Der folgende Artikel erschien letztes Jahr in der 39. Ausgabe des Lichtwolfs, Heft 3/2012. Ich stell ihn hier in leicht veränderter Form ins Netz:
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Diesseits der Tiere
Peter Singer über die Grenzen moralischer Rücksichtnahme
Peter Singer ist unter den zeitgenössischen Philosophen wohl derjenige, der am häufigsten und auch in der groteskesten Weise missverstanden wurde. Bis heute sind Meinungen über Singer im Umlauf – etwa hinsichtlich so emotionalisierender Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Sterbehilfe, Umgang mit Behinderten oder Tierrechte –, die mit seinen tatsächlichen Positionen kaum etwas gemein haben, ja diese mitunter ins völlige Gegenteil verkehren. Als vor einigen Monaten bekannt wurde, dass dem gebürtigen Australier eine hohe Auszeichnung, die Berufung zum „Companion of the Order of Australia“, zuteil werden sollte, gab es laute Proteste von Seiten ranghoher australischer Politiker. Man behauptete, Singer hielte das Töten von Kindern für erlaubt, da ein Kind keinerlei Rechte besitze, bevor es kein Bewusstsein solcher Rechte hätte. Als Singer im vergangenen Jahr der Ethik-Preis der Giordano-Bruno-Stiftung verliehen wurde, hatte Peter Hüppe, Behindertenbeauftragter der Regierung, nur den Titel eines „Tötungsphilosophen“ für ihn übrig. Über die Vorwürfe, die Singer sich gerade in Deutschland nach der Veröffentlichung seines Buches „Praktische Ethik“ (1984 erstmals in Übersetzung erschienen) anhören musste, gibt ein Anhang in der zweiten Auflage Auskunft, der den Titel trägt Wie man in Deutschland mundtot gemacht wird.
Das Diskussionsklima ist seitdem deutlich milder geworden. Singer gilt heute als einer der populärsten und fachlich anerkanntesten Moralphilosophen weltweit. Seine Bücher erscheinen in zahlreichen Sprachen und werden auch von einer breiten außerakademischen Öffentlichkeit rezipiert, zumal Singers Philosophie stets auf unmittelbare praktische Konsequenzen aus ist und ihr philosophisches Elfenbeinturmdasein kaum angelastet werden kann. Die moralphilosophische Theorie des Utilitarismus, die Peter Singer in der spezifischen Variante des sogenannten „Präferenz-Utilitarismus“ vertritt, dürfte zumindest in englischsprachigen Ländern eine der verbreitetsten Auffassungen in der Ethik sein und findet auch in Deutschland immer mehr Anhänger (Norbert Hoerster, Dieter Birnbacher, Bernward Gesang und andere), wo das philosophische Klima dem Utilitarismus lange Zeit nicht günstig war, da er angeblich genuin moralische Überlegungen durch reine Nützlichkeitserwägungen ersetze und letztlich auf bloße Nutzenmaximierung hinauslaufe.
Doch auch wenn Singers Thesen in den heutigen öffentlichen Debatten oftmals positiv aufgenommen werden, scheinen die philosophischen Fundamente, auf denen diese Thesen beruhen, nicht immer hinreichend klar zu sein. Bekannt ist etwa Singers Auffassung, dass Tieren bestimmte Rechte zukämen und dass wir uns vegetarisch ernähren sollten, solange wir nicht sicher ausschließen können, dass durch unseren Fleischkonsum keine Tiere unnötig leiden müssen. Der Widerstand gegen solche Thesen ist heutzutage glücklicherweise wesentlich geringer, als dies noch in den 70er Jahren der Fall war, als Singer mit seinem Buch Animal Liberation öffentlich Partei für Tiere und deren Rechte ergriff. Aber es ist nicht immer klar, warum genau Tiere eigentlich unsere moralische Rücksichtnahme verdienen und weshalb wir sie bei unseren moralischen Überlegungen berücksichtigen sollten. Denn zweifellos sind „nichtmenschliche Tiere“ vom Tier namens „Mensch“ in vielerlei Hinsichten sehr verschieden.[*] Tiere können keine weitreichenden Zukunftspläne entwerfen, keine Romane schreiben oder darüber nachdenken, ob es abstrakte Gegenstände gibt. Tiere würden in jedem IQ‑Test gnadenlos durchfallen und ob sie überhaupt über ein gewisses Maß an Rationalität verfügen, ist umstritten. Die Frage aber ist, ob solche Unterschiede in den Fähigkeiten auch rechtfertigen können, dass wir Tiere aus dem Bereich unserer moralischen Rücksichtnahme ausschließen dürfen. Stehen Tiere also moralisch jenseits des Menschen? Singers Antwort auf diese Frage ist bekannt: Obwohl Tiere eingestandenermaßen über gänzlich andere (und in vielen Fällen bedeutend geringere) Fähigkeiten als Menschen verfügen, kommt ihnen ein moralischer Status zu. Ihre Interessen sollten genauso berücksichtigt werden wie unsere menschlichen. Ich möchte im Folgenden versuchen, Singers Begründung für diese These zu erläutern.
Am Grund von Singers Präferenzutilitarismus liegt etwas, das in der Philosophie immer am Grund liegt, nämlich ein Prinzip. Singers Moralprinzip hört auf den schönen Namen „Prinzip der gleichen Interessenabwägung“ (im Folgenden PdgI) und besagt, dass wir in moralischen Entscheidungssituationen stets diejenige Handlung wählen sollten, die im Hinblick auf die Interessen aller Betroffenen die besten Konsequenzen hat. Durch die Orientierung an – sehr weit verstandenen – Interessen grenzt sich Singer von früheren Formen des Utilitarismus ab, die etwa Lustmaximierung ins Zentrum moralischer Erwägungen stellten. Fundamentale Interessen sind zum Beispiel diejenigen, keine Schmerzen zu erleiden, die eigenen Fähigkeiten zu entfalten, Grundbedürfnisse zu befriedigen oder zukünftig ein glückliches Leben zu führen.
Die Antwort darauf, warum das PdgI gelten soll, ist nicht leicht zu geben und Singers Argumente dafür sind möglicherweise nicht besonders klar und stark. Dennoch sei versucht, sie hier darzustellen. Singer stellt zunächst eine fundamentale Frage: Was heißt es überhaupt, einen moralischen Standpunkt einzunehmen? Eine Antwort darauf sollte zumindest minimale Bedingungen dafür angeben, was es heißt, sich moralisch zu verhalten. Singer meint nun, es gehöre notwendig zum Begriff der Moral bzw. Ethik (Singer benutzt beide Begriffe synonym), dass ich einen überindividuellen, überparteilichen Standpunkt einnehme. Ethik sei in diesem Sinne stets universal. Aus dieser Minimalbedingung für jede nur denkbare ethische Position folgt nun laut Singer unmittelbar das PdgI. Ein paar Zitate zur Illustration:
„[D]er Begriff der Ethik enthält die Vorstellung von etwas Größerem, als es das Individuum ist. Wenn ich mein Verhalten mit moralischen Gründen vertreten will, kann ich mich nicht nur auf die Vorteile beziehen, die es mir bringt. Ich muss mich an ein größeres Publikum wenden.“ (PE, 26[**])
„Wir haben [...] gesehen, daß ich, wenn ich ein moralisches Urteil fälle, über einen persönlichen oder partikularistischen Standpunkt hinausgehen und die Interessen aller Betroffenen berücksichtigen muß. Dies bedeutet, daß wir Interessen einfach als Interessen abwägen, nicht als meine Interessen oder die Interessen der Deutschen oder die Interessen der Weißen. Dies verschafft uns ein grundlegendes Prinzip der Gleichheit: Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung.“ (PE, 39)
„Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung funktioniert wie eine Waagschale: Interessen werden unparteiisch abgewogen. Echte Waagen begünstigen die Seite, auf der das Interesse stärker ist oder verschiedene Interessen sich zu einem Übergewicht über eine kleinere Anzahl ähnlicher Interessen verbinden; aber sie nehmen keine Rücksicht darauf, welche Interessen sie wägen.“ (PE, 40)
Wenn ich mich also überhaupt moralisch verhalten will, dann darf ich nicht nur die eigenen Interessen, sondern muss die Interessen aller Beteiligten berücksichtigen, und zwar unabhängig von den Eigenschaften und Fähigkeiten der Träger dieser Interessen. Wenn man das PdgI in dieser Form akzeptiert, ist der Schritt zur Berücksichtigung der Interessen von Tieren nur sehr klein. Denn fraglos besitzen die allermeisten Tiere einen gewissen Grad an Bewusstsein, sind empfindungsfähig und bilden dementsprechend Interessen aus – etwa das Interesse, Schmerz zu vermeiden. Es wäre nun laut Singer schlicht Willkür bzw. „Speziezismus“, d.h. willkürliche Bevorzugung der Interessen nur der jeweils eigenen Spezies, solche Tierinteressen nicht gleichermaßen zu beachten wie unsere menschlichen Interessen:
„Die Grenze [der moralischen Rücksichtnahme auf die Interessen anderer] durch irgendwelche anderen Merkmale wie Intelligenz oder Rationalität festsetzen hieße sie willkürlich festsetzen.“ (PE, 85)
Das PdgI impliziere also bereits, dass es sich als Gleichheitsprinzip auf alle interessenausbildenden Wesen bezieht, d.h. auch auf Tiere.
Natürlich sind damit nicht alle Probleme gelöst. Singers Utilitarismus sieht sich gewichtigen Fragen gegenüber. Kann das PdgI wirklich aus dem Begriff der Ethik abgeleitet werden, wie Singer zuweilen andeutet (vgl. PE, 29, 39)? Was sind die „echten Waagen“ (PE, 40 – siehe obige Zitate), mit denen wir Interessen abwägen sollen? Wie wird entschieden, welche Interessen in welchem Maße berücksichtigt werden sollen? Und warum sollte ich mich überhaupt moralisch verhalten? Singers Antworten auf solche Fragen konnten hier nicht diskutiert werden. Hier kam es mir nur darauf an, auf das Moralprinzip des Präferenzutilitarismus und dessen Konsequenzen für die Tierethik hinzuweisen. Und die sind gewichtig. George W. Bush junior hat einmal in einem seiner helleren Momente gesagt „I know that human being and fish can coexist peacefully!“ Wenn Fische auch nur ein minimales Interesse daran haben sollten zu leben, und wenn Singer mit seinem „Prinzip der gleichen Interessenabwägung“ Recht hat, dann kann die Menschheit nicht nur friedlich mit den Fischen leben, ohne diese für eigene Zwecke zu töten – sie sollte es auch.
Fußnoten
[*] Ich werde hier der Einfachheit halber an der alltagssprachlichen Bezeichnung „Tier“ und „Mensch“ festhalten, ohne dadurch nahezulegen, der Mensch sei kein Tier. In der englischsprachigen Philosophie hat sich die Unterscheidung zwischen „non-human animals“ und „human animals“ eingebürgert, die solche Missverständnisse ausschließt.
[**] Alle Zitate aus: Peter Singer: Praktische Ethik, 2. revidierte und erweiterte Auflage, Stuttgart (Reclam) 1994. (Im Folgenden PE)
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