser „Bag Stories“ in einer kurzweiligen Präsentation vor und betonte den Stellenwert der Handtasche als Weiblichkeitssymbol.

Beruhigend, dass in allen Geisteswissenschaften Konferenzen zu jedem beliebigen Blödsinn abgehalten werden. Oder anders gesagt, dass diese Leute das Selbstverständliche so fasziniert.

Sloterdijk faselt mal wieder vor sich hin

Aus der Leseprobe (PDF) zum jüngsten Geniestreich unserer näselnden Plaudertasche mit der zitierfähigen Szenefrisur:

Plausible Gesellschaftstheorie ist nur noch als Theorie unwahrscheinlicher Großkörper zu betreiben oder, wenn man so will, als soziale Physik vernetzter Agenturen. Die Theorie der Großkörper bildet ein Kompositum aus Streßtheorie, Medientheorie, Kredittheorie, Organisationstheorie und Netzwerktheorie. Ich will im aktuellen Zusammenhang besonders auf die überragende Bedeutsamkeit des Streß-Konzepts aufmerksam machen. Nach meiner Auffassung sind die politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, in erster Linie als streß-integrierte Kraftfelder zu begreifen, genauer als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme.

Klar, was auch sonst. Eine “plausible Gesellschaftstheorie” sollte “Gesellschaft” unbedingt als “unwahrscheinlichen Großkörper” (an anderer Stelle auch als “Fabeltier”) begreifen, oder noch genauer: als “selbst-stressierendes, permanent nach vorne stürzendes Sorgen-System”. Das könnte natürlich vieles klarer machen.

Ganz heißer Anwärter auf den Schwafelhannes-of-the-year-Award.

Derrida ist zurecht tot

Dieter Mersch schreibt in der März-Ausgabe von Information Philosophie auf die Frage “Was bleibt von Derrida?”:

Derrida hat ein einzigartiges Werk geschaffen, insofern erübrigt sich die Frage, ob etwas bleiben wird oder nicht: Die Dekonstruktion Derridas gehört, neben Martin Heideggers Destruktion der abendländischen Metaphysik, Theodor W. Adornos „Rettung des Nichtidentischen“ oder Emmanuel Lévinas’ Philosophie der Alterität zu den großen philosophiekritischen Manövern des 20. Jahrhunderts, die die gesamte Struktur und Praktik des philosophischen Denkens nachhaltig verschoben haben. Unverlierbar sind auch die spezifische Lektürepraktiken, die später etwas unzureichend ‚close readings’ genannt wurden.

Dass Derrida in eine Reihe mit Heidegger, Adorno und Lévinas gehört, mag ja noch stimmen – alle drei haben klares Denken nach Kräften verhindert und den philosophischen Jargon auf Jahrzehnte versaut. Aber dass auf Derrida dann auch noch der Begriff des “close readings” gemünzt sein soll, dürfte schlichter Unsinn sein. Derrida war natürlich einsame Spitze in seiner höchstselbsterfundenen Lektürepraxis, sich aus beliebigen Texten ein paar Wörter herauszupicken und ein paar marginale Deutungsprobleme bei diesen Wörtern zu generellen Problemen im Umgang mit Texten aufzublasen. Aber “close reading” ist meines Wissens ein Begriff, der dem New Criticism zugeordnet wird, und er beschreibt normalerweise alles andere als eine Lesetechnik, die auf den Effekt aus ist, größtmöglichen Unsinn zu produzieren.

Wenn man mich fragt, was von Derrida bleibt: Ein Haufen Blödsinn labernder Literatur- und Kulturwissenschaftler; ein Jargon der Unklarheit und des Bedeutungshuberns; und letztlich viel vergeudete Lebenszeit bei denjenigen, die versucht haben, irgendwelche klaren Thesen bei diesem Schwafelhannes zu finden.

Gegen Mersch’sche Lobeshymnen sei der Offene Brief zitiert, mit dem sich die Philosophen der Universität Camebridge 1992 gegen die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Derrida aussprachen:

Many have been willing to give M. Derrida the benefit of the doubt, insisting that language of such depth and difficulty of interpretation must hide deep and subtle thoughts indeed.

When the effort is made to penetrate it, however, it becomes clear, to us at least, that, where coherent assertions are being made at all, these are either false or trivial.

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