Vorlesungsmanuskripte zur Sprachphilosophie, Ontologie, Ästhetik und mehr

Ich habe schon ab und zu erwähnt, dass ich die Arbeiten von Maria Reicher-Marek (derzeit RWTH Aachen) für sehr lesenswert halte. Sie gehört nämlich zu den Philosophen, bei denen man sofort merkt, dass sie einem als Leser etwas erklären wollen und sich darum bemühen, so verständlich und klar wie möglich zu schreiben – eine Tugend, die man bei deutschsprachigen Philosophen immer noch viel zu selten findet. Und natürlich kennt sie sich auch sehr gut mit dem aus, worüber sie schreibt, und das sind in erster Linie sprachphilosophische, ontologische und ästhetische Theorien. Auf der Institutshomepage der Universität Graz, wo sie früher lehrte, gibt es einige Vorlesungsmanuskripte von ihr zum Download:

Im Angebot sind Vorlesungen zur Sprachphilosophie, Ästhetik, Ontologie, zur Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart. Die Vorlesung zur Philosophie der Gegenwart beginnt bei Brentano und endet bei Searle. Der Titel ist ein bisschen irreführend, denn natürlich geht es nicht um alles, was in der Gegenwartsphilosophie je diskutiert wurde, sondern vor allem um Theorien der Intentionalität, der Bedeutung und um die Debatten um Eigennamen. Nicht alles ist ausführlich behandelt (z.B. wird Quines behavioristische Bedeutungstheorie nur ganz kurz gestreift) , aber ich habe doch einiges gelernt, etwa über Strawsons Kritik an Russells Theorie der Kennzeichnungen, Quines Kritik an der Analytisch-Synthetisch-Unterscheidung oder Kripkes “Kausaltheorie der Eigennamen”.

Die Einführung in die Ontologie fand ich vor allem deswegen interessant, weil man viel über Alexius Meinong lernen kann, der ja hierzulande (jedenfalls nach meiner Wahrnehmung) noch zu den unbekannteren und vielleicht sogar vergessenen Philosophen gehört. Meinong hat eine ziemlich merkwürdige Ontologie vertreten, mit realen und idealen Gegenständen und Objekten und Objektiven. Warum das attraktiv sein kann, kann man in der Vorlesung sehen.

Also, wer gute Einführungen in die genannten Themengebiete sucht, dem seien diese Vorlesungen empfohlen.

Philosophen in den 80ern…

… sahen so aus.

Dieses Bild von einer Donald-Davidson-Konferenz, die 1984 an der Rutgers University stattfand, hat Brian Leiter kürzlich in seinem Blog verlinkt. Unter dem Bild ist eine Liste mit den identifizierten Personen, wozu u.a. Quine, Putnam, Kripke, Dummett und andere nicht völlig unbekannte Philosophen zählen.

Heitere Beispiele #1

In der Philosophie sind aus irgendeinem Grund alberne bis absurde Beispiele beliebt, übrigens insbesondere in der analytischen Tradition. Woran das liegt, das weiß so genau keiner, ist ja aber auch egal. Oft haben diese Beispiele auch eine extrem lange Lebensdauer und man weiß nicht so recht, wer überhaupt der Erfinder des Beispiels war, auch wenn man in einer großen Zahl von Fällen mit guten Gründen auf Wittgenstein, Putnam, Quine oder am besten immer gleich auf Wittgenstein tippen kann.

Ich werde, wenn mir welche auffallen, mal die heiteren dieser Beispiele hier sammeln. Heute macht den Anfang Gregory Currie. Selbiger erklärt die Grenzen seines Kommunikationsbegriffs mit einem Satz heißer Ohren:

“If my ears turn red when it rains, and you see my ears turn red und infer that it’s raining, I have not communicated anything to you [...].”

[aus: G. Currie: The Nature of Fiction. Camebridge University Press 1990, S. 25]

Titelanleihen bei der Populärkultur

Ich habe vor kurzem einen Vortrag von Wolfgang Detel gehört, in dem er zu Beginn bemerkte, dass es bei vielen Analytischen Philosophen beliebt ist, für die Titel ihrer Arbeiten Zitate aus der Populärkultur zu verwenden. Vielleicht das bekannteste Beispiel (ich allerdings wusste das nicht) ist Quines Buch From A Logical Point Of View von 1953, das sich einem Harry-Belafonte-Song verdankt (hier in einer Version von Robert Mitchum), der die schönen Verse enthält:

So from a logical point of view,
Marry a woman uglier than you.

In einem neu geschriebenen Vorwort von 1980 schrieb Quine:

Henry Aiken and I were with our wives in a Greenwich Village nightspot when I told him of the plan, and Harry Belafonte had just sung the calypso “From a logical point of view.” Henry noted that this would do nicely as a title for the volume, and so it did.

Als ein zweites Beispiel verwies Detel auf Putnams 1962 veröffentlichen Aufsatz It Ain’t Necessarily So , das sich Gershwins Song aus Porgy and Bess verdankt (hier eine Version mit Aretha Franklin).

Wenn jemandem mehr Beispiele einfallen, bitte hier posten!

Grazer Philosophische Studien ehren Wolfgang Künne

Benjamin Schnieder und Moritz Schulz (siehe phloxgroup-blog) haben ein Heft der Grazer Philosophischen Studien herausgegeben, das Wolfgang Künne gewidmet ist:

Das Heft enthält neben den Artikeln, die im phloxgroup-blog aufgelistet werden, auch eine sehr hilfreiche Künne-Bibliographie.

Ich mache dafür hier Werbung, weil ich Wolfgang Künne für einen der besten deutschen Philosophen halte, auch wenn ich nur sehr weniges von ihm gelesen habe. Der Beschreibung von Schnieder und Schulz im Vorwort kann ich aber nur beipflichten:

His work lives up to the highest standards of clarity, rigour, and respect for the details of philosophical arguments and problems. But he is not only an excellent, precise, and elegant writer and lecturer in English and German, he is also an extremely careful and charitable interpreter of philosophical texts. He is, we may suspect, a reader of the kind that Wittgenstein desired to have, when he famously wrote “I should like to be read slowly. (As I read myself )”. (S. viii)

Mir fällt kein anderer deutscher Philosoph ein, der so genau, klar und sauber argumentiert wie Künne, und das ganze oft mit einer gar nicht mal kleinen Prise Humor. Sein Buch über Wahrheitstheorien kann ich jedem, der sich für Wahrheitstheorien interessiert, nur allerwärmstens ans Herz legen. Künne stellt darin in aller wünschenswerten Explizitheit und so leicht verständlich, wie es das Thema eben hergibt, die wichtigsten Wahrheitstheorien und wahrheitstheoretischen Probleme dar und kritisiert sie messerscharf. Ebenso empfehlenswert ist sein schon etwas älteres, aber vor ein paar Jahren neu verlegtes Buch Abstrakte Gegenstände, in dem – wie der Titel schon sagt – eine Theorie abstrakter Gegenstände entwickelt wird (hier im Blog habe ich schon ab und zu das Thema abstrakter Gegenstände berührt, etwa wenn’s um die Ontologie von Kunstwerken ging).

Komischerweise ist Künne, der heute eher der analytischen Philosophie zuzurechnen ist, ein Gadamer-Schüler, und hat dann auch noch seine Dissertation über Hegel geschrieben. Künne ist also der lebende Beweis dafür, dass Gadamer-Einfluss nicht philosophisch impotent machen muss. Und darüber hinaus deutet das auch seinen Wissens”horizont” an (<– Wortspiel für Insider), der Mann scheint sich so gut wie überall auszukennen und scheint in der kompletten Philosophiegeschichte zu Hause zu sein. (Man gönne sich nur mal die Fußnoten etwa aus Kap. V in Abstrakte Gegenstände, da geht’s von Platon und Quintilian über Thomas von Aquin und Locke bis Spengler, Frege, Tarski, Quine und Kripke).

Kurz: Guter Mann, der Künne.

Nachtrag 21.01.2012: Eine nicht sehr wohlmeinende Rezension erschien gerade hier.

Das philosophische Gedicht

Heute starte ich die Reihe “Das philosophische Gedicht” mit Lyrik, die zu Herzen geht. Hier die Nr. 1:

- – -

Wittgenstein sprach einst zu Russell:
“Jetzt mal Schluss mit dem Gequassel!
Hier in diesem Raumambiente
ist doch eine Hasenente!”

Russell sprach zu Wittgenstein:
“Lass mal diesen Unsinn sein!
Hier im Raum, hinter der Vase,
steht doch wohl ein Horn mit Nase!”

Da sprach Quine zu allen zween:
“Keins von beiden kann ich sehn!
Mir scheint, hier im Raume sei
nur ein kleiner Gavagai!”

Zu den drein ein Löwe sprach:
“Meine Herren, denkt mal nach!
Wenn zu euch ein Löwe spricht,
ist im Raum ein Löwe, nicht?”

Keiner konnte das verstehn.
Auch egal. Auf Wiedersehn.

Quine im Gespräch mit Daniel Dennett, Paul Horwich und Martin Davies

Ein kleiner Schatz:

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