Siegerehrung zum schlechtesten Philosophiebuch aller Zeiten

104 Stimmen wurden abgegeben, damit steht das Ergebnis fest: Das schlechteste Philosophiebuch aller Zeiten, zumindest aber bis zur nächsten Umfrage dieser Art, ist Prechts Wer bin ich und wenn ja, wie viele! Auf Platz 2 Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft, wobei Sloti das Handicap hatte, dass sein zweiter Meilenstein, Sphären, ebenfalls zur Wahl stand und mit Platz 6 seinerseits viele Stimmen für sich gewinnen konnte. Der heimliche Gewinner ist also definitiv Sloterdijk mit zwei Büchern in den Top 10! Der einzige, der hier mithalten kann, ist Derrida mit Platz 4 für die Grammatologie und Platz 8 für Glas - ein hochverdienter Achtungserfolg. Sein und Zeit schafft es mit Platz 3 aufs Podest. Hegel schnitt mit der Phänomenologie des Geistes erwartet souverän ab und landet auf Platz 5.

Danke an alle, die mitgemacht haben! Ich  gehe davon aus, dass das Ergebnis unter idealen epistemischen Bedingungen zustande kam und alle Teilnehmer sich bei der Wahl nur vom zwanglosen Zwang des besseren (bzw. schlechteren) Arguments leiten ließen. Hier das vollständige Ergebnis nach dem Condorcet-Berechnungsverfahren (Condorcet-IRV – alternative Verfahren führten zum selben Ergebnis):

1. Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in)  (Condorcet-Sieger: schlägt jeden anderen Kandidaten)
2. Die Kritik der zynischen Vernunft (Sloterdijk)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 32–21
3. Sein und Zeit (Heidegger) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 34–23, verliert gegen Die Kritik der zynischen Vernunft (Sloterdijk) um 24–22
4. Grammatologie (Derrida)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 34–21, verliert gegen Sein und Zeit (Heidegger) (write-in) um 19–18
5. Phänomenologie des Geistes (Hegel)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–22, verliert gegen Grammatologie (Derrida) um 22–17
6. Sphären (Sloterdijk) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 30–22, verliert gegen Phänomenologie des Geistes (Hegel) um 24–20
7. Der Untergang des Abendlandes (Spengler) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 38–16, verliert gegen Sphären (Sloterdijk) (write-in) um 29–16
8. Glas (Derrida) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 36–20, verliert gegen Der Untergang des Abendlandes (Spengler) (write-in) um 22–19
9. Der Ego-Tunnel (Metzinger) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 33–22, verliert gegen Der Untergang des Abendlandes (Spengler) (write-in) um 26–19
10. Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–20, verliert gegen Der Ego-Tunnel (Metzinger) (write-in) um 23–22
11. Anti-Ödipus (Deleuze/Guattari) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 32–21, verliert gegen Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas) um 19–18
12. Materialismus und Empiriokritizismus (Lenin) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 37–19, verliert gegen Theorie des kommunikativen Handelns (Habermas) um 24–22
13. Wissenschaft der Logik (Hegel) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–19, verliert gegen Materialismus und Empiriokritizismus (Lenin) (write-in) um 24–18
14. Bekenntnisse (Augustinus) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 33–22, verliert gegen Wissenschaft der Logik (Hegel) (write-in) um 22–19
15. Die ungeliebte Freiheit (Bolz) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 34–19, verliert gegen Wissenschaft der Logik (Hegel) (write-in) um 19–17
16. Der letzte Gottesbeweis (Robert Spaemann) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 31–21, verliert gegen Die ungeliebte Freiheit (Bolz) (write-in) um 18–17
17. Tausend Plateaus (Deleuze/Guattari) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 36–17, verliert gegen Der letzte Gottesbeweis (Robert Spaemann) (write-in) um 20–18
18. On Deconstruction / Dekonstruktion (Culler)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–19, verliert gegen Tausend Plateaus (Deleuze/Guattari) (write-in) um 15–14
19. Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (Ludwik Fleck) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 39–17, verliert gegen On Deconstruction / Dekonstruktion (Culler) um 20–18
20. Geschlecht und Charakter (Weininger) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 40–11, verliert gegen Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (Ludwik Fleck) (write-in) um 20–19
21. Negative Dialektik (Adorno) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 36–20, verliert gegen Geschlecht und Charakter (Weininger) (write-in) um 21–18
22. Das Sein und das Nichts (Sartre) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 42–14, verliert gegen Negative Dialektik (Adorno) (write-in) um 22–16
23. Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 35–17, verliert gegen Das Sein und das Nichts (Sartre) (write-in) um 20–17
24. Logische Untersuchungen (Edmund Husserl) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 39–14, verliert gegen Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) (write-in) um 20–13
25. Logik der Forschung (Popper) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–14, verliert gegen Logische Untersuchungen (Edmund Husserl) (write-in) um 20–18
26. Unentschieden:
Wahrheit und Methode (Gadamer)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–13, verliert gegen Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) (write-in) um 18–15
Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit (Lorenz) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 39–15, verliert gegen Logik der Forschung (Popper) (write-in) um 19–18
28. Tübinger Einleitung in die Philosophie (Ernst Bloch) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 38–15, verliert gegen Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit (Lorenz) (write-in) um 22–14
29. Tractatus absolutus (Dornseiff) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–11, verliert gegen Tübinger Einleitung in die Philosophie (Ernst Bloch) (write-in) um 16–14
30. Historische Gerechtigkeit (Lukas H. Meyer) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 40–14, verliert gegen Tractatus absolutus (Dornseiff) (write-in) um 17–14
31. Masse und Macht (Canetti) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 42–12, verliert gegen Historische Gerechtigkeit (Lukas H. Meyer) (write-in) um 18–14
32. Staat (PLaton) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 40–14, verliert gegen Masse und Macht (Canetti) (write-in) um 20–13
33. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Popper) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–9, verliert gegen Staat (PLaton) (write-in) um 19–14
34. Denker des Abendlandes (Bertrand Russell) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 44–8, verliert gegen Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (Popper) (write-in) um 16–14
35. Philosophy Without Intuitions (Capellen, H.) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 41–16, verliert gegen Denker des Abendlandes (Bertrand Russell) (write-in) um 17–16
36. Geist, Sprache und Gesellschaft (Searle) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 43–10, verliert gegen Philosophy Without Intuitions (Capellen, H.) (write-in) um 18–17
37. Der Blick von Nirgendwo (Thomas Nagel) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 43–7, verliert gegen Geist, Sprache und Gesellschaft (Searle) (write-in) um 15–13
38. Der Begriff des Geistes (Ryle) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 44–10, verliert gegen Der Blick von Nirgendwo (Thomas Nagel) (write-in) um 14–12
39. Kritik der Reinen Vernunft (Kant) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 44–6, verliert gegen Der Begriff des Geistes (Ryle) (write-in) um 13–11
40. Unentschieden:
Tractatus logico-philosophicus (Wittgenstein)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 46–8, verliert gegen Kritik der Reinen Vernunft (Kant) (write-in) um 16–11
Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 42–8, verliert gegen Kritik der Reinen Vernunft (Kant) (write-in) um 13–12
42. Mind and World (McDowell) (write-in)  verliert gegen Wer bin ich und wenn ja, wie viele (Richard David Precht) (write-in) um 45–9, verliert gegen Die Welt als Wille und Vorstellung (Schopenhauer) (write-in) um 14–12

Nida-Rümelin über Rousseau (und Precht (und Sloterdijk))

Julian Nida-Rümelin hat ein schönes Interview zur Aktualität von Rousseau gegeben, der ja zur Zeit seinen 300. Geburtstag feiert:

Zum Ende kommt er auf das öffentliche Bild von der Philosophie zu sprechen und würzt dies mit einer kleinen Spitze gegen den “deutschen Großphilosophen” Peter Sloterdijk, die m.E. alles Nötige zu letzerem sagt:

Wenn man eine Straßenumfrage machen würde: Welchen Philosophen kennen Sie? Dann fiele der Name Richard David Precht sicherlich häufiger als der Rousseaus. Stört Sie diese Boulevardisierung der Philosophie?
Gegen Richard David Precht habe ich überhaupt nichts, zumal er selbst bescheiden ist und sich nicht als Philosoph, sondern als Vermittler sieht. Problematisch finde ich eher eine Figur wie Peter Sloterdijk, der als der deutsche Großphilosoph gilt, sich auch als solcher sieht, obwohl in seinen Büchern philosophisch wenig Substanz ist. Aber ich glaube nicht, dass Richard David Precht die Tür für die Philosophie aufstoßen musste. Es gab in den letzten Jahrzehnten ein ansteigendes Interesse an Philosophie, was wohl auch damit zusammenhängt, dass die Philosophie sich zunehmend praktischen Fragen zugewandt hat. Eine Rolle hat nach meiner Einschätzung auch Jostein Gaarders Bestseller „Sofies Welt“ gespielt. Die Menschen interessieren sich für ethische Fragen in der Wissenschaft und Wirtschaft.

Interessant, dass Nida-Rümelin ein “ansteigendes Interesse an Philosophie” beobachtet. Ich sehe das ähnlich, bin mir nur nicht so sicher, welche Gründe dafür verantwortlich sind. Ich weiß z.B. nicht, ob die Philosophie sich wirklich mehr praktischen Fragen widmet als früher. Was wären Anzeichen dafür?

Karl-Kraus-Preis für Sloterdijk – Nimm ihn an, Junge!

Peter Sloterdijk soll der Karl-Kraus-Preis verliehen werden. Das beste daran:

Mit der Annahme des Karl-Kraus-Preises verpflichtet sich der Preisträger, nie wieder eine Zeile zu schreiben.

(Quelle: http://www.hugendubelverdi.blogspot.de/2012/04/karl-kraus-preis-2012-fur-peter.html)

Ich drücke die Daumen, dass Sloterdijk sich nicht ziert und das Ding annimmt. Ich fordere “Nie wieder Sloterdijk!”

(via philolink und Klaus Baum)

Peter Strasser beleidigt Sloterdijk, Žižek, Precht, die verblödete Intelligenz, das verkommene Herrenreiterfeuilleton und die Studenten (also fast alle)

Uiuiui, selten eine so ungebremste Philippika eines Fachphilosophen gelesen. Peter Strasser, Professor für Philosophie an der Universität Graz, schreibt u.a. über Sloterdijk, Žižek und Precht:

Hier mein Best-of. Sloterdijk, den er auf den Namen “Mister Bombastik” tauft, charakterisiert er wie folgt:

… ein übergewichtiger Mensch mit einem pompösen Kopf, aus dem zwei listige Äuglein kynisch hervorlugen, während ihm die Haare strähnig herunterhängen: ein cool verschmuddeltes Restzitat der Neunzehnachtundsechziger.

Zu Žižek fällt ihm Folgendes ein:

Wer, bitte schön, kauft den zum Himmel stinkenden Gedankenmist dieses Begriffsdeliranden des postmodernen Radical Chic? Wer?!

Ach ja, es gibt diese ganze Mischpoche einer beim langen Marsch durch die dekonstruktivistischen Seminare unserer sinnlos gewordenen Geistes- und Kulturwissenschaften total verblödeten Intelligenz, die sich gern selbst Sachen sagen hört, die ihr krass subversiv vorkommen – zum Beispiel, dass Stalin (nach Lacan, Deleuze, Irigaray etc. pp.) ein multischizoider Teddybär war –, während das total verkommene Herrenreiterfeuilleton dem Edelschmierantentum applaudierend die Steigbügel hält.

Abschließend brät Strasser noch dem “Geistesschönling Precht” eins über, …

“…der es einer weiblichen Inkarnation der höheren TV-Dummheit, nämlich Elke Heidenreich, verdankt, als Smartschwätzer die deutsche Nation aus ihrer platonischen Höhle fader Alltäglichkeit heraus und hinauf ans hell strahlende Licht des existenziellen Banalitätenhimmels zu führen.”

(via philolink)

Ausschreibung: Schwafelhannes-of-the-Year-Award 2012 (inkl. Preisverleihung Schwafelhannes-of-the-Year-Award 2011)

Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr den Schwafelhannes-of-the-Year-Award zu verleihen. Damit werden vorbildliche Schwafeleien gewürdigt. Die Jury bin ich, außer mir fällt bis Ende des Jahres noch ein, wie man unkompliziert über die Preisvergabe abstimmen kann.

Hinweise auf Schwafelexzesse sind erbeten! Wenn jemandem irgendwo eine große Schwafelei aufällt, d.h. wenn irgendwo mit wichtig klingenden großen Worten völliger Unsinn oder Trivialitäten in die Welt posaunt werden, dann bin ich für Hinweise dankbar und poste den jeweiligen Fall ggf. in meinem Blog. Alle Schwafelhannes-of-the-Year-Anwärter werden mit dem tag “Schwafelhannes” versehen, so dass sie über die tag-clound (rechts unten im Blog) oder die Suchfunktion gefunden werden können.

Für’s letzte Jahr sind leider nur wenige Schwafelhannes-of-the-Year-Anwärter zusammengekommen, aber ich habe das Blog ja auch erst Mitte 2011 angefangen. Dennoch hier die offizielle Bekanntgabe der Gewinner des Schwafelhannes-of-the-Year Awards 2011. Die ersten drei Plätze gehen an:

  1. Papst -  für seinen intelligent-design-Schwachsinn: http://derblindehund.wordpress.com/2011/09/30/noch-kurz-was-zur-papstrede-neulich/
  2. Peter Sloterdijk – für “Gesellschaft als selbst-stressierendes, permanent nach vorne stürzendes Sorgen-System“: http://derblindehund.wordpress.com/2011/07/05/sloterdijk-faselt-mal-wieder-vor-sich-hin/
  3. Die Tagung “Homo Portans. Tragen – die Faszination des Selbstverständlichen”: http://derblindehund.wordpress.com/2011/09/19/homo-portans-oder-ein-tragetuch-fur-die-spatmoderne/

Den Preis für sein Lebenswerk erhält posthum Derrida: http://derblindehund.wordpress.com/2011/06/12/derrida-ist-zurecht-tot/

Herzlichen Glückwunsch allen Gewinnern.

Precht in Lüneburg

Richard David Precht wird Honorarprofessor an der Leuphana-Universität Lüneburg, wie ich gestern durch Zufall erfuhr. Mein erster Gedanke war: Na sicher! Kaum schreibt jemand ein Buch im Goldmann-Verlag und palavert sich anschließend mit wallendem Haar durch die Talkshows, gilt er als Philosoph und bekommt in Deutschland auch noch eine Professur. Sloterdijk hat’s ja vorgemacht, wie man mit einer gewissen rhetorischen Begabung, zitierfähiger Frisur und nasezudrückender Brille als jemand durchkommt, der was Interessantes zu sagen hätte.

Aber der Fall liegt bei Precht vielleicht etwas anders. Vermutlich wird von ihm zwar ähnlich wie bei Sloterdijk kein relevanter Beitrag zu akademischen philosophischen Debatten zu erwarten sein. Aber immerhin begnügt er sich nicht mit der Rolle des näselnden Zeitgeistformulierers. Er sieht sich ja offenbar in einer Vermittlerposition zwischen akademischer Philosophie und Öffentlichkeit, ohne den peinlichen Sloterdijkschen Daueranspruch auf Originalität.

Anders als bei Sloterdijk nehme ich ihm sein gesellschaftliches Engagement ab. In einem Interview mit Thomas Metzinger  (das ich wirklich empfehlen kann) lässt er nicht nur Metzinger zur Entfaltung kommen – gehört übrigens zu den soft skills eines Moderators, die Sloterdijk im Philosophischen Quartett stets vermissen lässt (bei den zwei Folgen, die ich mal gesehen habe) – , er bringt auch den ein oder anderen interessanten Vorschlag zur Verbesserung der philosophischen Ausbildung, Bemerkungen zur gesellschaftlichen Rolle der Philosophen usw. Das ist nicht alles revolutionär neu, aber soll’s ja auch nicht sein. Es scheint mir aber wichtig zu sein, dass sich die Philosophie um sowas kümmert.

Dass die Philosophen in Deutschland zu wenig in die Öffentlichkeit drängen, scheint mir jedenfalls unbestreitbar zu sein, gerade wenn man sich ansieht, wie etwa Philosophen wie Peter Singer auftreten. Natürlich gibt es noch ein paar Figuren, die wahrgenommen werden. Aber von Habermas kommen nur noch Plattitüden über die allgemeine Lage der Dinge und des Kosmos, von Sloterdijk kam sowieso nie was, und ansonsten kann man nur ab und zu mal Gunter Gebauer bewundern, wie er bei 3sat oder in der SZ gegen Doping ist.

Der geringe Einfluss der Philosophie auf aktuelle Debatten ist nicht nur die Schuld der ignoranten Öffentlichkeit, sondern auch eines von deutschen Philosophen gepflegten Gestus der Sauberkeit. Kaum einer will sich die Finger schmutzig machen und populär sein. Gerade in den ethischen Debatten um PID, Embryonenforschung, Atomkraft etc. hat die Philosophie ja was zu sagen. Welche Positionen und Argumente in der akademischen Philosophie vertreten und diskutiert werden, und warum manche permanent durch Zeitungen und Internetforen geisternden Argumente problematisch oder schlichter Unsinn sind, das müsste man so einfach und klar wie möglich darstellen und auch nicht davor zurückschrecken, sich mit solchen Totalausfällen wie Kardinaloberfeldwebel Meisner auseinanderzusetzen (hier sein jüngster Streich). Denn der wird gehört, Norbert Hoerster wohl eher weniger.

Es braucht Leute, die philosophische Positionen an eine breite Öffentlichkeit gut vermitteln können, und möglicherweise sind die Prechts dieser Welt da schlicht notwendig. Auch wenn sie keinen substantiellen Beitrag zur Philosophie selbst leisten, helfen sie doch dabei, den gesellschaftlichen Stellenwert der Philosophie nicht nocht weiter absacken zu lassen. Insofern ist eine Professur für Precht vielleicht gar nicht so verkehrt, auch wenn eine Professur für die Vermittlung von Philosophie und Öffentlichkeit sicher sinnvoller wäre als eine Professur, in der er Bachelor-Studenten in die Philosophie einweiht.

Sloterdijk faselt mal wieder vor sich hin

Aus der Leseprobe (PDF) zum jüngsten Geniestreich unserer näselnden Plaudertasche mit der zitierfähigen Szenefrisur:

Plausible Gesellschaftstheorie ist nur noch als Theorie unwahrscheinlicher Großkörper zu betreiben oder, wenn man so will, als soziale Physik vernetzter Agenturen. Die Theorie der Großkörper bildet ein Kompositum aus Streßtheorie, Medientheorie, Kredittheorie, Organisationstheorie und Netzwerktheorie. Ich will im aktuellen Zusammenhang besonders auf die überragende Bedeutsamkeit des Streß-Konzepts aufmerksam machen. Nach meiner Auffassung sind die politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, in erster Linie als streß-integrierte Kraftfelder zu begreifen, genauer als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme.

Klar, was auch sonst. Eine “plausible Gesellschaftstheorie” sollte “Gesellschaft” unbedingt als “unwahrscheinlichen Großkörper” (an anderer Stelle auch als “Fabeltier”) begreifen, oder noch genauer: als “selbst-stressierendes, permanent nach vorne stürzendes Sorgen-System”. Das könnte natürlich vieles klarer machen.

Ganz heißer Anwärter auf den Schwafelhannes-of-the-year-Award.

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